„Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“ – Dieses dem einstigen deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck zugeordnete Zitat besagt, dass Menschen in derartigen Situationen zu Übertreibungen und Lügen neigen. Um die Wirkung von Ereignissen nach außen hin zu kontrollieren. Und um Ziele zu erreichen.<BR /><BR />Bei Wahlen und im Krieg passiert das mittels Propaganda. Das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen wird gezielt beeinflusst. Im Nahostkonflikt kommen hierfür mittlerweile sogar Fake-Bilder zum Einsatz, die mittels Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt werden. <h3> Im Krieg nichts Neues</h3>Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Bilder seit jeher für Kriegspropaganda verwendet wurden – zuerst Zeichnungen und Gemälde, dann Fotos und bewegte Bilder. <BR /><BR />„Und immer wurden sie auch manipuliert. Das heißt, seit es Bilder gibt, gibt es Bildmanipulation“, erklärt der aus dem Vinschgau stammende Historiker und Konfliktforscher Kurt Gritsch. Künstliche Intelligenz erfinde also das Rad nicht neu. Denn spätestens seit es Photoshop gibt, wisse jeder, wie leicht ein Bild manipuliert werden könne. Der Einsatz von Filtern in Handyfotos und nun als jüngste Entwicklung der Einsatz von KI setzten diesen Trend lediglich fort – allerdings auf ganz neue Art und Weise. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001521_image" /></div> <BR />Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz gebe es beispielsweise keine Grenzen mehr hinsichtlich Motiv, Sprache und Visualisierung eines Bildes. Das sagt der KI-Experte und Gründer der Tech-Firma „506 Data & Performance“, Gerhard Kürner. <BR /><BR />„Alles, aber wirklich alles, was Sie sich ausmalen können, können Sie beliebig oft nachstellen“, betont der KI-Experte aus Wels. Ein weiteres Novum: Jeder Mensch könne problemlos falsche Propagandabilder und -videos erstellen und in sozialen Netzwerken in Sekundenschnelle verbreiten. Auch anonym oder mit Fake-Profilen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001524_image" /></div> <BR /><BR />Social-Media-Hersteller und Online-Fotobibliotheken wie „Adobe“ versuchen bereits, derartige KI-Bilder zu kennzeichnen. „Doch durch die genutzten automatischen Bildprüfmethoden sind in der Regel nur 30 bis 40 Prozent der Bildmanipulationen zu erkennen“, gibt der KI-Experte zu bedenken. Es gebe also (noch) keine Garantie, dass eine Prüfmethode felsenfest feststellen könne, ob ein Bild mit KI erstellt wurde oder nicht.<h3> Ein Spiel mit Emotionen</h3> Das Gefährliche an der ganzen Sache sei laut Kürner, dass KI-Bilder ein Ziel eigentlich immer erreichten: Sie lösen Gefühle im Betrachter des Bildes aus. „Der Mensch reagiert extrem schnell auf visuelle Aufnahmen. Und jede Emotion, die ein Bild – auch ein künstlich generiertes – im Betrachter auslöst, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.“ Eine fatale Entwicklung, die die Kriegspropaganda auf ein neues Level hebt. Denn selbst wenn der Betrachter an der Echtheit zweifelt, das Ziel der Emotionalisierung ist bereits erreicht. <BR /><BR />Genau deshalb sei es wichtig, sich immer wieder zu vergewissern, dass sich die ausgelösten Emotionen auf eine falsche, künstlich kreierte Basis stützen.<h3> Das manipulierte Bild</h3>Mit Blick auf den Nahostkonflikt fällt auf, dass besonders gerne Bilder verbreitet werden, die brutale Bombenangriffe und palästinensische Opfer inszenieren (vor allem Kinder und deren Eltern). <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001527_image" /></div> <BR /><BR />KI-Experte Arnold Oberleiter aus St. Peter im Ahrntal verrät, woran man an den Bildern erkennt, dass es sich um Fakes handelt. Oberleiter baut Chatbots für Unternehmen und bietet Online-Kurse zum Thema Künstliche Intelligenz an.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001530_image" /></div> <BR /><b>Bild 1:</b> „Dieses Bild ist zu 95 Prozent KI-generiert. Ich vermute, dass es mit dem Programm „Midjourney„ erstellt wurde. Das Bild wirkt realistisch, wobei die Farbkompositionen zu “perfekt„ sind. Außerdem kann man an einigen kleineren Details der Umgebung (etwa den Häuserdächern) erkennen, dass sie nicht ganz realistisch aussehen. Auch der Haarzopf des Mädchens wirkt bei genauem Hinsehen nicht echt.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001533_image" /></div> <BR /><b>Bild 2:</b> „Dieses Bild ist zu 98 Prozent KI-generiert. Auch dieses dürfte mit „Midjourney„ produziert worden sein. Hier wirkt besonders die Umgebung außerhalb der Explosion auffällig unecht, genauso wie die Farbkomposition. Die linke Seite im Bild ist eventuell zu dunkel dafür, dass rechts die Sonne scheinen soll.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1001536_image" /></div> <BR /><b>Bild 3:</b> „Diese Aufnahme ist zu 100 Prozent KI-generiert. Auf diesem Bild kann man sehen, dass Finger und Zehen nicht in der richtigen Anzahl vorhanden sind oder seltsam aussehen. Die Kompositionen der Extremitäten sind nicht sehr gut. Ein weiteres Indiz für ein künstlich generiertes Bild könnte die schlechte Qualität des Bildes sein.“ <h3> Es gibt noch ein Problem</h3>Trotz der vielen Fake-Bilder sieht Gerhard Kürner das große Problem allerdings nicht bei den Bildern, geschweige denn beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das „Problem“ liege beim Betrachter. Dieser mache sich emotional etwas Falsches vor: „Wir betrachten Bilder niemals neutral, weil wir konditioniert sind, aus einem Bild automatisch etwas abzuleiten. Und dieser Schluss kann stimmen oder eben nicht. Unsere Konditionierung ist also die unlösbare Problematik, nicht das Bild. Deshalb ist es wichtig, auf diese Konditionierung aufmerksam zu machen und sie zu hinterfragen.“ <BR /><BR />Wie Kürner, so gibt auch dem Historiker Kurt Gritsch ein weiterer Punkt zu denken, unabhängig vom manipulierten Bild: „Je einfacher Bilder und Gefühle manipuliert werden können, desto misstrauischer werden Rezipienten.“ Dies führe zur Situation, dass Menschen irgendwann eine radikale Bild-Skepsis an den Tag legen und keinem Bild mehr glauben könnten – auch nicht einem solchen, das auf seinen (journalistischen) Wahrheitsgehalt hin überprüft wurde. Und das sei das eigentlich Fatale. Künstliche Intelligenz hin oder her. <BR />