Montag, 15. Januar 2018

Die Armbanduhr in Zeiten des Smartphones

An Handgelenken junger Leute hängen eher Freundschaftsbändchen als Armbanduhren. Allenfalls Smartwatches mit Minicomputer noch. Manche Schweizer Uhrmacher setzen dennoch bewusst aufs Traditionelle. Wenn sich die Uhrmachermeister in der MB&F-Werkstatt in Genf über ihre neueste Kreation beugen, spielt Zeit keine Rolle.

Smartwatches haben bisher das Geschäft mit den klassischen Uhren nicht beeinträchtigt.
Smartwatches haben bisher das Geschäft mit den klassischen Uhren nicht beeinträchtigt. - Foto: © shutterstock

Die Manufaktur hat im vergangenen Jahr ganze 245 Zeitmesser hergestellt. „Hinter jedem Stück stehen drei Jahre Design, und jedes Teil besteht aus 300 bis 600 Komponenten“, sagt Firmengründer Maximilian Büsser. MB&F stellt exklusive mechanische Armbanduhren und Zeitmesser her. Büsser präsentiert die Stücke auf der Luxusuhrenmesse SIHH in Genf. Hier stellen 35 der Exklusivsten der Branche aus, die Messe (15.-19.1.) steht für Uhrentradition vom Feinsten.

Aber sind traditionelle Armbanduhren in Zeiten von Smartwatches nicht Auslaufmodelle? „Wenn ich im Preissegment von 300 bis 500 Euro unterwegs wäre, wäre ich in Panik, da sehe ich praktisch keine Zukunft“, sagt Büsser.
Ein Blick an die Handgelenke junger Leute zeigt: Armbanduhr war offenbar gestern. Viele zücken das Handy zum schnellen Uhrzeitcheck, andere haben smarte Minicomputer umgeschnallt, die GPS-Koordinaten zeigen, Fitnessdaten sammeln und Passwörter verwalten.

Die „Freunde mechanischer Uhren“ lamentieren in ihrem Online-Forum: „Ich sehe doch die jüngere Generation viel eher mit Smartphones in der Hand, als mit Uhren am Arm.“ Darauf ein anderer: „Es muss nicht immer jeder mit dem Strom schwimmen, nur weil alle anderen ihre Handys oder sonstigen Schnickschnack zum Zeitablesen benutzen.“

Uhren sind Schmuckstück, nicht nur Mittel zum Zweck 

Ein werbefinanziertes Nachrichten-Online-Portal beschwört junge Leser, dass herkömmliche Uhren auch etwas für sich haben: „Nicht zu jedem Anlass empfiehlt es sich, das Handy aus der Tasche zu holen. Am Strand, bei einer Beerdigung oder einer Hochzeit ist eine Armbanduhr praktischer, um nach der Uhrzeit zu schauen“, heißt es da. Oder: „Armbanduhren helfen Männern nicht nur dabei, ihren Terminplan einzuhalten, sondern auch, ihren Style darzustellen. Ein schneller Blick zu eurem Handgelenk ist eine weitaus stilvollere Möglichkeit, während eines Dates oder Meetings die Zeit im Auge zu behalten.“

Smartwatches beeinträchtigen das Geschäft mit klassischen Uhren nicht

Beim Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie schrillen keine Alarmglocken. „Bis jetzt kann man nicht sagen, dass Smartwatches das Geschäft mit anderen Uhren beeinträchtigen“, sagt Verbandspräsident Jean-Daniel Pasche. „Aber man kann auch das Gegenteil nicht beweisen.“ In der Schweiz gehe der Trend seit Jahren sogar eher Richtung mechanische Uhren, wert- und stückmäßig, sagt Pasche.

Einige Edelhersteller versuchen den Spagat mit Armbanduhren, die wie traditionelle Uhren aussehen, aber Smartfunktionen bieten. Zum Beispiel Tag Heuer mit seiner Connected für mehrere tausend Euro. Aber Büsser bleibt entspannt der Tradition verpflichtet. „Zwei Dinge können Smartwatches uns nie geben: Ein Kunstwerk am Arm, das eine Seele hat, und Status“, sagt er. „Das wird unsere Industrie retten.“

apa/dpa

stol