Mittwoch, 14. November 2018

London: Aufs stille Örtchen mit der WC-App

Durchschnittlich verbringt jeder Mensch zwischen eineinhalb und 3 Jahren auf dem Klo. Doch Rachel Cole-Wilkin bringt dort ihr halbes Leben zu. Die 29-Jährige zog vor 7 Jahren von San Francisco nach London, um Schauspiel zu studieren. Warum sie nach dem Abschluss blieb? Ihr liegen öffentliche Toiletten am Herzen.

Durchschnittlich verbringt jeder Mensch zwischen eineinhalb und 3 Jahren auf dem Klo.
Durchschnittlich verbringt jeder Mensch zwischen eineinhalb und 3 Jahren auf dem Klo. - Foto: © shutterstock

Rachel bietet seit 2012 in London die „Loo Tours“ an, Führungen zu stillen Örtchen. Ihr Erkennungszeichen am Treffpunkt ist eine Saugglocke. Hoch erhobenen Pömpels zieht sie durch die Straßen der britischen Hauptstadt, gekleidet in regenbogenfarbene Ringelsocken, im Schlepptau Menschen, die mehr über Toiletten und die Londoner Kanalisation lernen wollen.

In den USA seien öffentliche Toiletten kostenlos, erzählt Rachel. Bei den Briten läuft das anders: Die verlangen umgerechnet oft mehr als 50 Cent pro Klogang. Zu „müssen“ ist aber nun mal ein menschliches Grundbedürfnis, dafür Geld zu verlangen, sei falsch, meint sie. Also nahm sie sich vor, jede kostenfreie Toilette der Stadt aufzuspüren. „Ich war wie besessen“, sagt sie.

Interesse an Kanalisation und öffentlichen Toiletten wird zur Leidenschaft 

Aus der Besessenheit entwickelte sich ein Interesse für die Geschichte der Toilette und daraus die Idee, Führungen zu kuriosen Klosetten anzubieten. Es gibt kaum einen passenderen Ort für die „Loo Tours“ als London: Hier ließ sich 1775 der Erfinder Alexander Cumming das erste Patent auf die Toilette mit Spülung ausstellen.

Rachels Tour führt von der Waterloo Station über die Themse bis nach Covent Garden. Gestoppt wird auch am „Jubiloo“, dem wohl patriotischsten Klo der Stadt, direkt neben dem Riesenrad London Eye. Ein Architekt hat das Häuschen entworfen, gespült wird mit Regenwasser. Alles schreit hier nach Royal Britain. Die Queen lächelt von den Wänden, der Union Jack ist auf den Klodeckeln, Mülleimern und Spiegeln. Das „Jubiloo“ ist Rachels Lieblingsklo – und das, obwohl man bezahlen muss. Dafür ist der Service entsprechend: Nach jedem Gast wird die vaterländische Schüssel einmal abgewischt.

Toilettenschließung wegen zur hoher Mieten

Dem Nationalstolz zum Trotz munkelt man, dass das Klohäuschen aber bald verschwunden sein könnte, der Mietvertrag läuft aus. Und selbst wenn es einen neuen gibt, kann sich den der Betreiber vielleicht nicht mehr leisten. Die Mieten in London sind hoch, auch für öffentliche Waschräume. Und müssen die in der Folge schließen, werden sie oft in Wohnungen oder Bars umgebaut.

Die British Toilet Association (BTA) schätzt, dass es in Großbritannien 40 Prozent weniger öffentliche Toiletten gibt als noch vor zehn Jahren. Das liegt vor allem daran, dass die Regierung seit 2011 den Kommunen weniger Geld zur Verfügung stellt. „Dadurch können die sich den Betrieb der Toiletten nicht mehr leisten“, sagt Raymond Martin, Geschäftsführer der BTA. Für ältere Personen und Menschen mit Behinderung brauche es aber mehr und besser ausgestattete Waschräume. Besonders in London, einer Stadt die jährlich mehr Touristen als Einwohner sieht, ist das ein Problem.

Mit der App aufs stille Örtchen

Damit man in Großbritannien die Toiletten, die übrig sind, auch findet, haben Rachel und die BTA geholfen, eine Online-Karte für Klos zu erstellen. Für das Zentrum von London gibt es mittlerweile sogar eine App, die auf Waschräume mithilfe von Augmented Reality hinweist. Auch das „Jubiloo“ lässt sich so finden. Von dort führt die „Loo Tour“ weiter Richtung Norden, der nächste Halt ist auf der Golden Jubilee Bridge mitten über der Themse – dem größten Klo Londons.

dpa

stol