„Friede sei mit Dir, mein Freund“, sagt der KI-Jesus etwa gütig. „In Zeiten der Unsicherheit und des Zweifels erinnere Dich daran, dass Glaube Berge versetzen kann. Was bedrückt Dein Herz heute?“<BR /><BR />Der KI-Jesus sei ein Experiment, betonen die Oberen der Peterskapelle in Luzern. Das Gotteshaus hat Wurzeln im 12. Jahrhundert und liegt gleich neben der weltberühmten Kapellbrücke. Es sei nie um einen Ersatz für echte Beichtgespräche gegangen, sagt Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter. Der KI-Jesus wurde mit harten Fragen trainiert und mit dem neuen Testament gefüttert, sagt er.<BR /><BR />„Ich war oft überrascht, wie gut die Antworten waren“, sagt Schmid. Abgedroschenes kam vom KI-Jesus aber auch. Eine Kostprobe: „In einer Zeit der Technologie und schnellen Veränderungen bleibt der Kern unseres Glaubens unverändert: Liebe, Hoffnung und Glaube“. Dazu sagt Schmid: „Prediger sind auch oft schlecht.“<BR /><BR />Viele Kirchen experimentieren mit KI. Zum Reformationstag 2023 bot die Evangelische Kirche im Rheinland etwa einen KI-gesteuerten Avatar von Martin Luther an, der Fragen beantwortete. <h3> Ein Jesusbild aus früheren Zeiten</h3>Mühe mit dem Luzerner Design hat Theologin Anna Puzio (30) aus Münster. Sie befasst sich an der Universität Twente in den Niederlanden mit Technikethik und betont, dass sie sehr offen sei für KI im religiösen Raum. „Da wird als Jesusbild ein sehr westlich geprägter Mann mit Bart erzeugt – das ist ein Bild, das wir in der Theologie schon lange überwunden haben.“<BR /><BR />Das gelte auch für viele Antworten, so Puzio. Die KI nutze unreflektiert Datenmaterial aus alten religiösen Schriften und erzeuge damit zum Beispiel ein überholtes Bild der Frau: „Das stärkt alte religiöse Vorstellungen, die in der Theologie längst als überholt gelten, und auch fundamentalistische Tendenzen in der Kirche.“ Texte aus der Bibel müssten immer interpretiert und in einen modernen Kontext gebracht werden. „Das hat die KI nicht geleistet.“<h3> Antworten wie aus der Kanone geschossen</h3>In dem Beichtstuhl sah der Jesus-Avatar nach althergebrachtem Bildnis hinter dem Gitter zwischen Beichtendem und Seelsorger ziemlich echt aus. Die Worte der Besucher wurden aufgenommen und in einen Computer gespeist. Die Antwort wurden mit ChatGPT generiert und von dem Avatar geäußert.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1114356_image" /></div> <BR /><BR />Schmid bemängelt: „Er schießt die Antworten raus wie aus einer Kanone, zack-zack, ohne Pausen.“ Das fanden manche schwierig. Andererseits habe er von skeptischen Theologen gehört: „Wenn ich so ausgeglichen-empathisch wie der gesprochen hätte, hätte ich vielleicht ein besserer Seelsorger sein können.“<BR /><BR />Der KI-Jesus war ein zweimonatiges Experiment, geschaffen mit der Hochschule von Luzern, das bis Oktober lief. 60 Prozent von 290 Menschen, die nach ihrem Gespräch mit dem KI-Jesus einen Fragebogen ausfüllten, hätten sich religiös-spirituell angeregt gefühlt, sagt Schmid. Das Projektteam wertet die rund 900 Gespräche von 18- bis 70-Jährigen nun weiter aus. <h3> Erster Schritt zum Gespräch mit Seelsorger</h3>KI in der Kirche könne helfen, wenn Menschen sich aus Scham erst mal keinem Seelsorger anvertrauen wollen, meint Schmid. So ein Gespräch könne ein erster Schritt zur Öffnung sein. Eine Autistin habe ihm gesagt, das Gespräch mit dem KI-Jesus sei einfacher für sie gewesen, weil sie sich schwer auf andere Menschen einlassen könne. In Schulklassen, die mit dem KI-Jesus über Videolink sprachen, sei anschließend rege über Religion diskutiert worden.<BR /><BR />In der Kapelle waren immer Seelsorger zur Hand, falls jemand von der Begegnung aufgewühlt gewesen wäre. Das sei nicht passiert.