Ahmed Toumi (20) über eine Spielzeugwaffe aus Chinaladen, seine Anzeigen in der Vergangenheit und seine Träume für die Zukunft.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>In dem Rappervideo sind Haschischbrote, eine Pistole und Geldbündel zu sehen, die den Besitzer wechseln. Verstehen Sie, dass das Menschen gelinde gesagt beeindruckt, um nicht zu sagen erschreckt?</b><BR />Ahmed Toumi: Ja, das verstehe ich. Das kann schon beeindrucken. Aber das ist die Realität. Drogen, Waffen, Geld, das gibt es auch bei uns, auch wenn die Menschen das nicht sehen wollen. <BR /><BR /><b>Haben Sie das selbst auch gesehen?</b><BR />Toumi: Ja, das habe ich selbst beobachten können – hier bei uns. Aber bei uns im Video ist alles gespielt. Die Spielzeugwaffe haben wir im Chinesenladen gekauft. Auch die Drogen: Alles Fake. <BR /><BR /><b>Warum macht Ihre Gruppe solche Videos mit derart provokanten Bildern?</b><BR />Toumi: Um gewisse Missstände aufzuzeigen, die in unserer Südtiroler Wohlstandsgesellschaft gerne unter den Teppich gekehrt werden. <BR /><BR /><b>Das Video ist auf Youtube nicht mehr zu sehen. Warum?</b><BR />Toumi: Das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht, weil solche Rap-Videos mit Waffen, Drogen und Geld – wie es sie im Übrigen weltweit gibt –, wenn sie in Mailand, Turin usw. gedreht wurden, nicht aus dem Netz genommen werden. Aber in Meran oder Trentino-Südtirol geht das offenbar nicht. Dabei möchte ich einfach nur singen, wie bei meinem ersten Stück „Block Freestyle“. Ich möchte erzählen, was ich erlebt habe. Ich möchte Musiker werden und Mist, den ich zugegebenermaßen gebaut habe, hinter mir lassen.<BR /><BR /><b>Was haben Sie angestellt?</b><BR />Toumi: Ich habe eine Reihe von Anzeigen wegen Diebstahls. Angefangen hat es damit, dass ich mit 14 ein kleines Motorrad gestohlen habe. Als junger Bursche habe ich so manchen Fehler begangen, den ich später bereut habe. Das Problem ist, dass mich die Sicherheitsbehörden heute nicht mehr aus den Augen lassen. Jetzt, als in Sinich die Speed-Check-Box gebrannt hat und ein Auto beschädigt wurde, wurde ich sofort gerufen. Sachbeschädigung und Vandalenakte sind nicht in Ordnung, davon distanzieren wir uns. Es stimmt, ich habe in der Vergangenheit Dummheiten gemacht, meine Schuld, und ich nehme es auf meine Kappe. Aber man muss mich wieder schnaufen lassen. Menschen können Fehler machen, aber für die habe ich gebüßt.<BR /><BR /><b>Und zwar?</b><BR />Toumi: Ich war 8 Monate im Hausarrest und einen Monat im Jugendgefängnis in Treviso, weil ich mich nicht an den Hausarrest gehalten hatte. Dazu habe ich über ein Jahr Sozialstunden gemacht. Und heute ich leiste im Work Up Meran einen Bewährungsdienst ab mit 3 Stunden Dienst pro Tag.<BR /><BR /><b>Ist mit solchen Videos Geld zu verdienen?</b><BR />Toumi: Da es nach der Anzeige vom Netz genommen wurde, logisch nicht. Damit man mit YouTube Geld verdienen kann, braucht man 1000 Abonnenten, die hatten wir schon dank des ersten Videos, und das Video muss insgesamt 4000 Stunden angesehen worden sein. 2000 Stunden hatten wir schon erreicht, aber dann konnte es sich niemand mehr anschauen. Es wird mir verwehrt, Musik zu machen, wie sie im Übrigen viele andere auch machen. Vor Corona habe ich als Kellner gearbeitet, als Saisonskraft. Ebenso mein Bruder. Das ist zurzeit leider nicht möglich. Wir überleben zurzeit dank einiger Corona-Hilfspaket-Zahlungen. Die Musikkarriere ist für uns auch deshalb wichtig und weil sie uns eine Perspektive bietet, die wir uns selbst erarbeiten mit unserem eigenen Können und Fleiß.<BR /><BR /><b>Nach Ihrem Videodreh kontrolliert nun ein privater Sicherheitsdienst die Wobi-Kondominien in Sinich. Und das nur in Sinich und in 2 Vierteln in Bozen. Schlechtes Gewissen?</b><BR />Toumi: Das sind doch vergeudete Zeit und Geld. Wenn man Dinge verstecken will, kann man das auch weiterhin. Wir haben das Video in einer Garage, die zugegeben dem Wobi gehört, gedreht, aber nicht in einem Gemeinschaftsraum des Wobi-Hauses. Das wurde alles aufgebauscht. Es wurde überreagiert, wir wurden sofort attackiert mit Parolen wie „die zweite Generation von Einwanderern schlägt erneut zu mit Pistolen und Haschisch“ anstatt mit uns zu reden. 5, 6 Polizisten durchsuchten mit einem Spürhund die Wohnung. Das hat meine kleine Schwester sehr mitgenommen. Bald stehe ich womöglich vor Gericht wegen der Spielzeugpistole. Wobei ich sagen muss, dass die Stadtpolizei mit uns schon das Gespräch sucht. Von gewissen politischen Kräften dagegen werden wir nur als Sündenbock abgestempelt. Dabei stehen wir jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung.<BR /><BR /><b>Im Video war eine tunesische Fahne zu sehen. Warum?</b><BR />Toumi: Weil ich ein halber Tunesier bin. Aber ich wollte, dass alle, die beim Video mitmachten, ihre Fahne mitbringen. Wir sind ein Albaner, ein Türke, ein Kurde, ein Marokkaner. Nicht als Zeichen einer Abgrenzung, sondern Inklusion.<BR /><BR /><b>Fühlen Sie sich in Meran zu Hause?</b><BR />Toumi:Ich bin in Meran aufgewachsen, fühle mich aber wie viele meiner Altersgenossen hier nicht unbedingt wohl oder frei. Deshalb ich möchte hier weg, weg aus der Region, entweder nach Norditalien oder nach Frankreich, um Musik zu machen. Zumindest möchte ich nichts unversucht lassen. Das Jugendzentrum Jungle ist vielleicht einer der wenigen Ausnahmeorte in Meran, wo man uns zuhört, an mich und unsere Musik glaubt. Das Rap-Video, zu dem ich den Text geschrieben habe, haben wir vor dem Lockdown in nur einem Tag in Eigenregie gedreht. Mit den Rap-Videos wollte ich in Südtirol etwas Neues machen, etwas, das es bisher einfach noch nicht gab. Und ich habe schon ein weiteres Video im Kopf gegen Rassismus, gefälschte Masken und überhaupt Dinge, die so nicht in Ordnung sind. Aber zurück zu Meran: Meran wäre schön, wenn ich alt wäre, aber für einen jungen Menschen ist Meran ein Grab. Hier wird um 7 Uhr abends der Stecker gezogen. Und in gewisse Lokale lassen sie uns gar nicht hinein.<BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Toumi: Grund wird keiner genannt, das hat mit wohl mit dem Aussehen zu tun und der Angst, dass wir drinnen „Casini“ machen.<BR /><BR /><b>Erst jüngst wurde aber ein junger Nordafrikaner dabei gefilmt, wie er hier unter den Lauben einem Mann das gestreckte Bein in den Rücken getreten ist. Sie haben davon gehört, oder?</b><BR />Toumi: Ja, das weiß ich. Das ist kein normales Verhalten, das wir gutheißen können. Gewalt, wie auch immer sie aussieht, ist keine Lösung für Probleme.