<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />Die einen gehen in die Bar, um Freunde zu treffen, die anderen ins Jugendzentrum oder zu einem Verein. Matthias Vitti setzt sich ganz einfach in sein Wohnzimmer, wenn er mit seinen Kumpels abhängen will. Fährt er seinen PC hoch, verwandelt sich der Raum mit den vier Bildschirmen, Kameras und allerhand Equipment nämlich in eine Art virtuelle Kneipe, ein Ort zwischen Fantasie und Wirklichkeit.<BR /><BR />Für etwa 30 Stunden in der Woche wird aus dem 35-jährigen Eppaner Fachmarktmanager dann der Troll „Vaojin“, ein englisch sprechender und italienisch fluchender Südtiroler, der mittlerweile die Streamingszene im Land aufmischt. „Ganz einfach erklärt filme ich mich, während ich Computer spiele und mit Menschen aus aller Welt live chatte“, umreißt der Eppaner, der ursprünglich aus Tramin stammt, sein außergewöhnliches Hobby, das es längst aus der Nerd-Ecke mitten in die Gesellschaft geschafft hat. <BR /><BR />Vitti ist davon zwar noch weit entfernt – doch trotzdem stolz, dass er in nur zwei Jahren stolze 60.000 Menschen auf mehreren Plattformen seine Community nennen darf. „Die meisten sind aus Italien, aber manchmal sitzen auch Leute aus den USA oder sogar aus Australien im Stream. Das ist schon verrückt“, erklärt er den Grund für sein „Bestemmie“-Englisch. Doch Sprache allein macht noch kein Phänomen. Wer „Vaojin“ zusieht, merkt schnell, dass hier ein Mann streamt, der weniger ein Gamer ist als vielmehr ein Entertainer, dessen größte Stärke es ist, ganz ungefiltert seine Emotionen herauszubrüllen und damit humorvollen Content für seine Fans und für seine Social-Media-Kanäle zu kreieren.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254207_image" /></div> <BR />Legendär etwa sind jene Momente, in denen er laut flucht, triumphiert oder sich selbst bestraft, etwa mit Oliven, wenn er im Spiel fünfmal hintereinander stirbt. „Das würgt mich so her, dass ich fast kotzen muss, doch die Community ist entzückt“, schildert Vitti sein impulsives Verhalten vor der Kamera, das er manchmal selbst kaum für möglich hält. Denn ei<?TrVer> gentlich sei er ein sehr introvertierter Mensch und extrem schüchtern, gibt Vitti zu. „Ich werde fast rot, wenn mich auf der Straße jemand anspricht und ein Foto mit mir machen möchte.“ <BR /><BR /><h3> Streamen gegen den inneren Schweinehund</h3>An manchen Tagen passiert es auch, dass er einfach müde ist oder wenig Bock auf Community hat. „Sobald ich aber die Systeme rauffahre, schaltet irgendwie der Hebel um und die Welt schaut viel besser aus“, erzählt er von seinem Alter Ego, das ihn in den vergangenen Jahren offener gemacht habe, wie Vitti sagt. Auch gegenüber allen Kritikern.<BR /><BR />„Klar kann Spielen zum Problem werden, wenn man es übertreibt oder wenn man um Geld spielt. Doch das bin nicht ich“, erzählt Vitti, der schon als Kind ein Ga<?TrVer> ming-Fan war und noch heute Pokemon-Karten sammelt.<BR /><BR />Seine erste Nintendo bekam er mit sieben Jahren, mit zwölf Jahren produzierte er mit einem Freund erste Webcam-Videos. „Zum Glück gab's damals kein YouTube“, lacht er. „Wir hätten uns wohl abgeschossen.“<BR /><BR />Doch die frühe Übung hat aus ihm in all den Jahren einen wahren Meister gemacht. Auf YouTube, Twitch, TikTok und Instagram streamt und postet Vitti regelmäßig Gaming, Reactions, Kochvideos, Unterhaltung – eine bunte Mischung, aus der seine ei<?TrVer> gene Marke entsteht.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254210_image" /></div> <BR />Skripte schreibt er kaum – er möchte natürlich bleiben, spontan, er selbst. Viral gehe etwas dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Heute filmt der 35-Jährige mit professioneller Ausrüstung für mehrere tausend Euro, mit vier Monitoren und einem Hintergrund, der eigens für seine Videos gebaut ist – Figuren, Bücher, Sammlerstücke. „Mein Wohnzimmer ist auch mein Studio – das ist natürlich nur möglich, weil ich allein wohne. Das könnte ich sonst niemandem zumuten“, lacht Vitti.<BR /><BR /><h3> Eltern hinterfragten sein Hobby</h3>Für seine Familie sei das anfangs allerdings „so eine Sache gewesen“. Sie verstanden nicht wirklich, was er da macht und ob es wirklich lohnenswert sei, so viel Zeit ins Computerspielen zu investieren. „Heute schauen meine Eltern aber sogar meine Highlights auf Instagram an“, erzählt Vitti, „sie finden es cool, auch weil mich so viele Menschen unterstützen.“ Vittis Balance zwischen Job und Hobby ist dabei längst zur Routine geworden: Aufstehen, anziehen, erster Kaffee, Videos schneiden und dann zur Arbeit gehen. Dieser Prozess macht ihm Freude. Auch im Möbelhaus, für das er arbeitet, hat man Gefallen am außergewöhnlichen Hobby des Mitarbeiters gefunden. „Wir hatten schon ein gemeinsames Event, wo ich meine Konsole mit ins Geschäft nehmen durfte und mit Kindern die ein oder andere Runde zocken konnte, während ihre Eltern geshoppt haben“, erzählt der 35-Jährige. <h3> Gemeinsam eine kleine virtuelle Welt schaffen</h3>Matthias verdient mit seinem Hobby heute zwar eine Kleinigkeit, für den Lebensunterhalt reicht es nicht. Doch das sei in Ordnung. „Ich möchte nicht Vollzeit streamen, es ist extrem <?Uni SchriftWeite="96ru"> schnelllebig. Ein Risiko.“ Trotzdem<?_Uni> investiert er neben seinem Engagement als Sänger der Metalband „Median Metalcore“ viel Zeit. Nicht, weil er muss, sondern weil es ihm wichtig ist. „Es taugt mir einfach extrem. Das ist meine Leidenschaft. Vor zehn Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen.“ <BR /><BR />Und weil ihn dieser Wandel beflügelt, will er selbst Teil dieser Entwicklung sein: Im Herbst hielt er im Jugendzentrum Lana seinen ersten Streaming-Kurs. „Weitere sollen folgen“, sagt Vitti dankbar, dass er diesen Weg des Streamings vor gut zwei Jahren eingeschlagen hat. Denn obschon Vitti allein daheim im Wohnzimmer sitzt, haben sich mit den Jahren dicke Freundschaften entwickelt, die er nicht missen möchte. „Wir chatten über alles, wir haben die gleichen Interessen, sind auf der gleichen Wellenlänge.“ Am meisten aber freut es den Streamer, wenn er sieht, wie er in seinen Chats andere Menschen zusammenbringt.<BR /><BR />Jeden Sonntag etwa trifft er seine „Minecraft“-Community. Sie bauen eine Welt, die sich mit jeder Woche wie ein kleines digitales Dorf weiterentwickelt. „Eine richtige Zivilisation“, sagt er, und es klingt, als würde er über etwas sprechen, das mehr ist als ein Spiel – vielleicht eine Art Heimat auf Zeit, in der sich der Traminer inzwischen<?Uni SchriftWeite="95ru"> genauso heimisch fühlt wie in Eppan.<?_Uni>