<b>STOL: Herr Egger, heuer wurden Sie mit Auszeichnungen förmlich überhäuft. Was war denn aus Ihrer Sicht die Krönung?</b><BR />Philipp Egger: Der Höhepunkt unter den sieben verliehenen Auszeichnungen im Jahr 2025 war die Prämierung zum „Wildlife Photographer of the Year“ Mitte Oktober in London. Der Preis gilt als Ritterschlag in der Naturfotografie, als eine Art Oscar in unserer Branche. Zugleich ist man damit in den weltweit führenden Medien wie etwa New York Times, National Geographic oder BBC vertreten. Zuerkannt wurde mir die Auszeichnung für das Foto „Schattenjäger“, das die Umrisse eines Uhus in der Nacht abbildet. <BR /><BR /><b>STOL: Was steckt hinter dieser Aufnahme?</b><BR />Egger: Der Uhu ist ein extrem scheuer, sensibler und nachtaktiver Raubvogel. Zunächst einmal experimentierte ich mit Wärmebild- und Nachtsichttechnik, um ihn im Vinschgau ausfindig zu machen und in der Folge sein Verhalten zu erkunden. Zu diesem Zweck habe ich mich in schwer zugängliches Gelände mitsamt abenteuerlichen Abseilaktionen aufgemacht und mich an Ort und Stelle viele Nächte wie ein Indianer auf die Lauer gelegt. Ich habe sein Jagdverhalten, seine Plätze und seine Flugrouten studiert und alles penibel aufgezeichnet. <BR /><BR /><b>STOL: Klingt abenteuerlich ...</b><BR />Egger: Das war es auch. Ich habe erlebt, wie der Uhu mit einer beeindruckenden Flügelspannweite von zwei Metern lautlos durch die Nacht gleitet und wie er einmal einen Fuchs erbeutet hat. So etwas geht unter die Haut. Hinter dieser Aufnahme steht ein Prozess von vier Jahren. Letztlich hat es sich ausgezahlt, irgendwann hat sich das Momentum für dieses Close-up ergeben, den Uhu in seiner Vollkommenheit zu zeigen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-72676573_gallery" /><BR /><BR /><b>STOL: Woran erkennt man dieses Momentum? Wann weiß man, dass man die perfekte Aufnahme im Kasten hat?</b><BR />Egger: Ein schönes Foto entsteht schon lange vorher, vor dem inneren Auge im eigenen Kopf. Folglich handelt es sich bei den Bildern nicht um Zufälle, vielmehr sind sie akribisch geplant. Erst wenn das Bild auf dem Sensor der Vision bzw. Vorstellung entspricht, bin ich zufrieden. Das können recht komplizierte, verrückte Vorstellungen sein. Es kommt vor, dass es dafür 30.000 bis 40.000 Klicks braucht. Wenn man dann die vollkommene Aufnahme vor sich hat, ist das natürlich ein sehr emotionaler Moment. <BR /><BR /><b>STOL: Woher kommt dieser bemerkenswerte innere Antrieb? </b><BR />Egger: Mein großes Anliegen besteht darin, das Bewusstsein für den Wert der Schöpfung zu schärfen. Ich betrachte meine Aufnahmen als Fenster zur Seele der Natur. Wenn sich die Natur in ihrer ganzen Essenz und Schöpfungskraft zeigt, etwa in Form eines Gletschers in gleißendem Licht oder in der formvollendeten Formation eines Vogelschwarms – dann ist das für mich ein göttlicher Moment. Leider begreifen wir Menschen uns immer weniger als Teil dieses übergeordneten Ganzen. Aber gerade das wäre wichtig und genau das möchte ich den Menschen mit meinen Bildern vermitteln – die Schöpfung als das zu begreifen, was sie ist. Die Natur ernährt uns, sie heilt uns und gibt uns ein Dach überm Kopf. Genau das zu vermitteln, ist mein eigentliches Bestreben. Deshalb plane ich für 2026 auch die Gründung einer Stiftung mit dem Ziel, Naturschutzprojekte zu unterstützen. <BR /><b><BR />STOL: Gab es den einen Moment, als Ihnen bewusst wurde: Ja, es klappt, ich kann als Naturfotograf meinen Lebensunterhalt bestreiten?</b><BR />Egger: Bis heute weiß ich das nicht. Ich habe zwar vor drei Jahren alles auf diese Karte gesetzt, aber wer kann schon sagen, ob das auch weiterhin so funktionieren kann. Es handelt sich um einen ständigen Kampf in einer äußerst schwierigen Branche. Für mich ist es eine emotionale Geschichte. Ich bin ja nicht materialistisch eingestellt, sondern für mich sind es, wie gesagt, die Erfahrungen in der Natur. Das finanziere ich mir mit verschiedenen Projekten, etwa limitierten Kunstdrucken meiner Aufnahmen, Filmaufnahmen oder großflächigen Auftragsarbeiten für die Hotellerie. Allerdings lebt man auch als einer der weltbesten Naturfotografen sicherlich nicht in Saus und Braus – im Gegenteil: Lange Zeit musste ich schauen, wie ich überhaupt über die Runden komme. Um mir das Equipment zu finanzieren, habe ich auch einen richtigen Knochenjob verrichtet …<BR /><BR /><b>STOL: Sie waren eine Zeit lang Tunnelbauer in der Schweiz. </b><b>Wie kam es dazu?</b><BR />Egger: Ich bin gelernter Mechaniker und Maschinenschlosser, komme aus einem ganz normalen Elternhaus. Mein Vater ist Tischler, meine Mutter Sozialbetreuerin. Somit war klar: Wenn ich mir das notwendige Foto-Equipment, das sich mit einem sechsstelligen Betrag beziffern lässt, leisten will, muss ich in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Diese Möglichkeit sah ich in der Schweiz als Tunnelbauer. Im Untertagebau habe ich im Sprengvortrieb gearbeitet, den Sprengstoff herumgetragen und Tonnen von Gestein herausgesprengt. Im Berginneren ist es extrem heiß, die Luftfeuchtigkeit beträgt 90 Prozent – all das zehrt körperlich und mental. Ich habe im Container geschlafen und diese Zeit – also insgesamt etwa zwei Jahre – mit echten Raubeinen geteilt. Ich betrachte diese Erfahrung als Teil meiner Lebensgeschichte, als Ressource, denn andernfalls wäre ich heute nicht der, der ich jetzt bin. <BR /><BR /><b>STOL: Womöglich bewegen Sie sich auch deshalb mit Vorliebe in Gegenden und Gebieten, vor denen andere zurückschrecken. Stichwort Ätna im Februar dieses Jahres. </b><BR />Egger: Wenn ich daran zurückdenke, stellt es mir noch immer die Gänserupfen auf. Wenn drei Meter vor dir der Lavafluss vorbeifließt, die Erde zittert und penetranter Schwefelgeruch in die Nase steigt, dann wird man Zeuge einer archaischen Urkraft. Der Vulkan hat gefaucht, als ob der Teufel im Krater höchstpersönlich die Suppe umrühren würde. Die Aufnahmen dort waren mit einem Wagnis verbunden, keine Frage, aber dieses lange Feuerband hat mich wie magisch angezogen. Dass sich uns dann dort eine fast surreale Stimmung mit Licht, Nebel, Rauch, Wind und unterschiedlichen Oberflächenfärbungen offenbart hat, war ein willkommener Zufall.<BR /><BR /><b>STOL: Wo sonst suchen Sie sich vorzugsweise Ihre Motive?</b><BR />Egger: Im gesamten Alpenraum. Dann verbringe ich ein bis zwei Wochen auf irgendeiner Almhütte oder auch in einer Höhle. Teilweise schleppt man zwischen 30 und 50 Kilogramm an Ausrüstung mit sich herum, wobei Solarpaneele wichtig sind. Man muss an vieles denken, nicht zuletzt an Nahrung und Wasser. <BR /><BR /><b>STOL: Sind die vielen Anerkennungen und Preise ein Auftrag, diesen Weg genauso konsequent weiterzuverfolgen?</b><BR />Egger: Wie gesagt, mir geht es in erster Linie darum, den Menschen die Augen für die Vollkommenheit der Natur zu öffnen. Umso besser ist es, wenn ein breites Publikum die Aufnahmen sieht. Tatsächlich hängen meine Bilder in den renommiertesten Naturkundemuseen und Galerien von Europa über die USA und Kanada bis hin zu Japan und Australien. Vor allem der „Schattenjäger“, von dem es eine auf 13 Stück limitierte Edition von Kunstdrucken gibt. Besonders schön zu sehen war für mich das riesige Interesse für die „Nacht der Naturbilder“ in der Basis von Schlanders Anfang November. Wie die Menschen dort mit staunenden Blicken die großformatigen Bilder und die Filmaufnahmen betrachtet haben, hat mich mit großer Freude erfüllt. Und wenn ihnen dann bewusst wird, dass auf unserem Planeten Erde noch nicht alles zu spät ist und man sich für den Erhalt dieser Schönheit einsetzen muss, dann habe ich mein Ziel erreicht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72676620_listbox" />