Moritz Windegger wird am Samstag, 22. Juni, in der Bozner Franziskanerkirche von Bischof Ivo Muser zum Priester geweiht. Im Interview erklärt der Ordensmann aus Bozen, wie es zu seiner radikalen Lebensentscheidung kam und warum er sich zum Priester ordinieren lässt. <BR /><BR /><b>„Dolomiten“: Ich kann mich sehr gut an die Redaktionssitzung erinnern, bei der du zum Abschluss gesagt hast: Ich gehe ins Kloster. Wir haben uns alle angeschaut und gefragt: Was ist mit Moritz los? Was war mit Moritz los?</b><BR />Moritz Windegger: Ich kann mich übrigens auch sehr gut an diesen Moment erinnern. Grundsätzlich war nichts Besonderes los. Gewachsen ist diese Berufung stufenweise. Und rückwärts geschaut, war sie immer schon da. Der Grund für meine Berufung ist, dass ich andere Franziskaner kennengelernt habe. Ich denke, das Entscheidende in der Kirche ist, dass Menschen andere Menschen kennenlernen, die ihren Glauben leben. Das war auch bei mir so. Das geht zurück bis in die Zeit als Ministrant. Es war dann so, dass ich diese Frage immer etwas weggeschoben habe. Du machst Matura, hast 100.000 andere Sachen im Kopf. Und denkst dir: Na, jetzt noch nicht. Du gehst also studieren, gehst arbeiten, bist in Vereinen. Und zwischendurch blitzt es immer wieder auf und du denkst dir: Eigentlich ist mein Weg ein anderer. Der entscheidende Punkt war, dass ich den Glauben, den Kontakt zur Kirche und zu den Franziskanern nie ganz verloren habe. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1040163_image" /></div> <BR /><BR /><b>„D“: Wann hast du dich dann entschieden, tatsächlich diesen völlig anderen Weg einzuschlagen?</b><BR />Windegger: Das war einige Monate vor dieser berühmten Sitzung. Ich bin über den Bozner Obstmarkt gegangen und wie es bei Politikredakteuren so ist, habe ich das Handy in der Hand, ich schaue drauf – und da kommt die Meldung: Benedikt XVI. zurückgetreten. Dieses Thema arbeiten wir in der Redaktion im Laufe des Tages auf und am Abend kommt mir der Gedanke: So, jetzt spürst du, wie die Zeit vergeht, wie Geschichte geschieht. Das war eines der Erlebnisse, wo mir bewusst wurde: Das Leben geht so an dir vorbei und wenn du diese Frage nach dem Ordensberuf, nach dem Franziskanerorden, nach der Nachfolge Christi nicht selbst aktiv entscheidest, dann entscheidet die Zeit für dich. Dann vergeht die Zeit und das Leben ist vorbei. Und dann kam diese berühmte Sitzung. <BR /><BR /><b>„D“: Hast du diese doch radikale Lebensentscheidung inzwischen auch mal bereut? </b><BR />Windegger: Bereut sicher nicht! Nein. Aber ein Berufungsweg ist kein linearer Weg. Es gibt wie sonst im Leben Höhen und Tiefen. Wir heben freilich die Zweifel oft auf eine höhere Ebene. Da kommen schon Fragen wie: Bist du auf dem richtigen Weg? Ein Berufungsweg ist ein Wachsen im Glauben und dazu gehört auch, dass man mit Zweifeln umzugehen weiß. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1040166_image" /></div> <BR /><BR /><b>„D“: Ganz nüchtern betrachtet hast du dich für ein „Weniger“ entschieden: weg von einem Job, der dir Spaß gemacht hat, kein persönlicher Besitz, weniger Freiheit durch den Gehorsam, zu dem du dich verpflichtest. Was hat das Leben als Franziskaner mehr zu bieten?</b><BR />Windegger: Die kanonische Antwort lautet: Es ist eine Freiheit im Glauben, die die Welt neu erfahren lässt. Es ist keine Freiheit im Sinne von: Jeden Tag aufstehen und sich fragen, worauf ich heute Lust hätte. Diese Freiheit ist auch weniger geworden, weil ich in einer Gemeinschaft von anderen abhängig bin. Aber das ist auch in jeder Familie so. Aber ich erlebe einen Mehrwert an Freiheit, weil wir weniger getrieben sind von weltlichen Dingen. Alles, was passiert, kann ich vor Gott hintragen und daher bedrückt und bedrängt es mich auch weniger. <BR /><BR /><b>„D“: Etwas konkreter?</b><BR />Windegger: Es gibt zum Beispiel einen natürlichen Drang zur Karriere. Diesen Drang gibt es auch im Ordensleben. Aber das Entscheidende ist dort: Das Ziel ist in Christus. Damit werden viele Dinge relativ.<BR /><BR /><b>„D“: Zum Beispiel Besitz. Du hast ja die Armut versprochen. Hast du also keinen Besitz?</b><BR />Windegger: Wir könnten jetzt darüber diskutieren, ob die Schuhe, die ich trage, mir gehören oder den Orden. Der heilige Franziskus spricht in der Ordensregel, von einem Leben „sine proprio“, also „ohne Eigenes“. Das ist sehr viel schwieriger. Wir bauen uns im Leben so eigene Reiche, jeder macht das irgendwo: Überzeugungen, Ämter, Dinge, die wir gut können. Wenn wir das nicht mehr loslassen können, hängen wir am Eigenen. Hier loslassen können, das ist die Besitzlosigkeit, wie sie Franziskus versteht. Das ist kein einfaches Knopf-Schalten. Die Erfahrung der Freiheit stellt sich ein, wenn du es schaffst, loszulassen. Aber vorher ist es jedes Mal eine Arbeit. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1040169_image" /></div> <BR /><BR /><b>„D“: Ist die Armut also das härteste der 3 Versprechen, die du abgelegt hast – oder ist es doch Ehelosigkeit oder Gehorsam? </b><BR />Windegger: Das ist eine Frage, die sich im Laufe des Lebens immer anders beantwortet. Mit 16 dachte ich: Das Schwierigste ist das Keuschheitsgelübde. Mit 26 habe ich mir gedacht: Nein, es ist der Gehorsam. Seit ich mit 36 Jahren in den Orden eingetreten bin, ist für mich das Schwierigste die Anspruchslosigkeit, also die Armut. <BR /><BR /><b>„D“: Du könntest im Franziskanerorden deine Berufung auch ohne die Priesterweihe leben. Warum lässt du dich zum Priester weihen?</b><BR />Windegger: Der Priester ist jemand, der in der Kirchengemeinschaft durch sein Dasein und sein Wirken die Menschen rückbindet an Gott, an Christus. Mir ist immer wieder vorgekommen: Wenn, dann will ich das schon mit der ganzen Kraft, mit dem ganzen Dasein tun. Das heißt nicht, dass Laienbrüder weniger Franziskaner sind. Am meisten fasziniert haben mich aber Franziskaner, die auch Priester waren, und zwar durch ihr priesterliches Wirken. <BR /><BR /><b>„D“: Worin besteht dies?</b><BR />Windegger: In der Verheutigung des Christuserlebnisses. Durch die Eucharistiefeier bringt der Priester Christus ins Heute. Das ist ein immenser Anspruch, ich weiß das. Aber diese Erfahrung muss man gemacht haben in der Eucharistie, in der Vergebung. Da geschieht mehr als wir Menschen untereinander machen können.