Mittwoch, 09. November 2016

New Yorker in Südtirol: "Kann es immer noch nicht fassen"

Steve Proctor stammt aus New York. Dort lebte er gemeinsam mit seiner Frau, bis sie vor 4 Jahren beschlossen, in deren Heimat zurückzukehren: nach Südtirol. Die aktuellen Ereignisse in den USA haben den Englischlehrer völlig überrumpelt - und fassungslos gemacht.

Vom Big Apple nach Südtirol: Steve Proctor folgte vor 4 Jahren seiner Frau in ihre Heimat Südtirol.
Vom Big Apple nach Südtirol: Steve Proctor folgte vor 4 Jahren seiner Frau in ihre Heimat Südtirol.

"Ich bin total geschockt." Die Antwort auf die Frage, was der 50-jährige New Yorker von den Wahlergebnissen in den Vereinigten Staaten von Amerika halte, kommt wie aus der Pistole geschossen. "Ich hätte ehrlich niemals geglaubt, dass die Amerikaner einen Menschen wie Donald Trump wählen würden."

Dass der Unternehmer tatsächlich der nächste Präsident der USA wird, ist für Proctor unfassbar. "Dass die US-Bürger es diesem Mann zutrauen, ihr Land zu regieren, hätte ich nie geglaubt. Und das ist wohl das Furchterregendste an der Sache: Die Amerikaner haben ihn gewählt. Da kann man nichts machen."

"Als ob es Amerika so schlecht ginge"

Gründe für einen Sieg Trumps gibt es für Proctor mehrere. Einerseits habe es wohl mit seiner Wahlkampfstrategie zu tun: "Er hat den Bürgern weisgemacht, die USA hingen am seidenen Faden, als ob wir kurz vor dem Abgrund stünden. Wer sich die Fakten anschaut, weiß, dass die Arbeitslosigkeit sinkt und die Aktien steigen. Aber wenn man den Menschen immer wieder erklärt, dass die ganze Welt vor dem Zusammenbruch steht, und die Medien unterstützen das auch noch, dann ist alles möglich", so Proctor.

Und weiter: "Wenn man darüber nachdenkt, was Donald Trump während des Wahlkampfs so alles von sich gegeben hat, über Einwanderer, darüber, eine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen oder den IS mit Nuklearwaffen bekämpfen zu wollen, muss man sich jetzt fragen: Wird er das jetzt durchziehen? Tut er, was er angekündigt hat?"

Der Fakt, dass Trump trotz all dieser Aussagen dennoch gewonnen hat, zeuge von noch etwas: "Es zeugt davon, dass mein Heimatland in Teilen rassistisch, sexistisch und schlecht gebildet ist. Das macht mir Angst."

Trump habe seinen ganzen Wahlkampf auf den amerikanischen Traum aufgebaut: „Make America great again“ – als ob es dem Land derzeit so schlecht gehen würde. Tut es nicht, betont Steve Proctor.

"Es scheint, als hätten die US-Bürger vom Fortschritt die Schnauze voll"

Ein zweiter Grund für Trumps Sieg liegt für den Englischlehrer bei dessen demokratischer Gegnerin Hillary Clinton: "Ich glaube, Clinton hat damals einen großen Fehler gemacht hat, als sie sich so gegen Bernie Sanders verschlossen hat. Sanders hatte zahlreiche Unterstützer, die nun vielleicht Trump oder gar nicht gewählt haben."

Steve Proctor selbst hat natürlich auch gewählt - von Südtirol aus. Er war zu jedem Zeitpunkt von einem klaren Sieg Clintons überzeugt.

Neben den eben genannten hat Proctor noch eine weitere Erklärung für den Sieg des Republikaners: "Ich glaube, dass es auch viel mit dem Zeitpunkt zu tun hat: Manchmal passieren die seltsamsten Dinge, weil die zeit gerade reif dafür ist. Blicken wir 8 Jahre zurück: Da wählten die US-Bürger einen Schwarzen zum Präsidenten, weil sie nicht bereit waren, eine Frau für die Demokraten antreten zu lassen. Jetzt scheint es so, als hätten sie die Schnauze voll vom Fortschritt, von der Aufgeklärtheit. Es ist, als ob sie sagen würden: 'Ach, Schluss mit Wandel, gehen wir wieder zurück zum amerikanischen Ursprung.' Was soll das?"

"Wie können die Schwarzen und Latinos Trump wählen?"

Als schwarzer US-Bürger hat Steve Proctor einen ganz besonderen Zugang zum Ausgang der Wahl: "Denken wir mal darüber nach: Amerika hat sich jahrhundertelang auf Sklaverei gestützt. Dann auf Apartheid. Ich gehöre zur ersten Generation von schwarzen US-Amerikanern, deren zivile Rechte vollständig anerkannt werden. Und jetzt das. Ein Mann an der Spitze, der die Schwarzen mehrfach auf das Übelste beleidigt hat. Und das ist ja nicht einmal alles! Wenn ich mir die Landkarte der Vereinigten Staaten anschaue, dann sehe ich rot. Aber nicht nur in den Staaten, die sowieso einen Republikaner gewählt hätten. Selbst Latinos und Schwarze haben Trump gewählt. Wie kann das sein, nach allem, was er über uns gesagt hat?"

Der Zukunft blickt Proctor mit großer Unsicherheit entgegen. "Das Gute ist, dass Trump nicht tun kann, was er will. Der Kongress muss seinen Entscheidungen zustimmen."

Aber dennoch, ein mulmiges Gefühl bleibt: "Trump ist absolut unberechenbar, er hat keinerlei politische Erfahrung. Ok, die Menschen hatten die Schnauze voll von den alteingesessenen Politikern. Aber ist es wirklich besser, das Ruder einer absolut unberechenbaren Person zu überlassen?"

Auch Europas Politiker seien laut Proctor unsicher, wie sie sich nun verhalten sollen: "Man hat das Gefühl, alle halten gespannt den Atem an. Niemand weiß, wie es jetzt weitergeht. Ich selbst kann es auch noch nicht glauben, dass es wirklich passiert ist. Andererseits: Es sind wohl schon verrücktere Sachen passiert – sagt man zumindest."

Interview: Elisabeth Turker

stol