Dienstag, 30. August 2016

Österreich: Hunderte Flüchtlingskinder vermisst

Hilfsorganisationen sind besorgt darüber, dass mehrere Dutzend seit dem Vorjahr in Österreich angekommene Flüchtlingskinder abgängig sind. Es gebe beim Schutz von minderjährigen Geflüchteten deutliche Lücken, kritisierten Helfer am Dienstag.

Ein Problem ist der mangelnde Datenaustausch zwischen den nationalen Behörden.
Ein Problem ist der mangelnde Datenaustausch zwischen den nationalen Behörden. - Foto: © APA/EPA

Das Innenministerium erklärte zuletzt, dass es seit Anfang des Vorjahres allein im Asylzentrum Traiskirchen 151 Flüchtlingskinder unter 14 Jahren als abgängig gemeldet sind. Die Behörden gehen aber davon aus, dass diese in andere EU-Länder weitergereist sind. Viele junge Flüchtlinge würden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt oder reisten allein zu bereits geflüchteten Verwandten, erklärte Herbert Langthaler von der österreichischen NGO asylkoordination.

Minderjährige dürfen Zufluchtsland wählen

Die EU-Asylregeln erlauben es Minderjährigen – im Gegensatz zu Erwachsenen – ein Land zur Zuflucht auszuwählen. Allerdings sei die Durchreise nicht legal und oft müssten sich Kinder auf abenteuerlichen Wegen durchschlagen, beklagte der Asylexperte gegenüber der APA. Dabei seien sie Gefahren wie Menschenhandel oder Misshandlung durch Schlepper ausgesetzt.

Ein Problem stellt dabei der mangelnde Datenaustausch zwischen den nationalen Behörden dar, sagte Claire Schocher-Döring vom Suchdienst des Roten Kreuz. Dieser hilft geflüchteten Minderjährigen und ihren Angehörigen dabei, einander wiederzufinden.

Wie viele Flüchtlingskinder genau in Österreich abgängig sind, kann man im Innenministerium wegen der Art der Statistikführung nicht genau sagen. Aber die Größenordnung lässt sich in etwa ermessen: In Österreich führt das Bundeskriminalamt nach „Ö1“-Angaben für das Vorjahr und heuer 520 vermisste Minderjährige aus Nicht-EU-Ländern, davon 230 Unter-14-Jährige.

Über 10.000 vermisste Kinder in Europa

Einer Schätzung von „Europol" zu Jahresbeginn nach, sind seit der großen Flüchtlingsbewegung des Vorjahres in ganz Europa 10.000 Kinder verschwunden. Ein Bericht der Organisation „Missing Children Europe“ warnte davor, Kinder seien dem Risiko ausgesetzt, Opfer von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung, erzwungenem Drogenschmuggel oder Bettelei zu werden.

Auch seien mehr Kinder vermisst als offiziell gemeldet, sagte Schocher-Döring. „Ein Minderjähriger kann von Staat zu Staat gehen. Das heißt aber noch lange nicht, dass er richtig registriert worden ist.“ Immer wieder seien Namen falsch eingetragen und der Datenaustausch unvollständig, betonte die Helferin.

Daher wüssten die Behörden der einzelnen EU-Staaten oft nicht, was mit weitergereisten Kindern geschehen sei. „Man sollte sich schon überlegen, welchen Gefahren die Kinder ausgesetzt sind“, sagte Schocher-Döring. Das Problem ließe sich leicht lösen, betont Langthaler von der Asylkoordination, „wenn man eine europäische Asylpolitik macht, bei der die Kinder dort hinkommen wo die Angehörigen sind.“

apa

stol