Dienstag, 31. Oktober 2017

Oktoberrevolution: Ein kleiner Umsturz sorgte für den großen Umbruch

In der Weltgeschichte passiert ein großer Umbruch, und keiner merkt es. So geschah es in den späten Oktobertagen vor genau 100 Jahren in Petrograd. Im gerade erst von der Februarrevolution erschütterten Russland stürzte eine kleine Truppe gut organisierter Bolschewiken die Übergangsregierung. Und das so unauffällig, dass es selbst in der Stadt kaum jemand mitkriegte.

Die Oktoberrevolution vor 100 Jahren brachte große Umbrüche mit sich. - Foto: Twitter
Die Oktoberrevolution vor 100 Jahren brachte große Umbrüche mit sich. - Foto: Twitter

Erst in den darauffolgenden Jahren zeigte sich erst die weltweite Bedeutung der Ereignisse des „Roten Oktober“ (im gregorianischen Kalender war es bereits der 7. November), die in der Sowjetunion bald zur „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ stilisiert wurden. Denn die Bolschewiken schalteten schrittweise alle ihre politischen Konkurrenten aus und siegten in einem jahrelangen blutigen Bürgerkrieg.

Schließlich gründeten sie einen neuartigen Staat, die Sowjetunion, und etablierten im größten Land der Welt ein an Bedeutung wie Langlebigkeit einzigartiges totalitäres Regime, das zeitweilig auch auf große Teile des Globus unmittelbaren politischen Einfluss hatte.

Große Bedeutung in mehrerlei Hinsicht

Der US-Historiker Jonathan Daly von der University of Illinois in Chicago sieht die Bedeutung der bolschewistischen Machtübernahme gleich in mehrerlei Hinsicht: Einerseits in ihrem Einfluss auf kommunistische, aber auch auf antikoloniale und antirassistische Bewegungen in der ganzen Welt, andererseits aber auch als Feindbild der „Roten Gefahr“, insbesondere im Europa der Zwischenkriegszeit.

„Das Beispiel des Bolschewismus, mit seiner Aufkündigung der Staatsschulden, Aufhebung des Privateigentums, Kriminalisierung des Marktes, Verfolgung gebildeter Eliten, antireligiösen Kampagnen und globaler Subversion durch die Kommunistische Internationale entsetzte viele andere politische Führer.

Geheimnis des Erfolgs waren neuartige Strukturen

Vor allem die Faschisten und die Nazis rechtfertigten ihre eigene Machtübernahme damit, sie wollten gegen die bolschewistische Subversion kämpfen“, so Daly gegenüber der APA.
Das Geheimnis des Erfolges der Bolschewiken lag wohl in ihrer neuartigen Struktur: eine straffe Kaderpartei aus Berufsrevolutionären, die ihr Leben ausschließlich dem politischen Kampf widmeten.

Der französische Historiker Alain Besancon spricht in seinem Buch „Les origines intellectuelles du leninisme“ (Die geistigen Ursprünge des Leninismus, 1977) dementsprechend auch von einer pseudoreligiösen, „sektenartigen“ Struktur der Bolschewiken. Demnach waren die Berufsrevolutionäre die „Eingeweihten“ einer Erlösungslehre – Besancon stellt Parallelen zur Gnosis der Antike her -, der sie ihr gesamtes, lebenslanges und ausschließliches Engagement widmeten.

Lenin war praktischer veranlagt

Das hatte auch Auswirkungen darauf, wie die Bolschewiken sich die Revolution vorstellten und dann auch umsetzten. Hatte Karl Marx noch auf eine spontane proletarische Massenerhebung als zwangsläufige Konsequenz des verschärften Klassenkampfes zwischen Proletariat und Bourgeoisie gesetzt, gingen der deutlich praktischer veranlagte Wladimir Iljitsch Lenin und seine Mitstreiter den umgekehrten Weg.

In Russland, das nach der Marx'schen Theorie eigentlich noch gesellschaftlich und wirtschaftlich viel zu unterentwickelt für die proletarische Revolution war, vollbrachte eben eine kleine revolutionäre Avantgarde die „Revolution“ anstelle der ideologisch wenig „fortgeschrittenen“ Massen. 

Historiker Daly sagt dazu: „Sie wollten mit der Unterstützung aus dem Volk kein Risiko eingehen, daher übernahmen sie die Macht 'im Namen der Sowjets' (d. i. die Arbeiter- und Soldatenräte, Anm.) im Oktober. In diesem Sinne war die Oktoberrevolution tatsächlich ein Staatsstreich.“

Trotzki übernahm Führung - Lenin agierte im Hintergrund

Während der Oktoberereignisse agierte Lenin zwar eher im Hintergrund und überließ Leo Trotzki die unmittelbare Führung. Doch „war er unzweifelhaft der intellektuelle Stratege der bolschewistischen Machtübernahme im Oktober“, unterstreicht Daly. Schließlich hatten bereits seine „Aprilthesen“ im gleichen Jahr die Notwendigkeit eines Umsturzes klar betont.

Zum Staat, den sie nun in der Hand hielten, hatten die Bolschewiken zunächst ein gespaltenes Verhältnis, denn nach den Voraussagen Marx' würde mit der Ankunft des Kommunismus auch der Staat an sich „absterben“. Deshalb verfolgten die Bolschewiken auch nach ihrer Machtübernahme zunächst keine Politik der „nationalen Interessen“ Russlands, wie Daly und Leonid Trofimov in einem aktuellen Buch herausstreichen, sondern sahen den Staat und seine Funktionen bloß noch als vorübergehend an.

Abschaffung des Privateigentums und des Marktes

Dies änderte sich jedoch bald, als sie zur praktischen Umsetzung des Kommunismus im Wirtschaftsleben schritten. „Weil das bolschewistische Regime auf der Abschaffung des Privateigentums und des Marktes bestand, musste die gesamte Wirtschaft von der Regierung verwaltet werden und damit musste die Regierung dramatisch größer werden. (...) Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung musste zudem durch einen viel größeren Polizeiapparat in Schach gehalten werden“, schildert Daly.

So starb der Staat der Bolschewiken gerade eben nicht ab, sondern entwickelte sich vielmehr fast zwangsläufig zu einem totalitären Regime, dessen Praxis den „Realsozialismus“ sieben Jahrzehnte lang prägen sollte.

apa

stol