Der Biologe Wolfgang Dibiasi, bekannt als der Youtube-Biologe, mit über 65.000 Abonnenten auf seinem Kanal, erläutert im Gespräch mit s+, welch grausame Wege Parasiten gehen, um ihr Überleben zu sichern, indem sie das Verhalten ihrer Wirte auf diabolische Art und Weise beeinflussen.<BR /><BR /><BR /><b>Beispiel 1: Ameisen beißen ins Gras, ohne es zu wollen</b><BR /><BR />Der erste Parasit, dem wir uns widmen, ist der Kleine Leberegel (Dicrocoelium dendriticum). Die Endwirte sind für gewöhnlich Rinder, zusätzlich ist er aber auf 2 Zwischenwirte angewiesen, Schnecken und Ameisen. <BR /><BR />„Im Prinzip ist der Kleine Leberegel ein Plattwurm, der eine ganz besondere Strategie verfolgt, um sein Überleben zu sichern. Der Kreislauf ist folgender: Die Eier des Kleinen Leberegels befinden sich im Kot der Kühe. Der Kot und die darin enthaltenen Eier werden dann von Schnecken aufgenommen. In den Schnecken werden anschließend die Miracidien (1. Entwicklungsstadium des Wurms) aus den Eiern freigegeben. Diese entwickeln sich in der Schnecke weiter zu Sporocysten und zu den Zerkarien und werden von der Schnecke mit dem Schleim ausgeschieden. Dieser wiederum wird von Ameisen gern gegessen. „Schneckenschleim ist für Ameisen wie ein Snack für Zwischendurch, er enthält Glykoproteine und verschiedene Saccharide “, so Dibiasi. <BR /><BR />Jedenfalls gelangen diese Zerkarien so in die Ameise. Diese beginnen anschließend das Verhalten der Ameise zu manipulieren. Sie steuern die Ameise so, dass sie bei einer bestimmten Temperatur (etwa 15 Grad) auf Grashalme klettern und sich dort in dem Grashalm verbeißen. Meistens klettern die Ameisen bei steigender Temperatur wieder herab, selten bleiben sie aber auch im Grashalm verbissen, bis sie dort dehydriert sterben. Ameisen beißen hier also im im wahrsten Sinne UND im übertragenen Sinne des Wortes ins Gras. Ziel der Sache ist es, dass die grasenden Kühe die auf den Grashalmen festsitzenden Ameisen fressen und der Parasit so seinen Endwirt wieder erreicht. In der Kuh sitzt der Parasit in der Leber, dort vermehrt er sich, die Eier werden ausgeschieden und der Kreislauf beginnt von vorne. <BR /><BR /><BR /> <video-jw video-id="lCNsFFu6"></video-jw> <BR /><BR /><BR />Der kleine Leberegel bleibt bei der Kuh meist unbemerkt, aber sie können den Wirt auch schwächen, in sehr seltenen Fällen auch töten. Für den Menschen ist dieser Parasit nur bedingt gefährlich . „Nur wenn wir eine infizierte Ameise mitessen würden, könnte es zu einer Infektion kommen. Doch wie wahrscheinlich ist das? In Südtirol ist mir kein Fall bekannt, wo das passiert ist!“, so der Biologe. <BR /><BR /><BR /><b>Beispiel 2: Ratten finden Geruch von Fressfeind attraktiv – und werden so zur leichten Beute</b><BR /><BR /><BR />Unser 2. Parasit ist weitläufig bekannt, weil er auch für Menschen, vor allem für schwangere Frauen, potenziell gefährlich sein kann. Die Rede ist vom Toxoplasma gondii, ein Einzeller, deren Hauptwirt Katzen und Katzenartige sind. Die Beutetiere der Katzen, also Ratten und Mäuse, sind Zwischenwirte und werden vom Parasiten so manipuliert, dass sie risikofreudiger werden und weniger Angst verspüren, zudem empfinden sie den Geruch von Katzenurin als äußerst verführerisch. <BR /><BR />„Dieses Verhalten entspricht nicht dem natürlichen Verhalten einer Ratte oder einer Maus , denn normalerweise sucht jedes Tier das Weite, wenn es Urin seines Fressfeindes riecht. In diesem Fall nähert sich eine Maus oder eine Ratte und wird so leichter zur Beute, was wiederum dem Parasiten in die Karten spielt “, so Dibiasi. Dieser Parasit wird übrigens auch lateral weitergegeben. Das heißt: Wenn eine infizierte Ratte Nachkommen hat, sind diese ebenfalls infiziert. Und dahingehend manipuliert Toxoplasma ebenfalls: Die männlichen Ratten produzieren mehr Testosteron, sodass diese – infizierten- männlichen Ratten attraktiver auf die Weibchen wirken, als nicht Infizierte. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="597596_image" /></div> <BR /><BR /><b>Potenziell gefährlich auch für den Menschen</b><BR /><BR />Toxoplamose-Erreger befallen zunächst Katzen. Über deren Kot kann der Erreger jedoch in Nutztiere sowie auf pflanzliche Lebensmittel gelangen und so schließlich ebenfalls Menschen infizieren. Die Toxoplasmose-Übertragung erfolgt oft über rohe oder ungenügend durcherhitzte Fleischwaren, ungewaschenen Salat oder wenn man mit Körperflüssigkeiten von Katzen in Kontakt kommt. Meist verursacht die Toxoplasmose keine Beschwerden. Vor allem bei Immungeschwächten sowie Schwangeren kann sie aber schwerwiegende Folgen haben. <BR /><BR />Die Toxoplasmose in der Schwangerschaft ist allerdings nur dann gefährlich für das Ungeborene, wenn sich Schwangere innerhalb der letzten 6 Wochen vor oder während der Schwangerschaft erstmals mit Toxoplasma gondii anstecken. Bei den meisten verläuft die Toxoplasmose in der Schwangerschaft ohne Symptome. Die Parasiten können jedoch auf das ungeborene Kind übergehen und bei ihm schwere Komplikationen und Missbildungen verursachen.<BR /><BR /><BR /><b>Beispiel 3: Gottesanbeterinnen oder Heuschrecken werden zum Selbstmord gezwungen</b><BR /><BR />Der Parasit, um den es hier geht, ist der wahrscheinlich gruseligste von den hier vorgestellten. Es handelt sich um die sogenannten Saitenwürmer (Nematomorpha).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="597602_image" /></div> <BR /><BR /> „Diese Saitenwürmer leben im Wasser und fühlen sich sehr stabil an, ähnlich wie ein Draht“, so Dibiasi, der diese sehr häufig in Flüssen entdeckt. Der Wurm entwickelt sich in einem Insekt, hauptsächlich in Gottesanbeterinnen und Heuschrecken, und füllt es am Ende fast komplett aus. Wenn es soweit ist, schüttet der Saitenwurm Botenstoffe aus, die das Insekt dazu zwingen, sich in eine Pfütze oder ein Gewässer zu stürzen, sprich Selbstmord zu begehen. Das Insekt ertrinkt und der Parasit schlüpft entweder durch den Mund, den Anus oder durch die Körperwand des Tieres wieder heraus. Für Menschen ist dieser Parasit hingegen ungefährlich.<BR /><BR /><BR /><b>Zur Person Wolfgang Dibiasi</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="597608_image" /></div> <BR />Parasiten, Spinnen, Insekten, Schlangen…Was viele ekelt, findet der studierte Biologe und Zoologe Wolfgang Dibiasi aus Tramin faszinierend. Das ist sein Leben. Voller Leidenschaft für sein Fachgebiet vermittelt er sein Wissen und interessante Fakten rund um Südtirols faszinierende Tierwelt auf seinem <a href="https://www.youtube.com/c/WolfgangDibiasiwelt/videos" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Youtube-Kanal</a>. <BR /><BR />Dibiasi ist in der Wissenschaftskommunikation tätig, kümmert sich bei Bedarf um wissenschaftliche Texte für Universitäten und Schulen und erstellt zudem wissenschaftliche Erklärvideos zu verschiedensten Themen. <BR /><BR />Kontakt: wolfgang@dibiasi.com<BR /><BR />