Eine ungewöhnliche Szenerie gibt es am Flughafen von Agadir Mitte Oktober des vorigen Jahres zu beobachten: 2 Männer schrauben Fahrradteile zusammen, packen jeweils 5 Radtaschen drauf und füllen diese mit allerlei Utensilien wie Zelt, Schlafsack, Kochgeschirr, Werkzeug und ein Erste-Hilfe-Set. <BR /><BR />Sie müssen auf alle Eventualitäten gefasst sein, haben sie doch eine ungewöhnliche Tour ins Auge gefasst. 6 Wochen Zeit geben sie sich für die 3000 Kilometer lange Strecke von der Atlantikküste Marokkos über Westsahara und Mauretanien bis in Senegals Hauptstadt Dakar. Ein Großteil der Fahrt führt durch die menschenfeindliche Wüste. „Nach unserer ersten gemeinsamen Radreise durch Marokkos Atlasgebirge haben wir Lust auf noch mehr Afrika bekommen und uns für diese Route entschieden“, erläutert Raimund in seinem Reisebericht.<BR /><BR /><b>Jahr für Jahr eine ausgedehnte Radreise</b><BR /><BR />Er lebt mit seiner Familie in Bozen und arbeitet als Berater in einem großen Radfachgeschäft. In den vergangenen Jahrzehnten haben ihn seine ausgedehnten Radreisen in alle Kontinente geführt, jedes Jahr steht eine auf dem Programm. Andreas ist Lehrer im Ruhestand. Auch er lebt in Bozen und tut kaum etwas lieber, als fremde Länder zu erkunden, Landschaften in sich einzusaugen, den eigenen Horizont durch das Eintauchen in fremde Kulturen zu erweitern. Die beiden Freunde verbindet die Faszination für das nomadische Leben auf 2 Rädern. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1124625_image" /></div> Zunächst einmal müssen sich die beiden radelnd akklimatisieren, ehe nach mehreren Tagen der als Plage Blanche bekannte weiße Strand winkt, ein erster landschaftlicher Höhepunkt. Dieser unberührte Traumstrand zieht sich über 100 Kilometer Richtung Süden und eignet sich dank seines harten Untergrundes ideal zum Radfahren. Irgendwann, irgendwo im Nirgendwo, begegnen die beiden Südtiroler einem afrikanischen Fischer, Soufiane. Er lädt sie zu sich in seine kleine bescheidene Hütte ein und bereitet einen frischen Fang zu. „Wir unterhalten uns, trinken zusammen süßen Tee und betrachten den leuchtenden Sternenhimmel“, beschreibt Raimund einen flüchtigen Augenblick des Staunens. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1124628_image" /></div> Schon am nächsten Tag werden die beiden Südtiroler Zeugen eines Flüchtlingsdramas. Soufiane hatte ihnen geraten, schnell aufzubrechen und ins Landesinnere zu radeln, dabei kreuzen sie den Weg von mehreren Gruppen junger Afrikaner, ausnahmslos schwarz gekleidet und ohne jegliche Habseligkeiten. <BR /><BR /><b>Begegnung mit dem Tod</b><BR /><BR />Sie wurden in Schlauchbooten hier angeschwemmt, ihr Ziel dürften die Kanarischen Inseln gewesen sein. Nicht alle haben überlebt. Raimund erzählt: „Mein Blick fällt auf 3 Menschen neben einem Boot, sie legen reglos am Rücken und erst langsam begreife ich, dass sie sich nicht ausruhen, sondern tot sind. Ertrunken. Ich bin wie benommen, diese Situation kann ich nicht einordnen. Ich lege mein Fahrrad in den Sand und versuche zu begreifen, was hier passiert. Als meine Angst gewichen ist, sehe ich einen Körper im Meer treiben. Ich steige ins kalte Wasser, ziehe ihn landwärts, drehe ihn auf den Rücken und sehe sein Gesicht. Ich schwitze, schnaufe und bin erschöpft. Tränen laufen mir übers Gesicht.“ Auf der Suche nach einem besseren Ort hat der junge Mann sein Leben verloren.<BR /><BR /><b>Ungutes Gefühl im besetzten Westsahara</b><BR /><BR />Die beiden Radreisenden machen sich auf den Weg in das besetzte Territorium von Westsahara, ein weitgehend abgeriegeltes Land. Die Sahrauis, eine maurische Ethnie Westsaharas, kämpfen für eine unabhängige Demokratische Arabische Republik Sahara (SADR), allerdings kontrolliert Marokko das Territorium mit allgegenwärtiger Militärpräsenz. Der Abbau der reichhaltigen Phosphatvorkommen und die Fischerei sind lukrative Geschäfte. Raimund und Andreas passieren 5 Straßensperren, ehe sie die Garnisonsstadt Layonne erreichen und sich dort mit dem Sahraui Khalid über die Sicherheitslage unterhalten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1124631_image" /></div> <BR /> Schließlich geht es weiter in Richtung Süden, mit konstantem Rückenwind schaffen sie bis zu 180 Kilometer täglich. Sie machen Bekanntschaft mit Jannis, einem jungen Radreisenden aus Hannover, der auf seiner Solofahrt von Hannover bis nach Noakchott Spendengelder für ein Waisenhaus sammelt. Für ein paar Tage radeln sie gemeinsam durch die Wüstenlandschaft, bei Guergerot passieren sie die Grenze zu Mauretanien. <BR /><BR /><b>Am Limit: Gleißende Sonne, flirrender Sand</b><BR /><BR />Die Bedingungen werden härter, viel härter. Raimund blickt zurück: „Wir haben unsere Gesichter mit Tüchern umhüllt und geschützt, die extrem heiße und trockene Luft reizt unsere Schleimhäute bis zum Nasenbluten. Zwischen den Zähnen knirscht der feine Wüstenstaub. Sand überall, in der Kleidung, im Schlafsack, im Essen. In der Wüste muss man sich zwangsläufig mit dem Sand anfreunden.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1124634_image" /></div> In den Mittagsstunden brennt die Sonne erbarmungslos herab, an Radeln ist dann nicht mehr zu denken. Vielmehr heißt es, irgendwie Schutz vor der Sonne zu finden, und sei mit einem Regenschirm. Oftmals befestigen sie den Regenschirm ans Rad, um sich wie ein Segelboot vom Wind treiben zu lassen. Längst sind die beiden Abenteurer eins geworden mit den Elementen und Eigenheiten der Wüste. Gezeltet wird unter freiem Himmel, auf dem Kocher bereiten sie sich ihr Abendessen zu und staunend betrachten sie die langen Sonnenuntergänge und das Funkeln des nächtlichen Sternenhimmels. „Wir fühlen uns als Wüstennomaden, unsere vollbepackten Räder sind unsere Kamele“, meint Raimund. <BR /><b><BR />Es ist geschafft: Erleichterung in Dakar</b><BR /><BR />Nach einem Monat Wüste, Sand und Einsamkeit kommt endlich wieder fruchtbares Grün zum Vorschein. Raimund und Andreas radeln freudig über den Senegal, den Grenzfluss zum gleichnamigen Land. „Die Menschen sind wieder bunt gekleidet, die Frauen nicht mehr tief verhüllt, sie tragen Babys auf dem Rücken. Es wimmelt nur so von Kindern, sie laufen uns nach, umringen uns, helfen uns beim Patschenflicken oder betteln mit ihren Bettelkübelchen“, erzählt Raimund. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1124637_image" /></div> <BR />Es gibt frisches Obst und Gemüse und einen Tag am Atlantikstrand zur Erholung. Wie eine Schicht Wüstensand fallen nun die Anspannung und die Strapazen der beschwerlichen Tour von ihnen ab. Die beiden Südtiroler Abenteurer kommen noch mit einigen Einheimischen über deren Alltag und Probleme zu sprechen. In Senegals Hauptstadt Dakar besuchen sie die afrikanische zeitgenössische Kunstbiennale und erkennen, wie tief sich „die jüngere Geschichte von Diaspora, Versklavung und Kolonialisierung in das kollektive Bewusstsein Senegals“ eingebrannt hat. <BR /><BR />Noch am Tag des Heimfluges wird den beiden die Dimension ihres 6-wöchigen Abenteuers bewusst, eine Grenzerfahrung zwischen herausragenden Erlebnissen, großen Anstrengungen, freudigen und leidvollen Erfahrungen. „Keinen Moment davon möchte ich missen“, schließt Raimund seinen beeindruckenden Reisebericht.<BR /><BR /><i>Text von Raimund Algrang und Alex Zingerle</i>