Dienstag, 17. September 2019

Alles Gute, Reinhold! Das Geburtstagsinterview zum 75.

Ein Leben lang von Beruf Reinhold Messner – das hat die Bergsteigerlegende reich und weltberühmt gemacht. Am 17. September wird Messner 75 Jahre alt.

Reinhold Messner feierte seinen 75. Geburtstag am Dienstag unter anderem mit seiner neuen Lebensgefährtin Diane Schumacher auf Schloss Sigmundskron. - Foto: E.T.-MEDIA / Erwin Tscholl
Reinhold Messner feierte seinen 75. Geburtstag am Dienstag unter anderem mit seiner neuen Lebensgefährtin Diane Schumacher auf Schloss Sigmundskron. - Foto: E.T.-MEDIA / Erwin Tscholl

Die österreichische Nachrichtenagentur APA hat mit ihm aus diesem Anlass ein ausführliches Interview geführt.

APA: Dem Logo MMM und Ihrem Foto entkommt man in Südtirol nicht. Überall wird für die „Messner Mountain Museen“ geworben. Das MMM könnte auch für „Marke, Mensch und Mythos“ stehen. Ist das in Ihrem Fall alles deckungsgleich oder gibt's da Unterschiede?
Reinhold Messner: Ich selber komme ja in diesen Museen nur ganz am Rande vor. Ich habe kein Museum über mich gemacht. Wenn mein Name im Titel steht, dann nur, weil ich ohne meinen Namen keine Chance gehabt hätte, das auf die Beine zu stellen. Früher oder später soll nur das Logo bleiben. Das Mountain Museum ist ein Begegnungsraum. Mein Ehrgeiz ist es, das Narrativ zum Spannungsverhältnis Mensch-Berg so zu erzählen, dass es auch ein Laie versteht.

APA: Dieses Narrativ ändert sich aber rapide, wie Sie in Ihrem neuen Buch „Rettet die Berge“ betonen.
Messner: Dieser Teil der Natur spürt die Veränderung am schnellsten. Jenen, die sagen, die Alpinisten machen die Berge kaputt, sag ich: Ihr habt's ja keine Ahnung. Beim Anfliegen oder Anreisen ja, aber nicht beim Hinaufsteigen. Es ist schon zum Teil ein philosophisches Buch, in dem ich Hintergründe erzähle und nicht einfach nur sage: Die Welt geht unter, der Permafrost schwindet. Das hat es immer wieder gegeben. Zu Ötzis Zeiten war es wärmer als heute.

APA: Aber das ist ja genau die Argumentation derer, die sagen: Klimawandel schön und gut, aber es hat immer heiße Sommer gegeben, Starkregen, Muren, Lawinen...
Messner: Die Qualität ist aber heute eine viel größere. Ich beobachte die Dolomiten seit 70 Jahren. Jetzt kommen in 2  Jahren mehr riesige Trümmer von den Bergen herunter als vorher in 50 Jahren. Diese Platzregen, die es auch bei uns gibt, die habe ich einmal in 10 Jahren erlebt, jetzt erlebe ich die 5 Mal im Monat. Der Sturm, den wir voriges Jahr Ende Oktober hatten, hat Flächen so groß wie Meran einfach niedergemäht. Das hat es früher nicht gegeben. Und der Wandel geht jetzt so schnell, dass sich weder Pflanzen noch Tiere noch Menschen darauf einstellen können. Dennoch passiert nicht viel dagegen. Medien und Politiker haben keine Glaubwürdigkeit mehr. Ich glaube, dass die Demokratie an den Rand Ihrer Möglichkeiten gekommen ist.

APA: In Österreich geht Sebastian Kurz auf seiner Wahlkampftour bergsteigen. Sie waren doch auch einmal als Begleiter angefragt?
Messner: Vor der letzten Wahl, als jedem Bürger klar geworden ist, dass Strache und Kurz eine Absprache hatten, wurde ich gefragt, ob ich mit Kurz auf den Ortler steige. Ich habe gesagt, mit einem Politiker, der mit Herrn Strache koaliert, gehe ich nicht vor die Haustüre, geschweige denn auf den Ortler! Das ist meine Art: Ich mache nicht Politik, aber ich sage genau, was ich denke.

APA: In Ihrem Buch kritisieren Sie auch, dass die Berge zunehmend zu Fun-Parks werden.
Messner: Ursprünglich waren die Berge eine Art Sehnsuchtsort, weil man dort das Gegenteil fand, was in der Stadt war. In der Stadt war es hektisch, laut, aggressiv, die Luft verpestet. Auf dem Berg war die Stille, die Erhabenheit daheim, die Ruhe, die Entschleunigung. Die Städter fahren heute noch mit Ihrer Sehnsucht nach diesen Werten in die Berge, doch machen sie genau das kaputt, was sie suchen. Wer den lauteren Event hat, den größeren Lärm und die größere Umweltzerstörung macht, hat am meisten Gäste.

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Zum runden Geburtstag war Messner auch bei der TV-Sendung von Markus Lanz zu Besuch.

APA: Warum, denken Sie, haben Sie so viele Kritiker?
Messner: Die lieben Mitmenschen haben ein Problem mit meinem Erfolg. Die sagen jetzt auch, ich sei ein Umweltzerstörer, weil ich Museen gemacht habe. Aber jedes andere Museum gilt als kulturelle Leistung! Wir sind das einzige Museum zwischen München und Verona, das freiwirtschaftlich funktioniert. Wir sind das dritterfolgreichste Museum in Südtirol. Das haben wir alles aus eigener Kraft geschafft. Wir belasten die Landes- und Staatskasse mit Null. Natürlich haben alle gehofft: Jetzt geht er pleite. Ich bin aber nicht pleite gegangen. Ich lebe unter einer mächtigen Neidwolke.

APA:  Sie haben  mit Ihren Expeditionen den Menschen Abenteuer vorgelebt, die die hohen Berge erst so richtig interessant gemacht haben.
Messner: Ja, aber ich beginne jeden meiner Vorträge damit: „Bitte nicht nachmachen! Sehr gefährlich!“ Natürlich ist das zynisch, aber es muss  wirklich nicht sein. Für manche reicht es, wenn sie auf einen Hügel steigen.

APA: Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bücher Sie geschrieben haben?
Messner: Es sind ungefähr 50. Ich schreibe selber und ohne Ghostwriter. Ein humpeliges Bergbuch, das wirklich vom Autor selber ist, ist mir tausendmal lieber als ein gefeiltes Bergbuch von einem Journalisten.

APA: Die Zusammenarbeit mit einem Ghostwriter wäre vermutlich ohnedies schwierig. Sie haben den Ruf eines Egomanen.

Messner: Ich frage mich ja selber: Habe ich autistische Züge? Der amerikanische Kletterer Alex Honnold kann so fokussiert sein, dass er den Rest der Welt nicht mehr wahrnimmt. Mir passiert das auch dann und wann. Aber ich bin zufrieden damit.

APA: Im Buch beantworten Sie die Frage nach dem Warum so: „Weil es mein Leben ist.“
Messner: Was mir heilig ist, ist das selbstbestimmte Leben; dass ich mir von niemandem, von keiner Religion, keiner Politik, keinen Schwätzern dreinreden lasse, was ich tue. Das versuche ich auch meinen Kindern beizubringen: selbstbestimmt zu leben. Ich möchte von niemandem abhängig sein. Das hat mich zu diesem Menschen gemacht, der als Egomane erscheint. Ich kann nachweisen, dass die Expeditionen, die wirklich schwierig waren, auch zwischenmenschlich, alle ich gerettet habe. Dass es nachher Streitigkeiten gab, gebe ich gerne zu, aber immer nur, weil nachher Außenstehende Streitigkeiten hereingetragen haben. Ohne die Kunst der Kompromisse ist es bei einer Expedition am Ende der Welt rasch vorbei.

APA: Auch die Ehe ist eine Kunst der Kompromisse. Dort scheint Ihnen das nicht gelungen zu sein.
Messner: Leider. Wir waren lange Zeit ein Paar. Aber meine Frau hat sich vor 2 Jahren dazu entschieden, eine andere Lebenskonstellation zu wählen. Ich habe mir ein Familienleben zu fünft bis zum Lebensende gewünscht. Aber eine Frau, die viel jünger ist, hat vielleicht auch zu viel investiert in die Kinderaufzucht, die sie alleine verantwortet hat. Ich hatte mit dieser Situation zu leben und habe mir eine neue Wohnung gesucht. Am Beginn glaubte ich, das gar nicht zu können, weil ich gar kein Hausmann bin. Das wurde mir immer abgenommen, von meiner Mutter, von meiner ersten Frau, von meiner zweiten Frau. Ich habe darunter gelitten, hab mir dann aber gesagt: Wenn ich nicht schaffe, aus dieser Situation etwas Zukunftsträchtiges zu machen – wer soll das sonst machen? Es war einer der schwierigsten Einschnitte in meinem Leben. Es war nicht meine Entscheidung. Mir ist es noch immer rätselhaft, warum sie das gemacht hat, aber es passiert in diesem Alter bei sehr vielen Paaren.

APA: Man kann sich schon gut vorstellen, dass es an Ihrer Seite nicht leicht ist.
Messner: Sie hat wohl nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihr zugestanden wäre. Ein Interview da, ein Auftritt dort, dann wieder ein Buch. Das ist schwer zu ertragen. Man wirft mir vor, dass ich zu allem und jedem etwas sage. Dabei rede ich nur, wenn ich gefragt werde. Ich rufe nie jemanden an oder sage, ich möchte gerne ein Interview geben. Ich habe ohnedies viele Kompromisse gemacht. Aber es waren dann doch nicht genug. Innerhalb von 2 Monaten habe ich gelernt, wieder als Single zu leben.  Und dann kam wieder eine neue Frau in mein Leben. Ich habe keine Lust, mich aufs Altenteil zu setzen, mir nichts mehr anzuschauen und mich aufzugeben.

Int.: Wolfgang Huber-Lang/APA

stol