Montag, 16. Dezember 2019

Aus Fehlern lernen

Am vergangenen Donnerstag fand in der Carambolage in Bozen die dritte Auflage der „Fuckup-Night“ statt. Es handelt sich um ein weltweites Format, das Menschen eine Plattform bietet, um Erfahrungen des Scheiterns öffentlich zu erzählen. Neben der Unterhaltung dient es vor allem der Enttabuisierung des Scheiterns.

Miriam Rieder, Organisatorin der Fuckup-Nights in Südtirol © ugc / Miriam Rieder
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Miriam Rieder, Organisatorin der Fuckup-Nights in Südtirol © ugc / Miriam Rieder - Foto: © Miriam Rieder

Scheitern gehört unwiderruflich zum Leben dazu. Darüber waren sich die drei Südtiroler Speaker, die auf der Fuckup-Bühne ihre eigenen Geschichten vom Scheitern erzählten, einig. Wichtig sei nur, dass man aus den Fehlern lernen und sich mit voller Kraft auf neue Ziele konzentrieren kann.

Eigentlich ist Manuel Prinoth nicht der Typ, der gerne große Reden schwingt. Jedoch gewährte er als einer von drei Protagonisten des Abends dem verhältnismäßig jungen Publikum einen zwar kurzen, aber doch vielsagenden Einblick in seinen tiefen Fall. Ich war einfach zu blauäugig, habe meinem Geschäftspartner blind vertraut und dafür eine brutale Rechnung präsentiert bekommen , konstatierte der 36-jährige Grödner. Dabei hatte einst alles so gut begonnen.

Mit einem Kompagnon stieg er in jüngeren Jahren in den Gastronomiesektor ein, zusammen übernahmen sie von der Almhütte bis zum Restaurant und zur Bar nach und nach eine Reihe von Betrieben. Die Gäste kamen in Scharen, die Kassen klingelten, nichts deutete auf Probleme hin bis sich der Grödner Unternehmer plötzlich mit einem Berg von Schulden konfrontiert sah. Sein Geschäftspartner, der die Finanzgebarung der Betriebe innehatte, war ins Ausland getürmt, Manuel dagegen wusste nicht mehr, wie er die Mitarbeiter und Lieferanten bezahlen sollte, zudem waren große Beträge für INPS und Inail fällig. Ich stand mit 100.000 bis 150.000 Euro in der Kreide und wusste nicht, wie mir geschah , erinnert er sich zurück. Er lief nicht davon, sondern begann, den Schuldenberg abzutragen. Eine große Stütze war ihm dabei seine Mutter. Die dunkelste Phase seines Lebens ist nun ein Weilchen her, heute ist Manuel kurioserweise in der Finanzberatung tätig, die Kryptowährung Bitcoin und die Blockchain-Technologie sind seine Spezialgebiete. Leider habe ich damals der falschen Person vertraut, aber ich bin gestärkt aus dieser Bruchlandung hervorgegangen , sagt er.

Die Liebe zum Schreiben

Ebenso einen klaren Schlussstrich zu ziehen vermochte Rainer Feichter (40) aus dem Ahrntal. Schon als Jugendlicher entdeckte Rainer seine Liebe zum Schreiben, bald schon schrieb er für mehrere Medien im Lande. Er glaubte aber nicht davon leben zu können. Darüber hinaus fühlte er sich bei den üblichen Berichten in seiner Kreativität eingeengt. Also nahm er einen Job als Schalterbeamter bei der Post an, unternahm ausgedehnte Reisen und hielt seine Eindrücke auf einem Reiseblog fest.

Als er aber eines Tages im August 2016 eine vielversprechende Mail vom renommierten Malik-Verlag aus Berlin bekam, weil seine Ägypten-Reportage derart gut geschrieben sei und man ihm ein Buchprojekt unterbreiten wolle, war er baff und glückselig zugleich. Sein Leben schien eine fantastische Wendung zu nehmen, er sah sich bereits als Reisebuchautor, feilte folglich für Wochen und Monate am Ägypten-Text. Doch bis auf ein weiteres Mail, in dem die Verlagsangestellte erneut ihr Interesse signalisierte, sollte er nichts mehr vom besagten Verlag hören. Irgendwann war ich nur mehr frustriert und am Boden zerstört, ehe ich den Ratschlag eines guten Freundes befolgte und dem Verlag ein allerletztes Mail schickte, in dem ich meinem Ärger ordentlich Luft machte , sagt Feichter und liest die grundehrliche Passage vor. Das Publikum honoriert sie mit starkem Beifall und fordert, er müsse weitermachen.


Auch Peter Tribus (60), Unternehmer und Künstler aus Meran, schildert seine Geschichte des Scheiterns, erzählt, wie er im Glauben, alles zu Gold machen zu können, Unsummen an Geld für Betriebsgründungen im Matratzen-Business verpulverte. Ich hatte einfach die Bodenhaftung verloren , gesteht er heute. Er habe es aber geschafft, rechtzeitig die Handbremse zu ziehen, durfte auf die Unterstützung seiner Bank und seiner Frau zählen und genießt heute mehr denn je das Leben.

Kein Leben ohne Rückschläge


Dass es wichtig ist, Geschichten über das Scheitern öffentlich zu machen, ist die Organisatorin der „Fuckup-Nights“ in Südtirol, Miriam Rieder, überzeugt: Es gibt kein Leben ohne Rückschläge, oft tut unsere Gesellschaft nur so. Scheitern ist nach wie vor ein Tabuthema, auch in Südtirol. Damit wir an Niederlagen wachsen können, müssen wir richtig mit ihnen umgehen. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für unsere Schwächen, und zur Stärkung dieses Bewusstseins in Südtirol wollen die Fuckup Nights einen Beitrag leisten.


Die „Fuckup-Nights“ werden auch 2020 wiederum Einzug in Südtirol halten. Es empfiehlt sich, die Tickets frühzeitig zu reservieren , so Miriam Rieder, denn die dritte Ausgabe in der Carambolage in Bozen war bereits eine Woche vor der Veranstaltung ausgebucht.

miriam rieder