<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />Edi Rama wurde nach 15 Jahren als albanischer Ministerpräsident unlängst wiedergewählt. Rama, selbst Künstler und Maler, hat es sich in den vergangenen Jahren zum Auftrag gemacht, mit urbanen Designs und spannender Architektur international renommierter Studios den Ruf Albaniens zu verbessern, wirtschaftliches Wachstum zu fördern und damit mehr Touristen anzulocken. Zumindest Letzteres ist ihm bereits gelungen. Das Schwellenland in Südosteuropa hatte 2024 den höchsten Touristenzuwachs weltweit.<BR /><BR />Doch längst nicht alle Albaner sind glücklich mit Ramas Beton-Politik. „Es gab im Wahlkampf einige kritische Berichte dazu in der Lokalpresse“, weiß einer, der nicht nur die Stimmung im Land kennt, sondern auch Premier Rama persönlich: Lukas Rungger, Mitbegründer des Architekturstudios NOA in Bozen. Seit gut einem Jahr ist der 47-Jährige u.a. in Tirana tätig – mittlerweile mit dem siebten Projekt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1166301_image" /></div> <BR />„Albanien befindet sich in einem Transformationsprozess, es gibt eine architektonische Revolution im positiven Sinne“, umreißt er die Goldgräberstimmung. Denn in wohl keinem anderen Land arbeiten aktuell so viele internationale Studios zeitgleich auf so engem Raum wie in der 600.000-Einwohner-Metropole Tirana und ihrem von Kommunismus und Diaspora geprägten Umland. <BR /><BR />„Es ist wahnsinnig spannend, in diesem so relevanten Moment dabei zu sein – gemeinsam mit der Weltelite unserer Profession, Architekten, die schon zu meiner Studienzeit Ikonen waren“, schildert Architekt Rungger und fügt lachend dazu: „Wir haben sogar eine eigene Austauschplattform für uns Architekten, Premier Rama und die Kommission.“ <BR /><BR />Wer dort dabei sein will, egal ob Star oder Newcomer, wird vom albanischen Regierungschef aber zuerst auf Herz und Nieren geprüft. „Auch bei uns hieß es im vergangenen Jahr: „He wants to see the architects„“, erzählt Rungger. Vorbei an gefühlt 50 Sicherheitsleuten empfing der Ministerpräsident schließlich das Architekten-Kollektiv aus Südtirol. „Er ist ein sehr kritischer Zeitgenosse und verlangt auch von uns, kritisch und nachhaltig mit allem umzugehen“, schildert der Bozner die Begegnung und vergleicht ihn mit einem Universitätsprofessor. Obschon er eine Expertenkommission im Hintergrund habe, entscheide er als Impulsgeber dieser Transformation selbst, ob ein Projekt wirklich in seine Strategie passe, Tirana zu einer Weltstadt und den Zwei-Millionen-Einwohner-Staat EU-beitrittstauglich zu machen. <h3> Arbeit soll Land widerspiegeln</h3>„Besonders wichtig für den Premier war es, dass unsere Arbeit sein Land widerspiegelt. Dass dieses Projekt nur dort stehen kann, wofür es entwickelt wurde, also in Albanien.“<BR /><BR />Etliche Male ist Rungger seitdem in Verona in den Flieger gestiegen und in die 1,5 Flugstunden entfernte Stadt geflogen. Denn für die Arbeiten bedarf es immer der Zusammenarbeit mit einem Studio vor Ort. Im Fall der NOA-Architekten ist dies auch gleichzeitig der Kunde, der ihr erstes Großprojekt finanziert. „Wir sprechen hier von einer Familie aus Architekten und Investoren, die große Italien-Liebhaber sind. Auf ihren Reisen gastierten sie in einigen von uns projektierten Hotels in Südtirol und wurden auf NOA aufmerksam. Mehr durch Zufall als Absicht kam so die Zusammenarbeit zustande.“<BR /><h3> Ein Hochhaus als Dorf in der urbanen Stadt</h3>Mit dem 23-stöckigen Wolkenkratzer namens „Puzzle“ <i>(siehe Bild oben)</i> hat sie nun auch Form angenommen. Ar<?TrVer> chetypische Dorfhäuschen mit Giebeldach werden dabei in einer schwindelerregenden vertikalen Komposition übereinandergestapelt. „Die Idee war es, den Übergang vom Leben in ländlichen Häusern zu städtischen Wohnungen darzustellen und so das schnelle Wachstum der Stadt zu symbolisieren“, sinniert der Architekt. Genutzt werden soll das Konstrukt wie ein Dorf und bietet darum Platz für Wohnungen, für ein Hotel sowie für Shops und Läden.<BR /><BR />Große Branchenmagazine zeigten sich bereits entzückt von dem Manifest – das Wort „Narrenfreiheit“ möchte der Architekt jedoch nicht in <?Uni SchriftWeite="96ru"> den Mund nehmen.<?_Uni> Man bekomme in Albanien nichts geschenkt, unterstreicht er – und spricht lieber von einem „experimentellen Labor“ für mutige Projekte, die auch umgesetzt würden; angefangen von regulären Wettbewerben über strikte Rahmenbedingungen, hohe Auflagen bis hin zu raschen, digitalisierten Genehmigungsphasen. „Man lacht dich aus, wenn du noch Zettel vorbeibringst“, muss Rungger selbst staunen über die Fortschrittlichkeit des Schwellenlandes – das in der Bauumsetzung gern auf internationale Fachplaner und Statiker zurückgreift. <BR /><BR /><h3> Der Sprung in die Elite</h3>Welche Baustandards er dann wirklich vorfinden wird, darauf ist Rungger selbst gespannt. Im September ist Spatenstich für den ersten NOA-Wolkenkratzer. Auch das zweite Projekt an der mit karibisch anmutenden Stränden gesäumten Riviera unweit von Korfu ist schon bereit für die Umsetzung. <BR /><BR />Einen ersten Blick darauf kann man u.a. bis November auf der Architekturbiennale in Venedig werfen. Schirmherr Edi Rama hat die Südtiroler nämlich eingeladen, zwei ihrer Projekte im Albanien-Pavillon zu präsentieren. Ein Ritterschlag für Rungger und sein Studio, das es damit sogar in Gazetten wie „Le Monde“, die „NZZ“ oder „Wallpaper“ geschafft hat.<BR /><BR />Aber auch finanziell lohne sich die Arbeit fern der Provinz, weiß er. Denn spannende Architektur sei in Albanien ein „Must-have“, kein „Nice-to-have“. Es ist Rungger und NOA-Mitgründer Stefan Rier also nicht zu verdenken, dass sie laut überlegen, in Tirana eine Studio-Außenstelle zu eröffnen. Verständlich. Die Chance, Wolkenkratzer oder Strandhäuser umzusetzen, wird es hierzulande wohl nicht so schnell geben.