<b>von Martina Hofer</b><BR /><BR />Erst die Matura in Bozen, dann ein Studium der Internationalen Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck, nebenbei der Job bei der Handelskammer und ab und zu ein Model-Auftrag. Aisha Ba – die Tochter einer Boznerin und eines senegalesischen Vaters – hatte eigentlich klare Vorstellungen vom Leben. Eigentlich. „Ich weiß nicht warum, aber irgendwie fühlte ich mich Ende 20 plötzlich sehr alt und hatte den Eindruck, die nächsten 30 Jahre meines Lebens bereits zu kennen“, erinnert sich Aisha Ba zurück. <BR /><BR />Sie sitzt an diesem Nachmittag in der „Laurin Bar“ im Zentrum der Landeshauptstadt. Früher war sie öfters auf einen Espresso hier. Heute bestellt sie „Iced Americano“, während ihr Mann Kim Jun Gu unter den Lauben shoppen geht. „Wir möchten noch deutsche Bücher und Speck kaufen, bevor es zurück geht“, lächelt Ba. 2018 hat die Boznerin nämlich Südtirol verlassen. Zuerst ging es zum Tanzstudium nach Los Angeles, seit sechs Jahren aber ist Seoul die Heimat der 33-Jährigen.<BR /><BR /><b>Buddhistische Tempel, Samsung oder die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang – das verbinden viele Südtiroler mit Südkorea. Wie ist das Land wirklich?</b><BR />Aisha Ba: Ich erlebe es vor allem als sehr lebendig, pulsierend. Die Geschäfte sind rund um die Uhr offen, und es gibt sehr viele Menschen – allein in der Hauptstadt Seoul leben 9,4 Millionen.<BR /><BR /><b>Klingt etwas anstrengend …</b><BR />Für mich ist es mittlerweile recht normal. Ich muss aber auch sagen, dass ich 2023 in die Vorstadt gezogen bin. Die Immobilienpreise im Zentrum sind aufgrund des akuten Wohnungsmangels astronomisch. Jetzt habe ich eine tolle Wohnung auf drei Etagen und ausreichend Platz.<BR /><BR /><b>Fühlen Sie sich zu Hause?</b><BR />Ja. Bürokratische Erledigungen kann ich aufgrund der Sprachbarrieren zwar noch nicht allein machen, aber die Alltagsverständigung klappt gut. Seoul ist sehr westlich orientiert, man hat nicht das Gefühl, außerhalb von Europa zu leben. Es gibt Geschäfte der großen Modemarken, und wenn man einkaufen geht, findet man Barilla-Nudeln ebenso wie auch Loacker-Kekse. <BR /><BR /><b>Wie reagieren die Asiaten auf Sie als Südtirolerin?</b><BR />Sehr gut, die Dolomiten, die Alpen und auch Österreich als Nachbarland sind den meisten ein Begriff. In Amerika habe ich das ganz anders erlebt. <BR /><BR /><b>Uns ist Südkorea geografisch vor allem als Grenzland zu einer Diktatur bekannt. Erst kürzlich erklärte Nordkorea den Nachbarn zum „Staatsfeind“. Wie nehmen Sie diesen innerkoreanischen Konflikt wahr?</b><BR />Man hört in den Nachrichten natürlich von den Spannungen. Darum gibt es in Südkorea auch eine zweijährige Wehrpflicht für Männer. So wirklich in Angst aber leben die Leute nicht und schenken dem Konflikt auch kaum Aufmerksamkeit. <BR /><BR /><b>Sie leben heute 8700 Kilometer entfernt von Bozen. Wie kam es dazu?</b><BR />Ich habe vor sechs Jahren entschieden, vor Abschluss der Doktorarbeit in Innsbruck noch ein Jahr lang die Welt zu bereisen und Intensivtanzkurse zu besuchen, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Ich liebe tanzen. Besonders der Stil „Locking“ hatte es mir angetan. Über Recherchen fand ich heraus, dass er in Südkorea sehr populär ist, und so bin ich dorthin gereist. Um die Kurse zu finanzieren, habe ich gekellnert und gemodelt und schließlich meinen heutigen Ehemann kennengelernt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090737_image" /></div> <BR /><BR /><b>Mittlerweile sind Sie verheiratet und haben zwei Kinder. Wie ist es, in Südkorea eine Familie zu gründen?</b><BR />Das Land ist sehr kinderfreundlich, man merkt, dass die Regierung alles dafür tut, damit Paare Nachwuchs kriegen. Jede U-Bahn-Station hat Wickel- und Stillräume, in jedem Einkaufszentrum sind Babylounges, wo man das Kind auch schlafen legen kann – und alles ist wahnsinnig sauber. Als ich meine Tochter Fanta beim Umzug mehrere Monate aus der Kita genommen habe – die übrigens kostenlos ist – hat der Staat riesige Obst- und Gemüsekisten geschickt. Es wird sehr darauf geachtet, dass Kinder gesund aufwachsen. Rauchen in der Nähe von Minderjährigen ist beispielsweise absolut tabu. Überhaupt sind die Koreaner sehr darauf bedacht, respektvoll miteinander umzugehen. Sie sind formeller und zurückhaltender untereinander. Das gefällt mir. Hier hingegen merke ich, dass man sich oft erst Respekt verschaffen muss und viele nur auf sich bedacht sind. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090740_image" /></div> <BR /><BR /><b>Trotzdem: Gibt es etwas, mit dem Sie nicht gut zurecht kommen oder kamen in Ihrer neuen Heimat?</b><BR />Rückblickend sind es sicherlich die Geburten meiner Kinder. Anders als in Europa, wo Frau im Kreißsaal selbst entscheiden kann, was sie möchte, ist man in Korea sehr auf Sicherheit bedacht. Die Gebärende darf etwa nicht aufstehen, oder es ist unverständlich, wenn man einen Kaiserschnitt oder eine Schmerztherapie ablehnt. Das hat mich schon sehr gestört, muss ich sagen.<BR /><BR /><b>Tochter Fanta ist mittlerweile zwei Jahre, Söhnchen Ardho ein Jahr. Wie verbringen Sie die gemeinsame Zeit?</b><BR />Wir gehen gern in „Kids-Cafés“. Das sind große Indoor-Spielplätze, weil das Wetter in Seoul generell sehr heiß oder sehr kalt ist. Ansonsten gibt es natürlich Parks und viele Grill- und Campingplätze außerhalb der Stadt, die vor allem am Wochenende gerne genutzt werden. <BR /><BR /><b>Besuchen die Kinder die Kita?</b><BR />Ja, man kann sie in Korea ab drei Monaten in die Kita geben. Fanta ist seit ihrem ersten Geburtstag dort und Ardho jetzt ebenfalls. <BR /><BR /><b>Und was machen Sie in der Zeit?</b><BR />Vor den Kindern habe ich hauptberuflich gemodelt, mittlerweile bin ich „Content Creator“ für 800.000 Follower auf YouTube, Instagram und TikTok. Ich filme unseren Alltag und lade einmal pro Woche ein Video auf YouTube hoch. Meine Agentur in London verwaltet die Werbepartner dazu. Das sind koreanische Kosmetikmarken, Nahrungsergänzungsmittelhersteller oder auch Anbieter von SprachApps, weil unser Content dreisprachig ist. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090743_image" /></div> <BR /><BR />I<b>st das Leben in Seoul günstiger als in Südtirol?</b><BR /> Lebensmittel oder Benzin sind ungefähr gleich teuer, Strom viel günstiger, Mieten hingegen höher. Grundsätzlich verdient man in Seoul brutto mehr, aber man zahlt Steuern und Versicherungen selbst ein. <BR /><BR /><b>Welchen Lebensstandard führen die Koreaner?</b><BR />Das Land ist kapitalistisch geprägt, die Leute arbeiten sehr viel und hart, um sich einen hohen Lebensstandard leisten zu können. Gespart wird nicht, jeder braucht immer das Neueste. Damit umzugehen, fällt mir immer noch schwer, denn ich spare gern.<BR /><BR /><b>Klingt nach Konfliktpotenzial in der Ehe …</b><BR /> Mein Mann ist zum Glück nicht so extrem kauffreudig <i>(lacht).</i> Aber manchmal sagt er schon: „Jetzt müssen wir uns mal wieder was leisten!“ Nicht weil wir es bräuchten, sondern weil es jeder hat.<BR /><BR /><b>Inwieweit unterstützt er Sie als berufstätige Mama?</b><BR />Er war in der Bekleidungsbranche tätig, seit der zweiten Schwangerschaft aber ist er daheim, damit ich mich auch auf meine Arbeit konzentrieren kann. Ich habe zwar Schwiegereltern in Seoul, doch die arbeiten selbst noch. <BR /><BR /><b>Und die anderen Großeltern sitzen in Bozen. Wie ist es für sie, ihre Tochter und Enkel soweit weg zu wissen?</b><BR />Für Mama war es schwer, Papa ist ja selbst ausgewandert und konnte meine Entscheidung besser nachvollziehen. Doch wir machen regelmäßig Videoanrufe. Mit den Kindern rede ich Dialekt und lese deutsche Bücher, damit sie sich in Südtirol nicht fremd fühlen, wenn wir einmal im Jahr für einen Monat nach Bozen kommen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090746_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie wichtig ist Ihnen diese Vermittlung der eigenen Wurzeln?</b><BR />Schon meine Eltern waren sehr daran interessiert, dass ich die italienische, deutsche und senegalesische Kultur gleichermaßen kennenlerne. Dies möchte ich nun auch an meine Kinder weitergeben, weil ich glaube, dass es für mich vor diesem Hintergrund sicherlich einfacher war, neue Orte und Traditionen zu entdecken.<BR /><BR /><b>Wie erleben Sie Südtirol aus der Außenperspektive?</b><BR />Ich schätze die regionalen Produkte und die Lebensmittelqualität viel mehr. Auch finde ich es echt toll, wie lebendig es auf dem Land draußen ist. Häuser werden in Stand gehalten, die Landschaft gepflegt. In Korea ist die Stadt zwar supercool, aber das Umland verlassen und heruntergekommen. <BR /><BR /><b>Wo gibt es hingegen Nachholbedarf?</b><BR />Heute etwa wollte ich mit dem Stadtbus fahren, aber ohne Münzen oder Abo nicht möglich <i>(lacht). </i> Auch die E-Mobilität steckt noch in den Kinderschuhen. In Südkorea gibt es nicht nur Tesla, da bieten auch BMW oder Audi längst eine ganze Palette an Elektrofahrzeugen an. Lieferdienste sind in Seoul ebenfalls längst Alltag. Ich gehe nur selten in den Supermarkt, es kommt alles spesenfrei nach Hause. Hier kennt man das hingegen noch kaum.<BR /><BR /><b>Schließen Sie heute eine Rückkehr nach Südtirol aus?</b><BR />Mein Mann und ich mögen das Ruhige und Friedliche hier, das Essen und den guten Wein – brauchen aber die Stadt. Ausschließen möchte ich dennoch nichts, momentan aber wird Seoul unser Lebensmittelpunkt bleiben – und Südtirol unsere liebste Urlaubsdestination, in die wir trotz 24-Stunden-Flug gerne reisen.