Dabei spannt sie den Bogen von alten Heische- und Feuerbräuchen bis hin zu modernen Bräuchen wie es die Motorradweihe ist. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielen Bräuche heutzutage im kollektiven Bewusstsein Südtirols?</b><BR />Barbara Stocker: Bräuche spielen für viele Menschen immer noch eine große Rolle und begleiten sie durchs Leben. Schon allein das Wort Brauch drückt aus, dass etwas „gebraucht“ wird. Das heißt aber nicht, dass jeder Brauch gefallen muss. Manche Menschen mögen die Fasnacht nicht, dafür aber bedeutet ihnen die Adventzeit mit ihren Ritualen und religiösen Lichtgestalten viel. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151742_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Beobachtungen überraschen Sie dabei selbst als Volkskundlerin bzw. Fachfrau?</b><BR />Stocker: Bräuche existieren nie ganz losgelöst vom Zeitgeist und von gesellschaftlichen Entwicklungen. Als ich studiert habe, wurde zwar auch über den Wandel von Bräuchen gesprochen, aber ich habe den Eindruck, dass letzthin ein viel größerer Wandel im Gange ist, weil sich unsere Welt in einer rasanten Geschwindigkeit verändert. Auch die neuen Technologien und sozialen Medien spielen dabei eine Rolle. Gegenwärtig lässt sich eine große Begeisterung und ein beachtliches Interesse für bestimmte organisierte Bräuche beobachten. <BR /><BR /><b>Warum erfreuen sich viele Bräuche großer Beliebtheit?</b><BR />Stocker: Dafür gibt es mehrere Gründe – je nachdem, um welche Bräuche es sich handelt. Sie schaffen eine Gegenwelt zum Alltag. Es geht um das Dabeisein, um die Vorbereitung, das gemeinsame Erlebnis, das Feiern und die Unterhaltung. Bei einigen Bräuchen ist auch das Fortführen einer Tradition sinngebend, wie etwa bei den Herz-Jesu-Feuern. Bräuche leben von denen, die sie ausüben und denen, die zuschauen. Bräuche erfüllen unterschiedliche Funktionen: Für die einen ist es das Erleben von Gemeinschaft und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, das Miteinander vorbereiten und Arbeiten an einem Projekt, für andere sind es die religiösen Bräuche, die trösten, Hoffnung schenken und Sicherheit geben. Für wieder andere sind es die Aspekte der Unterhaltung, die sich zumeist vom Alltagsleben abheben.<BR /><BR /><b>Was für Bräuche befinden sich gerade im Wandel?</b><BR />Stocker: Religiöse Bräuche erleben vielleicht die größten Veränderungen, zurückzuführen auf eine starke Profanisierung. Sie haben in der Gesellschaft nicht mehr die Bedeutung, die sie lange Zeit hatten. Weihnachten ist zu einem globalisierten Fest geworden mit dem Schenken im Vordergrund. Der Christbaum hat vielfach die Krippe als Symbol abgelöst. Krampusumzüge, die im 20. Jahrhundert entstanden sind, ziehen Massen von Zuschauern und Zuschauerinnen an. Sie haben Eventcharakter, ich bezeichne sie als teuflische Shows. Der heilige Nikolaus spielt dabei nur mehr eine untergeordnete Rolle. Er hat auch große Konkurrenz vom Weihnachtsmann bekommen. Bei den ursprünglichen Nikolausbräuchen stand das Gute über dem Bösen und es ging in erster Linie um die ethischen Werte, die der heilige Nikolaus verkörpert. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151745_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was für alte Bräuche wären denn in Ihren Augen besonders schützenswert?</b><BR />Stocker: Ich sehe die Aufgabe von uns Volkskundlerinnen nicht darin, Bräuche zu bewerten oder für ihren Weiterbestand zu werben. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, Vorschriften zu machen, wie Bräuche ablaufen sollen. Ganz und gar nicht. Wenn Bräuche nicht mehr gebraucht werden, weil es kein Interesse und keinen Bedarf mehr für sie gibt, dann sollen sie auch sterben dürfen.<BR /><BR /><b>Aber ist es nicht schade, wenn Kulturgut still und leise verschwindet?</b><BR />Stocker: Wichtig ist, dass das Wissen über Bräuche erhalten bleibt, indem sie dokumentiert und erforscht werden. Wenn das Flachsbrechen oder das Korndreschen nicht mehr zu den landwirtschaftlichen Arbeiten gehören, verlieren auch die damit verbundenen Bräuche ihren Sinn. Gültigkeit hat deshalb folgender Satz: „Bräuche kommen, gehen, ändern sich und werden neu erfunden“. Es gibt auch Bräuche, die ihre eigentliche Bedeutung verloren haben, aber noch aus Freude und dem Erhalt der Tradition ausgeübt werden. Dazu zählen die sogenannten Heischebräuche, so etwa das Pittschilesingen und das Krapfenlottern. Diese boten einst armen Menschen die Gelegenheit, sich zu maskieren und durch das Vortragen von Gedichten, Sprüchen oder Liedern, etwas zu erbetteln bzw. zu erheischen. Hierbei fällt mir das Neujahrsschreien bzw. Neujahrssingen ein, wie es noch in vielen gegenden des Pustertals praktiziert wird. Die Verkleidungen und Masken dienten nicht nur zu Belustigung, sondern halfen das Gesicht der Armut zu verbergen. Zu den alten Bräuchen gehören aber auch die diversen Feuerbräuche. <BR /><BR /><b>Was für Feuerbräuche meinen Sie?</b><BR />Stocker: Dazu zählen das Osterfeuer, die Holepfannfeuer im Burggrafenamt, das Scheibenschlagen im Vinschgau und die Sonnwendfeuer, die es seit dem Mittelalter gibt, oder auch Jahresfeuer wie Walpurgis-, Georgi- oder Johannesfeuer. In Südtirol ist der bekannteste Feuerbrauch jener vom Herz-Jesu-Sonntag. Dann verwandeln sich die Bergketten in ein Lichtermeer oder es sind Feuer in Form von Herzen, Kreuzen oder Adlern im ganzen Land zu sehen. Die Herz-Jesu-Feuer sind erst später entstanden und haben bei uns die Sonnwendfeuer etwas zurückgedrängt. Feuerbräuche sind in ganz Europa verbreitet. Sie sind leider nicht ungefährlich.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151748_image" /></div> <BR /><b>Welche neuen Bräuche lassen sich hingegen beobachten?</b><BR />Stocker: Zu den neuen Bräuchen zähle ich solche, die im 20. Jahrhundert entstanden sind. Dazu gehören beispielsweise die Motorradsegnungen, letzthin zum 43. Mal in Neumarkt, jährlich am 1. Mai auf dem Stegener Marktplatz in Bruneck. Neu dazugekommen sind auch kommerzielle Feste, die von außen kommen, und sich aufgrund mehrerer Faktoren, darunter auch der medialen Berichterstattung verbreitet haben. Ein bezeichnendes Beispiel ist Halloween – ein ursprünglich europäischer Brauch, der nach dem Umweg über Amerika heute Teil der Spaß- und Unterhaltungskultur ist. Ursprünglich ging es dabei um das Allerseelengedenken. <BR /><BR /><b>Frauen und Bräuche – dieses Thema wird mitunter recht kontrovers diskutiert. Was ist Ihr Standpunkt?</b><BR />Stocker: Ja, da ist besonders in den letzten Jahren in unseren Nachbarländern einiges ins Rollen gekommen, wo Frauen nicht mehr nur die Zuarbeiterinnen sein wollen, die im Hintergrund nähen, stricken und für die Ausstattung der Männer sorgen, sondern selbst Bräuche ausüben, die bis dato männlich geprägt waren. Dazu können als Beispiel die „Glöcklerinnen“ von Ebensee in Österreich genannt werden. Sie sind 2010 erstmals bei diesem Brauch als Frauengruppe aufgetreten und sorgten für Diskussionen in ganz Österreich. Mittlerweile sind die Kritiken verstummt. Ein weiteres Beispiel ist der Kinder-Brauch vom „Chalandamarz“ in der Schweiz, wo seit 2023 in einigen Orten auch Mädchen mitmachen dürfen. Auch da gibt es Diskussionen. <BR /><BR /><b>Gelebtes Brauchtum lässt sich auch gut vermarkten, gerade im Tourismusland Südtirol. Jedoch stellt sich dann irgendwann die Frage nach Authentizität und Originalität, oder?</b><BR />Stocker: Viele Bräuche haben Eventcharakter, es wird dafür sehr viel Werbung gemacht, das entnehme ich immer wieder den Newslettern von IDM Südtirol. Ich würde aber die große Vielfalt an Bräuchen nicht nur auf diese organisierten Veranstaltungen festmachen. Hinter den organisierten Umzügen beispielsweise, ob das ein Leonardritt ist oder ein Fasnachtsumzug, steckt heutzutage eine große Maschinerie, allein was die Sicherheitsmaßnahmen betrifft. Allerdings tragen auch viele Südtiroler zu einem „Brauch-Tourismus“ bei, wenn sie etwa Weihnachtsmärkte in Deutschland oder das Narzissenfest in Österreich besuchen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151751_image" /></div> <b>Was wünschen Sie sich persönlich für Bräuche und die Volkskultur in Südtirol ?</b><BR />Stocker: Ich wünsche mir, dass Menschen Bräuche so leben und erleben, dass sie für sie eine Bereicherung sind, nicht nur eine oberflächliche Unterhaltung und ein kommerzieller Folklorismus. Besonders wichtig ist mir, dass auch auf die Schattenseiten von Bräuchen geschaut wird, denn leider gibt es auch Missbrauch, überhöhten Alkoholkonsum, sexuelle Übergriffe und Gewalt. Diese Themen dürfen in der Diskussion nicht ausgeklammert werden. Und ich möchte auch noch den Solidaritätsgedanken ansprechen. Viele Bräuche waren und sind sicherlich heute noch Ausdruck von Toleranz und Mitmenschlichkeit.