<b>Von Maria Cristina De Paoli</b><BR /><BR />Dunkler Lockenkopf, leichte Sommersprossen, kariertes Flanellhemd: Entspannt sitzt Vivian Manzardo in ihrer Stockholmer Studentenwohnung vor dem Bildschirm. Das Gespräch für dieses Porträt läuft per Videoschaltung. <BR /><BR />Nach dem Bachelor an der Hochschule für Gestaltung und Design im -baden-württembergischen Pforzheim hat sich die junge Boznerin nun für ein Masterstudium an der schwedischen „Konstfack“ entschieden. Weil die Vorlesungen an der Universität für Kunst, Handwerk und Design (sie wurde 1844 gegründet) schon Anfang September starten, ist Vivian im Juli nach Stockholm gezogen. <BR /><BR />„Um mich einzuleben und einen Schwedischkurs zu belegen.“ Die Stadt kennt sie von einem früheren Erasmus-Aufenthalt, und die Sprache ist auch kein Problem. „Schwedisch ist dem Deutschen recht ähnlich“, sagt die 24-Jährige.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1085730_image" /></div> <BR /><BR />Die Tochter von Journalistin Nicole Dominique Steiner und von Unternehmer Claudio Manzardo ist in einer zweisprachigen Familie aufgewachsen. Mit der Mutter wird Deutsch, mit dem Vater Italienisch gesprochen.<BR /><BR /> „Nach der Mittelschule habe ich das Sprachenlyzeum der Marcelline-Schwestern besucht“, sagt Vivian. Dort kamen Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch dazu. An einem Sprachenstudium war sie aber nie interessiert: zu ausgeprägt ihre kreative Ader, zu stark ihre Passion für Schmuck und Design.<h3> Zwischen Theorie und Praxis</h3>„Ich habe schon als Kind viel gebastelt und gemalt“, erzählt Vivian. Ausschlaggebend für ihre spätere Studienwahl war jedoch ein Schmuckkurs an der offenen Werkstatt MANU in Bozen. „Ich war damals 14 Jahre alt.“ Die Erfahrung hat sie geprägt. <BR /><BR />Nach der Matura ging sie deshalb nach Pforzheim, die deutsche „Gold-Stadt“. Auch wenn die Schmuckproduktion größtenteils ins Ausland verlegt wurde, bietet die Stadt gerade Studenten wichtige Infrastrukturen, um neben der Theorie auch die Praxis zu erlernen. „In Pforzheim habe ich mit verschiedenen Materialien experimentiert und dabei nicht zuletzt das Schmieden für mich entdeckt.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1085733_image" /></div> <BR /><BR />In Pforzheim ist aber auch ihr bisher größtes Projekt entstanden. „A Matter of Nipples“, „Eine Frage der Brustwarzen“, so der Titel ihrer Abschlussarbeit. Ausgehend von einer einfachen Beobachtung – „Warum müssen Frauen ihre Brustwarzen abdecken, während es bei Männern okay ist, wenn sie am Strand in der Badehose unterwegs sind?“ – hat Vivian eine kleine Schmuckkollektion geschaffen. <BR /><BR />Dafür wurden die Keramikabdrucke von 50 Brustwarzen (von Frauen wie von Männern) zu 5 Einzelbroschen und zu einer großen Wandkachel gearbeitet. Mit ihrem Projekt wollte die Design-Studentin die Einzigartigkeit dieses Körperteils dokumentieren: „Brustwarzen sind wie Fingerabdrücke – jede ist anders und einmalig.“ <BR /><BR />Sie wollte aber auch zeigen, dass es grundsätzlich keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Nippeln gibt. Dass man die einen zeigen darf, während die anderen als „obszön“ gelten, sei ausschließlich ein gesellschaftliches Problem, eines der vielen Tabus rund um den weiblichen Körper. <h3> Ideales Medium</h3>„In unserer Gesellschaft werden Frauenkörper stark sexualisiert und gleichzeitig auch ständig zensiert“, sagt Vivian Manzardo. „Medien und soziale Plattformen verewigen das Ideal perfekter, makelloser und zeitloser Körper und bieten Lösungen für sogenannte Unvollkommenheiten an, anstatt Körperpositivität und Selbstakzeptanz zu lehren.“ <BR /><BR />Ihre Bachelor-Arbeit will auch Letzteres fördern. Sie soll provozieren, sensibilisieren, wobei Schmuck sich geradezu ideal anbiete, um gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. „Weil man die Leute damit überraschen kann“, sagt Vivian. „Niemand erwartet sich von Schmuck, dass er politisch ist oder dass er sogar Tabus anspricht. Damit kann man also Menschen erreichen, die sich sonst nicht so leicht einbinden lassen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1085736_image" /></div> <BR /><BR />Soziales Engagement und kritisches Denken hat Vivian Manzardo von klein auf gelernt. Die Eltern haben ihre 4 Kinder zu bewussten Weltbürgern erzogen. Der ältere Bruder Olivier hat für verschiedene NGOs gearbeitet – unter anderem für Sea Watch, Emergency und Ärzte ohne Grenzen. Von ihren Eltern haben die Geschwister aber auch sportliches Talent geerbt. Der kleine Bruder Vincent ist in der italienischen Floorball-Nationalmannschaft. <BR /><BR />Vivian selbst hat als Jugendliche für den EV Bozen gespielt und will in Stockholm nun erneut mit Eishockey beginnen. Ihre große Leidenschaft gilt jedoch dem Klettern. „Berge sind Heimat“, sagt Vivian. Zu Hause ist für sie aber vor allem dort, wo ihre Lieben sind. „Und die sind zurzeit über ganz Europa verstreut.“ Schwester Olimpia macht gerade ihre Facharzt-Ausbildung in Freiburg, die Mutter pendelt zwischen Bozen und den französischen Cevennen, der Vater zwischen Südtirol und der Toskana.<h3> Einladung an die Frauen</h3>Bereits zum 17. Mal lädt die Initiative Mamazone heuer Mitte Oktober zur „Brustkrebs-Akademie Diplompatientin“ – so der Titel der Veranstaltung. Die Wissensoffensive richtet sich an Frauen und Männer mit und ohne Brustkrebs. In der Bozner Eurac wird das Publikum die Bilder von Vivians Broschen sehen, es werden aber auch die Idee und die Geschichte hinter „A Matter of Nipples“ erzählt. <BR /><BR />„Brustkrebs ist nach wie vor ein Tabu“, erklärt die Designerin die Parallelen zwischen dem Thema des Kongresses und ihrem eigenen Projekt. „Und es hat Jahrzehnte gedauert, bis bei der Rekonstruktion einer operierten Brust auch die Brustwarze berücksichtigt wurde.“ Ihre Bachelor-Arbeit soll die Menschen dazu animieren, ihren Körper näher kennenzulernen und ihn genauer zu beobachten. <BR /><BR />Die Pforzheimer Hochschule für Gestaltung und Design hat Vivian Manzardo mit „A Matter of Nipples“ für den Klimt02 Award vorgeschlagen. Der Preis zeichnet jedes Jahr junge Talente aus der europäischen Schmuck- und Handwerksszene aus. Die Boznerin hat zwar nicht gewonnen, die Nominierung zeigt jedoch, dass sie mit ihren Ideen und ihrem Talent auf dem richtigen Weg ist.