Gestartet war der Güterzug der Rail Traction Company (RTC), einer Tochterfirma der Brennerautobahngesellschaft, kurz nach 9 Uhr morgens in München – pünktlich. „Im Gepäck“: 17 Waggons, gut beladen mit nigelnagelneuen Autos der Marken VW und Audi. Zwölf Wagen pro Waggon: Das macht rund 200 Autos, jedes im Wert zwischen 40.000 und 60.000 Euro. Eine millionenschwere Fracht, die es gut über den Brenner bis nach Verona zu bringen gilt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1203744_image" /></div> Zunächst geht auch alles nach Plan – bis zum Brenner. Hier müssen planmäßig die Lokomotiven gewechselt werden, denn von einem einheitlichen Schienenverkehr in Europa kann man nur träumen. Auch die Lokführer müssen dort wechseln, denn jedes Land hat seinen eigenen Führerschein. Es sei denn, ein Lokführer hat wie Mirco Visintainer mehrere Führerscheine. <BR /><BR />Mirco Visintainer ist einer der RTC-Lokführer, die derzeit fit gemacht werden, die neuen interoperablen Lokomotiven grenzüberschreitend fahren zu können. Neben dem italienischen Lokführerschein besitzt er schon den österreichischen und demnächst soll der deutsche dazukommen. Dann kann er künftig mit der neuen Lokomotiven-Generation von München bis Verona in einem Rutsch durchfahren – ohne Lok- und ohne Lokführerwechsel an den Grenzen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1203747_image" /></div> Doch diesmal heißt es für den Güterzug mit den blitzenden neuen Autos als Fracht am Brenner erst einmal warten. Denn im verschränkten, komplizierten europäischen Zugverkehr zieht jede Komplikation und jede Verspätung ihre Kreise. Kann hier ein Zug nur verspätet starten, muss dort ein anderer warten, bis Gleis oder Bahnhof wieder frei sind. Und Güterzüge haben dabei immer das Nachsehen, Vorrang haben stets zuerst Intercity-Züge, dann regionale Passagierzüge und erst dann der Güterzug. <BR /><BR />Für Francesco und Mirco, die den Güterzug nach Verona bringen sollen, einmal mehr ein Geduldsspiel. Diesmal hat es wohl in Kufstein irgendein Problem gegeben – und ihr Güterzug steckt am Brenner nun über Stunden fest. Die beiden beschäftigen sich irgendwie, auch mit Zeitunglesen, bis es endlich gegen 14 Uhr eine Lücke im Fahrplan für sie gibt. Also rasch die kleine Hühnerleiter zur Kabine hochgeklettert und Volldampf voraus! <h3> Mit 85 km/h gemütlich unterwegs</h3>Natürlich sind die Zeiten, in denen Lokomotiven rauchend und schnaubend durch die Landschaft fuhren, längst vorbei. Gefahren wird mit Strom, die Elektromotoren nehmen den gesamten Raum der Zugmaschine hinter der Fahrerkabine ein. Doch auch in Sachen Strom kocht jeder sein eigenes Süppchen, bzw. seine eigene Spannung: 15 kV, 16,7 Hz Wechselstrom in Deutschland und Österreich, 3 kV Gleichstrom in Italien. 25 kV 50 Hz ist das Standard-Stromsystem für Neubaustrecken. Doch noch muss an der Grenze die Lok gewechselt werden. <BR /><BR />Aber auch im übertragenen Sinn passt „Volldampf“ nicht so richtig, denn mit einem Güterzug geht es eher gemütlich zu. Wie schnell sie fahren dürfen, hängt im Wesentlichen vom Gewicht der Ladung ab – und natürlich von der Strecke. Mittlere Reisegeschwindigkeit heute: rund 85 km/h – und damit weit entfernt von den Spitzengeschwindigkeiten von 200 km/h und mehr der Hochgeschwindigkeitszüge. <BR /><BR />Geregelt wird das Tempo per Hand, entschieden, aber nicht hastig drückt Francesco den Hebel nach vorne. Unterwegs nimmt er mal Geschwindigkeit weg, wenn es in die Kurven geht, um dann wieder rasch auf Fahrt zu kommen. Man ist schließlich eh schon spät dran. Im Blick haben die beiden dabei beständig die Signale entlang der Strecke. Grün: alles frei. Gelb: demnächst Rot. Rot: anhalten.<BR /><BR />Signale und Weichen werden dabei vom Fahrdienstleiter in Verona gestellt. Dort hat man alles im Blick, auch wann und wo der Güterzug die Personenzüge vorbeilassen muss. <h3> Sicherheit wird großgeschrieben</h3>Mittlerweile sind die beiden mit ihrer Fracht in Franzensfeste eingetroffen. Bis Brixen geht es nun ordentlich bergab (27 Promille) und das Gewicht der vielen Neuwagen schiebt ordentlich. Es ist also bremsen angesagt. Ähnlich wie beim Auto darf Francesco auch bei seiner Lokomotive nicht dauernd „auf der Bremse stehen“, damit diese nicht überhitzen. Also: bremsen, loslassen, bremsen, loslassen ... <BR /><BR />Und zwischendurch, wenn die Strecke weniger gut einsehbar ist, pfeifen. Auch dafür gibt es einen – kleineren – Hebel. Das laute Geräusch mag Anwohnern auf die Nerven gehen, ist aber aus Sicherheitsgründen als Warnsignal vorgeschrieben. Sicherheit wird auf der Schiene großgeschrieben, deswegen sind die beiden auch zu zweit in der Kabine, obwohl nur einer die Lokomotive fährt: Im Notfall übernimmt der zweite Mann. Natürlich wechseln sich die beiden auch ab, sie sind ein eingespieltes Team.<BR /><BR /> Seit sieben Jahren ist Francesco schon Lokführer, drei davon bei RTC. Mirco hat noch mehr Erfahrung: Er macht den Job seit 18 Jahren, mehr als acht davon für RTC. Auf der Strecke München-Verona kennen die beiden sozusagen jeden Stein. Und jede Baustelle. Denn zwischen Brennerbasistunnel und Riggertalschleife gibt es davon auf ihrer Hausstrecke gerade jede Menge.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1203750_image" /></div> <BR />Vorbei an der „Abzweigung“ ins Pustertal nähert sich der Zug über Klausen allmählich der Landeshauptstadt. „Wir müssen in Bozen eine Lok abkoppeln“, erinnert Mirco seinen Partner. Der nickt nur, alles klar. Auch in Verona hat man natürlich daran gedacht, und schon bevor es vor Bozen in den Tunnel geht, zeigt das Signal schon Gelb: Achtung! Beim nächsten Signal muss gehalten werden! <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1203753_image" /></div> <BR />Zeit, mit dem Bremsen zu beginnen. Der Bremsweg ist lang, die Fracht wertvoll, doch für Francesco alles Routine. Bei der Einfahrt in den Bozner Bahnhof erwartet sie ein wahres Spinnennetz aus Gleisen und Weichen, Verona hat alles bestens eingestellt und leitet den Güterzug weit weg von den Bahnsteigen der Passagiere zum vorgesehenen Haltepunkt. „Buon giorno Bolzano“. <BR /><h3> Die Rail Traction Company: <BR />Eine Flotte von 40 Lokomotiven</h3>Die Rail Traction Company (RTC) war das erste private Güterverkehrsunternehmen in Italien. Von Anfang an im intermodalen und konventionellen Verkehr aktiv. Heute wickelt es in Partnerschaft mit Lokomotion jährlich über 10.000 Züge am Brenner ab. Beschäftigt sind rund 280 Mitarbeiter. Die Flotte umfasst über 40 Lokomotiven. Ziel ist es, das Angebot weiterhin zu verbessern und konkurrenzfähig zur Straße zu werden. Größtes Problem dabei ist die mangelnde Schieneninfrastruktur. Seit vier Jahren wird das Unternehmen von <Fett>Martin Ausserdorfer</Fett> geführt und auf die Eröffnung des Brenner Basistunnels vorbereitet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1203756_image" /></div> Wenn voraussichtlich 2032 der Brennerbasistunnel und die Zulaufstrecken in Betrieb genommen sein werden, dann wird es möglich sein, bis zu 50 Prozent des gesamten alpenquerenden Güterverkehrs am Brenner über die Schiene abzuwickeln. Grund dafür sind zum einen mehr zur Verfügung stehende Trassen. Zudem können andererseits im Brennerbasistunnel dann längere und schwerere Züge als bisher fahren, denn die jetzigen Steigungen und ungünstigen Kurvenradien fallen mit dem Tunnel weg.