Einmal im Jahr treffen sich in Piobbico, einem 1800-Seelen-Dorf in der Region Marken, südwestlich von Urbino gelegen, die Mitglieder des „Club dei brutti“ (Club der Hässlichen). Und genau hier wählen sie im Rahmen eines Festivals den „Hässlichsten Mann Italiens“. Er erhält den „No-Bel-Preis“ (Nicht-Schön-Preis). Dieses Jahr heißt der Gewählte Daniele „Poldo“ Isabettini, stammt aus Fano und ist stolz auf diesen „(Un-)Schönheitstitel“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="887810_image" /></div> <BR /><BR />Aber der Reihe nach. Gegründet wurde der Club bereits im fernen Jahr 1879, sozusagen als „Heiratsvermittlung“ in den entlegenen Hügeln des Apennins. Von Piobbico aus eroberten die „Hässlichen“ die Welt, und es entstanden Zweigstellen in mehreren europäischen und amerikanischen Ländern. Im Jahr 2005 zählte der Verein 25.000 Mitglieder; aktuell sollen es 34.000 sein.<BR /><BR />Dem eigenartigen Club wurde eine 32-minütige Dokumentation gewidmet, die gestern Abend auf dem Sender arte zu sehen war. „Re: Das Dorf der Hässlichkeit – Piobbico rebelliert gegen den Schönheitskult“ ist in der Mediathek des Senders abrufbar. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="887813_image" /></div> <BR /><BR /> „Selbstwert ist wichtig“, sagt der langjährige Vereinspräsident Giannino Aluigi, der im vergangenen Jahr von Mirko Martinelli abgelöst wurde, in der arte-Doku. Der Verein verstehe sich als Parodie, so Aluigi. Mitglied werden könne jeder, „wenn er die Werte weiterträgt“.<BR /><BR />Nicht nur der Club, auch die Bewohner des malerischen Dorfes Piobbico haben sich dem Widerstand gegen den Schönheitswahn verschrieben. Ihr Schlachtruf: „Hässlichkeit ist eine Tugend, Schönheit ist Sklaverei.“ Wie in jedem Dorf gibt es die vermeintlich hübschen und die weniger gut aussehenden Leute – die einen mit dicker Wampe, andere schlank. Die Mitglieder des „Club dei brutti“ kämpfen gegen diese Schubladen an und stellen fest: Hässlich kann nur die Seele eines Menschen sein.<BR /><BR /> Unbestritten hart getroffen hat es Daniele „Poldo“ Isabettini (57). Der amtierende „Hässlichste Mann Italiens“ hatte als 28-Jähriger einen schweren Unfall mit seinem Lastwagen. Nach 45 Tagen im Koma wachte er wieder auf. Sein Gesicht musste 10 Mal operiert werden. Ein Bein fehlt ihm seither. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="887816_image" /></div> <BR /><BR />„Ich sah aus wie ein Monster“, erzählt „Poldo“. 20 Jahre lang sei er im Krankenhaus ein und aus gegangen. „Ich habe eckige Ohren, eine seltsame Nase – und normale Augen“, sagt Isabettini. „Wenn mir jemand sagt, Du bist hässlich, geht das in ein Ohr rein und beim anderen wieder raus.“ Die Schärpe in den italienischen Landesfarben mit der Aufschrift „Il più brutto d'Italia“ trägt er mit Stolz und will sie auch künftig nicht kampflos aufgeben.<BR /><BR />Die Dokumentation erzählt aber auch von einem früheren Vereinsvorsitzenden, der sich selbst als überaus hässlich betrachtete. „Wenn du hier ab einem bestimmten Alter nicht verlobt warst, warst du ein Außenseiter. Ich war einer davon und fühlte mich hässlich“, erzählt er. Über den „Club dei brutti“ fand er seine heutige Ehefrau und das Glück. Sie hatte ihn in einer italienischen Fernsehsendung über den Verein entdeckt und war sofort Feuer und Flamme, nahm Kontakt auf... und 6 Monate später tauschten die beiden die Ringe. Ende gut, alles gut.