Der pensionierte „Teldra“ Lehrer, der heute in Pfalzen lebt, erinnert sich gut an die Neujahrstage vor 50 und mehr Jahren. „Das Neujahrsschreien war ein ganz wichtiger Brauch für uns Kinder“, erklärt er. „Es war fast die einzige Möglichkeit, etwas Geld oder Süßes zu bekommen.“ Süßigkeiten habe es im Laufe des Jahres ja so gut wie nie gegeben. Deshalb gingen nahezu alle Kinder des Dorfes am Neujahrstag von Haus zu Haus.<BR /><BR />Mit dem „Schreien“ angefangen wurde in aller Herrgottsfrühe. „Bereits gegen vier oder halb fünf Uhr morgens machten wir uns, meine Geschwister und ich, auf den Weg.“ In stockfinsterer Nacht ging man zunächst auf die Schattseite des Tales hinüber und dann taleinwärts in Richtung Prettau, wo man bei den äußersten Höfen des Dorfes Verwandte hatte. Die Wege waren lang, tief verschneit und teils auch lawinengefährlich. Darüber habe man sich als Kind aber kaum einen Gedanken gemacht. Licht gab es höchstens von einer Taschenlampe, einer „Batterie“, wie es Fischer nennt. „Zwischen dem einen und dem nächsten Hof lag manchmal eine halbe Stunde Fußmarsch.“<h3> „A glückseligs, freidnreiches noies Johr“</h3>Vor der Haustür, seltener auch im Hausflur, stellten sich die Kinder dann auf und schrien laut und in hohem Tonfall ihren Spruch, der jedes Jahr bei allen Kindern im Ahrntal derselbe war: „Wir wünschn Enk a glückseligs, freidnreiches noies Johr, Glück und Segn s’gonze Johr.“ Die Bauersleute bedankten sich für die Wünsche und überreichten Gaben. Diese verschwanden im Umhängesack, den jedes Kind über die Schulter gelegt mit sich trug: Kekse, Süßigkeiten, Nüsse, Mandarinen, Orangen oder Äpfel, manchmal auch etwas Geld. „100 oder 200 Lire waren für uns ein großer Schatz“, erinnert sich der 65-Jährige.<BR /><BR />Von Prettau aus kehrten Rudolf und seine Geschwister über die Sonnseite nach St. Peter zurück, das sie rechtzeitig zum Hochamt erreichen mussten. „Denn der Besuch des Gottesdienstes war Pflicht – und während der Messe hätte man sowieso niemanden angetroffen, weil alle in der Kirche waren.“<BR /><BR />Trotz der vielen Stunden Fußmarsch war man wegen der langen Wege oft nur in einem Dutzend Höfen eingekehrt. Die Kinder waren oft wegen des vielen Schnees und der schlechten Wege durchnässt und froren auch. Nach dem Gottesdienst wurde weiter im Dorf geschrien, bevor es zum Mittagessen nach Hause ging. Am Nachmittag folgte der zweite Teil der Runde, der hinunter nach St. Jakob und teilweise sogar bis Steinhaus führte.<h3> Unterwegs in Gruppen</h3>Allein ging kaum jemand, meist waren die Kinder zu zweit oder in größeren Gruppen unterwegs, Buben und Mädchen gleichermaßen. Von Erwachsenen begleitet, wie das heute oft der Fall ist, wurden sie nicht. Dass ortsfremde Kinder in einem Dorf „schrien“, sei nicht immer gerne gesehen worden, erzählt Fischer. „Manchmal kam es zu Raufereien, bei denen die auswärtigen Kinder ihre besten Sachen abgeben mussten.“<BR /><BR />Am Abend kehrten die Kinder müde vom langen Weg und heiser vom vielen „Schreien“ nach Hause zurück. Dann wurden zuallererst die guten Sachen in Blechdosen verstaut, aus denen man sich in den nächsten Wochen versorgte. „Spätestens zum Beginn der Fastenzeit musste die Dose leer sein“, erzählt Fischer. Doch das sei kein Problem gewesen, meint er mit einem Lächeln im Gesicht.<BR /><BR />Mit dem Neujahrsschreien begann man meist mit dem Eintritt in die Volksschule, beendet wurde es, als man die dritte Klasse Mittelschule besuchte. „Spätestens dann, wenn Bauern fragten, ob man im nächsten Jahr als Knecht oder Magd auf den Hof kommen wolle, galt man als zu alt“, sagt Fischer.<BR /><BR />Noch heute wird der uralte Brauch des Neujahrsschreiens, dessen Wurzeln in vorchristlicher Zeit liegen dürften, im Ahrntal und auch in vielen Dörfern des Pustertales gepflegt. Doch auch mancherorts in Österreich, der Schweiz, in Bayern und besonders im Allgäu ist die Tradition lebendig – und erzählt davon, wie sehr auch die Menschen von heute Glücks- und Segenswünsche aus Kindermund schätzen.