Im Interview erklärt sie auf besondere Figuren wie die Weihnachter, erörtert typische Heischebräuche und die Rolle von alten Märkten und spart nicht mit Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes.<BR /><BR /><b>Was ist aus Sicht der Volkskundlerin das Weihnachtsfest heute?</b><BR />Barbara Stocker: Das Weihnachtsfest hat sich stark verändert, in der Werbung wird es als das perfekte Fest verkauft, bei dem vom Christbaum bis zu den Geschenken alles passen soll, was der Realität nicht entspricht. Daher ist Weihnachten für viele Menschen belastend. Es ist ein zweigeteiltes Fest, das einen religiösen Ursprung hat, der aber immer mehr in den Hintergrund tritt. Das weltliche, globalisierte Schenkfest steht im Vordergrund. <BR /><BR /><BR /><b>Wie ist es dazu gekommen?</b><BR />Stocker: Eingeleitet wurden die Veränderungen bereits im 16. Jahrhundert von Martin Luther, der Weihnachten als Schenkfest hervorhob. Aber es vergingen trotzdem noch Jahrhunderte, bis sich das Weihnachtsfest als Familienfest festigte. Den Hintergrund dafür bildeten gesellschaftliche Umbrüche im 19. Jahrhundert, der Rückzug ins Private, wir kennen es als Biedermeierzeit. Kinder in bürgerlichen und adeligen Familien bekamen an Weihnachten Spielsachen und Süßigkeiten geschenkt. <BR /><BR /><BR /><b>Wann wurde geschenkt, bevor es Weihnachten gab?</b><BR />Stocker: Am Nikolaustag. Die Nikolaus-Verehrung war groß, auch in Südtirol gibt es eine Reihe von Kirchen, die dem Heiligen geweiht sind. Der heilige Nikolaus verkörpert Werte wie Menschlichkeit, Solidarität und Empathie. Den Kindern wurden seine Legenden erzählt. An seinem Gedenktag wurden sie mit Äpfeln, Nüssen, „Boxelen“ (Früchte vom Johannisbrotbaum), Nespelen (Früchte der Mispel) oder Lebkuchen beschenkt. <BR /><BR /><BR /><b>Worin liegt in Ihren Augen die Bedeutung des Schenkens?</b><BR />Stocker: Schenken ist eine Handlung, die Freude machen oder Not lindern will. Sie ist geprägt von Geben und Nehmen. In der Vergangenheit gab es vorgegebene Anlässe, an denen Geschenke gemacht wurden. Als Beispiele können Taufen, Firmungen und Hochzeiten genannt werden oder das Geben von Almosen, das oft terminlich mit kirchlichen Festen verbunden war, so etwa das Verteilen der Allerseelenbrote Anfang November. Weihnachten gehörte nicht zu den Schenkterminen dazu. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1254138_image" /></div> <BR /><b>Blicken wir 100 Jahre zurück: Was ist über das Schenken im frühen 20. Jahrhundert bekannt?</b><BR />Stocker: Alte Menschen in Südtirol erzählen von schlichten, bescheidenen Weihnachtsfesten, vom Besuch der Christmette, vom Staunen vor der Krippe, dem Ausräuchern und dem gemeinsamen Essen. Denn die Tage vor Weihnachten waren Fasttage. Die Weltkriege erschütterten das Fest, brachten Trauer und Tränen. Frauen und Kinder schickten Geschenke an die Front. In Salurn sammelte die Schulleitung im Winter 1915 Dörrobst, Watte und Wundwolle, in Bozen konnten im Merkantilgebäude Wollspenden abgegeben werden. In Sand in Taufers schickten die Schulkinder im Winter 1914/1915 Säcke mit Brombeer- und Erdbeerblättern, 145 Paar Socken, 82 Schneehauben 40 Paar Pulswärmer und andere Dinge an die Soldaten. <BR /><BR /><BR /><b>In den 1990er-Jahren entstanden in Südtirol die Weihnachtsmärkte in den Städten, die bis heute boomen. Gab es Vorläufer oder waren sie eine neue Erfindung?</b><BR />Stocker: Ich nehme an, dass die Vorbilder für die neuen Weihnachtsmärkte jene in den Nachbarländern waren, von denen man wusste, dass sie große Touristenströme anziehen. Und als historische Vorläufer könnten Märkte wie die Thomasmärkte gesehen werden. Sie waren zwar Vieh- und Krämermärkte, die in Bozen, Meran und anderen Orten stattfanden, aber zeitlich nah am Weihnachtsfest lagen. 1877 wurden in Bozen auf dem Thomasmarkt über 1.000 Stück Großvieh und 800 Stück Kleinvieh angeboten. 1889 wurde in der Meraner Zeitung vom Markt am 21. Dezember, dem alten Thomastag, berichtet und der Markt wird aber als „Weihnachtsmarkt“ bezeichnet. Neben Fleisch wurden auch andere Produkte wie Käse, Gemüse, Petersilie und Knoblauch verkauft. In Klausen fand ab 1914 ein eintägiger Weihnachtsmarkt statt. In den Berichten darüber ist nur vom Fleisch die Rede, aber es ist anzunehmen, dass es auch Stände mit anderen Waren gab. Der Lucia-Markt in Trient war ein Markt, wo sich die Menschen mit Spielsachen und Waren von Zuckerbäckern eindeckten. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Rollen spielten Märkte beim Schenken?</b><BR />Stocker: Sie spielten immer schon eine wichtige Rolle. Es ging um den Verkauf von Waren, daher sind sie nicht erst im 20. und 21. Jahrhundert kommerziell. 1893 gab es beispielsweise in Bozen im Merkantilgebäude eine Weihnachtsausstellung, wo bekannte Geschäfte ihre Produkte ausstellten. In der „Bozner Zeitung“ berichtete ein von der Redaktion ausgesandter „Weihnachtsbummler“ über die Waren, die er in den Schaufenstern der Geschäfte sah. Die ersten Weihnachtsmärkte in deutschen Städten fanden auf den großen Plätzen vor den Kirchen statt, weil sich dort viele Menschen aufhielten. Es ging auch damals schon um das Geschäft. <BR /><BR /><b><BR />Christkind contra Weihnachtsmann?</b><BR />Stocker: Diese Frage stellt sich in der öffentlichen Diskussion jetzt kaum noch, am Ende der 1990er-Jahre gab es in Österreich mehrere Initiativen zur Rettung des Christkindes. Zu Christkind und Weihnachtsmann kommen neue Figuren dazu, die mit der Profanisierung des Festes zu tun haben, wie etwa Weihnachtswichtel. Der Christbaum löst immer mehr die Krippe als Symbol für das Fest ab. Insgesamt beginnt die weihnachtliche Dekoration im öffentlichen Raum von Jahr zu Jahr früher. Die Weihnachtsindustrie ist groß, neue Geschäftsformen, wie die „Black Fridays“ bezwecken das Kaufen von Weihnachtsgeschenken. <BR /><BR /><BR /><b>Zu Weihnachten denkt man aber auch vermehrt an Notleidende oder Einsame. Wie äußerte sich dieser Gedanke in früheren Zeiten?</b><BR />Stocker: In vielerlei Hinsicht, denken wir nur an die sogenannten Weihnachter. Dabei handelte es sich um arme oder alleinstehende Menschen, die den Heiligabend allein verbringen mussten. Sie bekamen Unterschlupf oder die Gelegenheit, bei Bauernfamilien mitzufeiern. Für arme Kinder wurden auch Christbaumfeiern veranstaltet, zum Beispiel 1874 in Schenna am 28. Dezember, dem Unschuldigen-Kindertag. Gastwirtinnen hielten ihre Gaststube am Heiligabend offen für einsame, alleinstehende Menschen oder ließen diese mit ihrer Familie mitfeiern. Die Gastgeber bescherten ihren Gästen auf diese Weise oft das schönste Weihnachtsfest ihres Lebens. Im Vinschgau führt ein junger Mann diese Tradition fort und lädt jedes Jahr Menschen am 24. Dezember zu sich nach Hause ein. <BR /><BR /><b>Schenken und Betteln – ein Widerspruch?</b><BR />Stocker: Es gibt Zusammenhänge, denn die vielen Heischebräuche im Herbst und Winter waren Bettelbräuche, bei denen die Brauchakteure auf Gaben hofften. Das Klöckeln, das Pitschilesingen, das Krapfenlottern, das Neujahrsschreien sind Beispiele dafür. Es brauchte dazu auch jene, die bereit waren, etwas vorzubereiten und zu geben, beispielsweise die Frauen, die Krapfen buken. <BR /><BR /><BR /><b>Wann kam die kommerzielle Seite immer stärker zum Vorschein?</b><BR />Stocker: Das erfolgte, bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der amerikanische Weihnachtsmann, der auf das Jahr 1930 zurückgeht und durch die Coca-Cola-Werbung bekannt geworden ist, gewann an Beliebtheit und wurde zum Konkurrenten von Christkind und Nikolaus. Die sogenannte Bescherung, das Austeilen der Geschenke, wurde nach und nach zum Höhepunkt des Festes. Aus der Schenkfreude entwickelte sich beinahe ein Schenkzwang. <BR /><BR /><BR /><b>Welche neuen Tendenzen können Sie heutzutage beobachten?</b><BR />Stocker: Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es Brauch und Antibrauch. Auf der einen Seite nehmen die Konsumwelt und der Online-Handel stetig zu, damit werden prekäre Arbeitsbedingungen genährt. Auf der anderen Seite gibt es die Ablehnung des steigenden Konsums und den Verzicht auf Geschenke. Ich hätte nie gedacht, dass der Boom der Weihnachtsmärkte so lange anhält, aber irgendwie wird damit eine Sehnsucht bedient. Es geht nicht nur ums Kaufen, sondern auch um den geselligen Aspekt, den Lichterglanz, die Stimmung. Weihnachtsmärkte sind heute Treffpunkte des gemütlichen Beisammenseins. Interessant finde ich jedoch auch, wie sehr sich im Laufe der Zeit die Verpackung geändert hat.<BR /><BR /><b>Die Verpackung?</b><BR />Stocker: Je mehr Dinge und Massengüter im Laufe der Zeit angesammelt wurden, umso mehr musste sich das Geschenk als Überraschung präsentieren. Im späten 19. Jahrhundert kam die Verpackung der Geschenke in den bürgerlichen Familien auf, im 20. Jahrhundert wurde das Einpacken zum Massenphänomen. Papiere, Kartonagen, Bändchen und Dekorationen tragen auch wesentlich dazu bei, dass sich nach Weihnachten Müllberge ansammeln, denn oft wird das Papier nur ein einziges Mal verwendet. <BR /><BR /><b>Nicht zu übersehen ist aber auch, dass die Freude am Schenken über das Weihnachtsfest hinausreicht …</b><BR />Stocker: Allerdings. Verbunden mit dem Wunsch zum guten Neuen Jahr gibt es das Schenken der Glücksbringer. Schweinchen aus Marzipan, Klee in kleinen Blumentöpfchen, Geldstücke aus Schokolade und die guten Wünsche der Neujahrsschreier oder Musikanten, die von Haus zu Haus gehen, sind solche Zeichen. Auch Hufeisen gehören zu den Glücksbringern dazu, die mit der Öffnung nach oben aufgehängt werden müssen, damit das Glück nicht ausrinnt! Wenn der Kaminkehrer vor der Tür steht, soll das erst recht Glück bringen!