Die Lebensgeschichte von Leonhard ist in vielem legendär. Erst im Jahre 1030, etwa 500 Jahre nach seinem Tod, schrieb der Priester Ildegarius von Limoges die „Vita sancti Leonardi“, eine Biografie des Heiligen Leonhard. Dieser soll als Kind einer fränkischen Adelsfamilie im sechsten Jahrhundert im französischen Orléans geboren und im Haus der Merowinger erzogen worden sein. Eigentlich war er zu einer Militärlaufbahn bestimmt, doch er entschied sich, dem Erzbischof von Reims, dem Heiligen Remigius (gilt als Wegbereiter des Christentums in Europa), zu folgen. <BR /><BR />Die beiden verband ein besonderer Wesenszug: die Fürsorge für Gefangene. Ihnen wandten sie ihre ganze Aufmerksamkeit zu und setzten sich für deren Freilassung bei den jeweils regierenden Königen ein. Was Leonhard, der in Noblac nahe Limoges ein Benediktinerkloster erbauen ließ, durch die Bitten an den König nicht erreichte, erreichte er durch das Gebet. Oftmals zersprangen die schweren Ketten, wenn er für einen Gefangenen betete. Aber in der Legenda Aurea heißt es auch: „Jeder Gefangene, der im Gefängnis den Namen des heiligen Leonhard anrief, dessen Fesseln rissen alsbald und er ging frei davon.“ Obwohl er zurückgezogen lebte, schlug in ihm ein missionarisches Herz: Er predigte für die Kranken und Hilfsbedürftigen von seiner Zelle aus.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1235241_image" /></div> <BR />Wie aber kam der arme Eremit zum Patronat für Pferde und Vieh? Das sagt die Legende: Der König war eines Tages mit seiner hochschwangeren Gattin auf der Jagd in jenem Wald, in dem sich Leonhard niedergelassen hatte. Als die Wehen einsetzten, bangte man um Mutter und Kind. Leonhard wurde durch das Geschrei alarmiert, eilte herbei und rettete beide durch sein Gebet. Der König wollte ihm sein helfendes Eingreifen gebührlich lohnen, aber der Heilige lehnte ab: „Von all dem bedarf ich nichts. Ich begehre nichts anderes, als allein zu leben in diesem Wald, und fern von allen Schätzen der Welt, Gott dem Herrn zu dienen“ (Legenda Aurea). Nur eines erbat er sich: jenes Stück Wald, das er in einer Nacht mit seinem Esel zu umreiten vermochte. Und in diesem Waldstück gründete Leonhard ein Kloster, von wo aus er unzählige Wunder wirkte. <h3> 14 Nothelfer gegen „Alltagswehwehchen“</h3>Warum Leonhard Viehpatron geworden ist, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Vielleicht wegen des Esels, mit dem er das Waldstück umritten hatte, oder wegen der Kreuzfahrer, die hoch zu Pferde ausrückten und die Wundertaten Leonhards überall verkündeten. Wahrscheinlich ist auch die Vermutung, dass man irgendwann die Ketten der Gefangenen in Viehketten umgedeutet hat.<BR /><BR />Bald zählte Leonhard im Süddeutschen und im Böhmischen zu den „14 Nothelfern“, die schmerzende Zähne, entzündete Augen oder die Syphilis heilen sollten, und vertrat neben Rossbauern und Stallknechten auch andere Berufsgruppen wie Böttcher, Schlosser sowie Wöchnerinnen vor ihrem Schöpfer. Heute gilt der heilige Leonhard als einer der bekanntesten Heiligen in Zentraleuropa. Ihm sind über 600 Kirchen und Kapellen geweiht. <h3> Wallfahrten seit dem 15. Jahrhundert</h3>Seit der Neuzeit gehören Leon(h)ardi-Wallfahrten und -Ritte rund um den Gedenktag des Heiligen Leonhard am 6. November zu den christlichen Bräuchen. Die ältesten Zeugnisse einer Leonhardifahrt – mit Pferdegespann und Kutsche – finden sich Mitte des 15. Jahrhunderts in Bayern: Der Leonhardiritt in Leonhardspfunzen im Landkreis Rosenheim wurde erstmals 1436 erwähnt, jener in Kreuth am Tegernsee im Jahr 1442. Zu den bedeutendsten und größten gehört die Wallfahrt in Bad Tölz – sie war erst 2016 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO in das deutsche Verzeichnis aufgenommen worden. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg gab es allein in Bayern über 150 Wallfahrten zum Heiligen Leonhard – heute sind es immerhin noch etwa 50, meist verbunden mit Pferderitten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1235244_image" /></div> <h3> Rait de San Linêrt feiert 25. Ausgabe</h3>Südtirols bekanntester Leonardiritt ist der Rait de San Linêrt, der am Sonntag, 9. November, in San Linêrt/St. Leonhard in Badia/Abtei stattfindet. Die Idee dazu hatte im Jahre 1999 die Pfarrgemeinde Abtei, die einen entsprechenden Vorschlag dem Norikerzuchtverein und dem Haflingerzuchtverein machte. Federführend von der ersten Stunde an war Enrico Nagler vom Runch-Hof in Abtei, Präsident des Noriker-Pferdezuchtvereins Gadertal. <BR /><BR />Was einst klein mit einem Dutzend Reitern begann, gehört nunmehr zur kulturellen Identität des Tales und feiert seine 25. Ausgabe. In diesem Jahr erhält die Veranstaltung, die von den Noriker- und Haflingerzuchtvereinen des Gadertals organisiert wird, eine noch tiefere Bedeutung, da ein Vierteljahrhundert voller Leidenschaft, Gemeinschaft und Liebe zu den Wurzeln gefeiert wird. Die Hauptakteure sind über 170 Pferde und Züchter aus ganz Südtirol und den anderen ladinischen Tälern.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1235247_image" /></div> <BR />Die Veranstaltung beginnt traditionsgemäß mit dem feierlichen Gottesdienst um 9.30 Uhr in der Pfarrkirche von St. Leonhard. Um 10.45 Uhr folgt der Umzug, der im Handwerksgebiet des Dorfes startet und sich durch das Ortszentrum schlängelt. Zu sehen sind Haflinger – für die derzeit ein Anerkennungsverfahren als immaterielles UNESCO-Kulturerbe läuft – sowie Noriker, deren Gadertaler Zuchtverein im vergangenen Jahr sein 120-jähriges Bestehen feierte. Zum ersten Mal werden auch einige Reiterinnen des traditionellen Haflinger-Ostermontag-Galopprennens in Meran teilnehmen. <BR /><BR />Angeführt wird der Umzug vom Wagen des Schutzpatrons, gefolgt von zahlreichen Pferden, traditionellen Trachten aus den ladinischen Tälern und ganz Südtirol, mit über 700 Teilnehmern und vielen festlich geschmückten Wagen. Der emotionalste Moment des Tages ist die Pferdesegnung vor der beeindruckenden Kulisse des Heiligkreuzkofels, die direkt nach dem Umzug stattfindet.<h3> Wettkampf um Leonardi-Trophäe</h3>Anlässlich der 25. Ausgabe kehrt – inspiriert vom „Oswald von Wolkenstein Ritt“ – der Wettkampf um die Leonardi-Trophäe zurück. Drei Mannschaften treten in zwei Disziplinen gegeneinander an: dem Slalom und dem Ringstechen – in einer Atmosphäre der Freundschaft und des fairen Wettkampfs. Die drei teilnehmenden Mannschaften sind Kastelruth Dorf – Sieger der Ausgabe 2025 des „Oswald von Wolkenstein Ritts“ (angeführt von Alexander Rier), Völs – Völser-Aicha und Sarnthein Dorf. Der Leonardiritt findet auch bei schlechtem Wetter statt.