„Der Hitler will euer Villnösser Brillenschaf ausrotten!“ An diesen Ausspruch kann ich mich noch gut erinnern“, sagt Johann Messner, Altbürgermeister von Villnöß, Ehrenobmann und Gründer des Schafzuchtverein „Geisler Villnöß“, der während des Zweiten Weltkrieges ein junger Bub gewesen war. <BR /><BR />Der Satz stamme, so Messner, von einem damals jungen Südtiroler, der während der Kriegsjahre für das sogenannte Dritte Reich optierte. Der mittlerweile Verstorbene soll dabei laut Messner als Privatjagdaufseher bei Hermann Göring, lange Zeit die Nummer 2 im NS-Reich von Adolf Hitler, angestellt gewesen sein. <h3>Damals über 2000 Schafe im Tal </h3>Soweit kam es nicht. Das Villnösser Brillenschaf gibt es noch heute und gilt als die älteste Schafsrasse Südtirol. Sie entstand im 18. Jahrhundert aus einer Kreuzung zwischen dem Bergmasker-Schaf und dem Paduaner Seidenschaf.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="855461_image" /></div> <BR /><BR />Johann Messner ist Jahrgang 1930 und ist am elterlichen Fischnoler-Hof in St. Peter in Villnöß aufgewachsen. Er gilt als einer der Pioniere der Schafszucht im Tal. 1987 gründete er den Schafzuchtverein „Geisler Villnöß“. Rund 30 Jahre lang war er Obmann des Vereins. Darüber hinaus war Messner von 1956 bis 1969 Bürgermeister der Gemeinde Villnöß – mit 26 Jahren damals der jüngste Bürgermeister Italiens. <BR /><BR />Bereits 1963 wurde er Obmann der Ochsengarten-Alm in Villnöß. „Ja, ich bin schon ein Schafnarr“, sagt der heute 93-Jährige mit einem Schmunzeln. Da habe er von seinem Großvater väterlicherseits geerbt. Auch dieser war bereits Obmann der Alm.<BR /><BR />Die Schafe gehörten im Dolomiten-Raum zum Alltag am Hof, die Schafszucht florierte auch während der Kriegsjahre. Messner schätzt, dass in den 1940er-Jahren allein in Villnöß über 2000 Schafe weideten. Und dies weitgehend frei von natürlichen Feinden: 1895 war in Villnöß der letzte Wolf Tirols erlegt worden – von Anton Messner, dem Cousin von Johann Messners Vater. <h3> Hitlers Rassenwahn – Tiroler Bergschaf sollte Oberhand gewinnen</h3>Auch von Hitlers Rassenwahn blieben die Tiere im Tal weitgehend verschont, auch wenn die Order von ganz oben lautete, kleinere Schafsrassen aus Zuchtgründen zu reduzieren. 1939 wurden alle Bergschafrassen dem Tiroler Bergschaf, das ein weißes Schaf ist, untergeordnet.<BR /><BR />Ein offizielles Dokument lag laut Messner nie in der Gemeinde auf, doch klar war: „Das Tiroler Bergschaf sollte die Oberhand gewinnen“, erinnert er sich. „Irgendwie ist das wohl nie so ganz bis nach Villnöß vorgedrungen“, sagt Messner. Die rigorosen Zuchtvorhaben wurden dort nie umgesetzt. Das bestätigt auch Barbara Mock, Direktorin im Verband der Südtiroler Kleintierzüchter: „Vor allem Dank der Abgeschiedenheit der Dolomiten-Täler kamen diese von oben verordneten Richtlinien in den Bergtälern nie zum Tragen.“ <h3>Heute gibt es in Villnöß rund 700 Brillenschafe </h3>Seit 1997 ist das Villnösser Brillenschaf eine in der EU registrierte und geschützte Rasse. Messner lud ihm Vorfeld eine Delegation aus Brüssel nach Villnöß ein, um sich vor Ort ein Bild über das Brillenschaf zu machen. <BR /><BR />In Villnöß halten heute rund 20 Züchter rund 700 Brillenschafe. Messner Nachfolger als Obmann des Zuchtvereins ist Günther Pernthaler. Er leitet mit viel Einsatz die Geschicke des Vereins. <BR /><BR />Mittlerweile hat sich das Villnösser Brillenschaf zu einer Marke etabliert. Laut dem Verband der Südtiroler Kleintierzüchter werden heute in ganz Südtirol 1150 Villnösser Brillenschafe gehalten. Das Fleisch der Tiere ist zart, die Wolle weich. Bekleidungsmarken wie Salewa und Luis Trenker sind Abnehmer der Wolle. Auch die Gastronomie hat das Brillenschaf für sich entdeckt. Seit 2011 dürfen Veredlungsprodukte des Villnösser Brillenschafs darüber hinaus das Logo des „Slow Food Presidio“ tragen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="855464_image" /></div> <BR /><BR />Mit Blick auf die eingeschlagene Entwicklung ist Messner zufrieden, es sei eine „Genugtuung, der Weg war nicht umsonst.“ Heute ist sein Enkelsohn Lukas Jungbauer am Fischnoler-Hof, er selbst hält rund 50 Schafe – ganz zur Freude des Großvaters.<BR /><BR />