„Das hier ist ein kleines Paradies, wir sehen es ein bissl als Zuckerschlecken im Rentnerdasein“, sagt Hermann Vantsch im Stübele der kleinen Almhütte, die auf etwa 1700 Meter Höhe nur wenige Kehren vor dem Penserjoch am Fuße eines begrünten Berghangs liegt. <BR /><BR />Es ist klein, aber heimelig und sauber. Ein paar gerahmte Fotos an der Wand zeugen von früheren Zeiten, Hermanns Frau Elisabeth reicht uns 2 Schalen Tee. Zusammen passen die beiden hier in den Sommermonaten auf Galtvieh auf, mehr als 50 Stück haben ihnen die Sarner Bauern anvertraut. <BR /><BR />„Jeden Tag die Zäune kontrollieren, den Tieren eine Lecke geben und schauen, ob es ihnen an nichts fehlt“, fasst Hermann seine Aufgaben zusammen und zählt weitere 5 Almen im näheren Umkreis auf. Ganz nebenbei kann er seine Muli im Auge behalten. Die Abgeschiedenheit, die karge Vegetation auf eher sanften Hängen, das Rauschen des nahen Bächleins - man wähnt sich auf diesem Fleckchen Erde eher in der Mongolei oder in Schottland, denn in Südtirol. Wären da nicht die vielen grasenden Rinder und die heute wenig befahrene Passstraße zum Penserjoch. <BR /><BR /><b>Etwas gemütlicher nach 20 Saisonen auf Berghütten</b><BR /><BR />Für Hermann und Elisabeth ist es der erste Sommer hier oben. „Meine Frau hat über 20 Saisonen auf Berghütten gekocht, geputzt und nach dem Rechten geschaut, jetzt wollen wir es uns etwas gemütlicher machen“, meint Hermann, der mit einigen Bauern gerade den Abtrieb des Viehs organisieren muss. Für die kommenden Tage ist widriges Wetter mit einer ordentlichen Menge Schnee angekündigt. <BR />Obwohl er kein Hirte ist, bringt ihn das überhaupt nicht aus der Ruhe, hat er doch schon ganz andere Bedingungen erlebt und gemeistert.<BR /><BR />Der heute 74-Jährige war schließlich 13 Saisonen Hüttenwirt auf dem Becherhaus (von 1988 bis 2000), außerdem führte er 7 Jahre die Magdeburger Hütte (2015 bis 2021), und für 4 Winter übernahm er überdies das Poschhaus (Moarerbergalm). Zusammen mit einigen Gleichgesinnten eröffnete er 1979 die Teplitzer-Hütte, nur ein Jahr später wollten sie das heruntergekommene Becherhaus wieder aktivieren und fanden dafür einen Pächter. All das scheint noch gar nicht so lange her, und doch ist es eine Zeitreise in die Vergangenheit der heimischen Bergerschließung. „Nach und nach wurde das Becherhaus in Schuss gebracht und modernisiert, heute gleicht es beinahe einem Hotel“, sagt Hermann und erzählt von seinen Erlebnissen auf Südtirols höchstgelegener Schutzhütte (3195 Meter). <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1077351_image" /></div> <BR /><BR />Als sie das Becherhaus 1988 übernahmen, waren Hermann und Elisabeth bereits Eltern von 4 Kindern – die jüngste Tochter war gerade mal 1 Jahr alt. Während die 3 Buben praktisch dort aufwuchsen, kam die Tochter während der ersten Saison bei einer Schwester im Passeiertal unter. Das sei hart gewesen, gibt er zu bedenken. Den Buben gefiel das Leben auf diesem Adlerhorst, speziell die Versorgungsflüge mit dem Hubschrauber seien immer ein spezielles Erlebnis gewesen.<BR />Die größten Schwierigkeiten in den Anfangsjahren bereitete der Wassermangel, es musste notdürftig mit einem Schlauch hergeleitet werden und über Dachrinnen gesammelt werden. Hermann gelang es, eine Quelle ausfindig zu machen und eine solide Leitung zu legen, um die beiden großen Tanks zu füllen. <BR /><BR /><b>Zeuge von vielen Tragödien und Schicksalsschlägen</b><BR /><BR />Es war die Zeit, als es lediglich ein Waschbecken im Keller und 4 Plumpsklos gab. Zwangsläufig mussten sie mit den widrigen Bedingungen zurechtkommen, Schritt für Schritt brachten sie etwas Komfort und Gemütlichkeit in das Becherhaus. „Nachdem ich gelernter Tischler bin, habe ich in einigen Wintermonaten im Tal die Stube gezimmert und diese dann vor dem Aufsperren eingebaut“, blickt er zurück und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich war eh der Meinung, dass ich dort oben bleibe, bis ich 80 bin.“ Das sollte dann doch nicht sein. Hermann und Elisabeth wurden auch Zeuge von Schicksalsschlägen und Tragödien. <BR />Es kam vor, dass Bergsteiger von Gletscherspalten des Übeltalferners verschluckt wurden oder abstürzten, es gab Tote und Schwerverletzte sowie verzweifelte Angehörige. Die Gegend war noch lange nicht so gut erschlossen wie heute, außerdem gab es keine Handys. „Wir haben uns selbst zu helfen gewusst, denn schließlich bin ich ja auch Bergretter-Chef, wichtig war zudem der gute Kontakt zu den Betreibern der nahegelegenen Müllerhütte“, sagt Hermann. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1077354_image" /></div> <BR /><BR />Um die immerwährende Gefahr von Blitzen in den Griff zu bekommen, wurden 500 Meter Erdungsdraht um den exponierten Felsen gewickelt, auf welchem die Schutzhütte seit 1894 thront. Nur half die Erdung bei dem ausgedehnten Gletscherfeld nicht. Somit musste man eben klarkommen mit Blitz, Unwettern und sonstigen Unwägbarkeiten auf 3195 Meter. Nicht die Gefahren im Hochgebirge verscheuchten Hermann und Elisabeth schließlich, sondern die damals mangelnde Wirtschaftlichkeit. „Die Leute der zuständigen CAI-Außenstelle von Verona erhöhten die Pacht um mehrere Hunderttausend Lire, außerdem verschlangen die Hubschrauberflüge eine Menge Geld, und all das war für uns schließlich nicht mehr zu stemmen“, erklärt er den Entschluss, im Jahr 2000 dem Becherhaus mitsamt Familie Adieu zu sagen. <BR /><BR /><b>Um Haaresbreite dem Tod entronnen</b><BR /><BR />Das abenteuerliche Leben von Hermann und Elisabeth beschränkte sich allerdings nicht auf das Becherhaus. So weiß Hermann beispielsweise von schier unerschöpflichen Schneemassen auf dem Poschhaus zu erzählen: 12 bis 13 Meter frischer Schnee wurden dort mal gemessen. In der ersten Wintersaison schnitt er sich mit der Motorsäge den Weg frei, recht bald schaffte er sich eine Schneekatze an und ließ seinerzeit mit „Südtirols längster Rodelbahn“ aufhorchen. Grundsätzlich handle es sich beim Gebiet um ein Eldorado für Skitourengeher. <BR />„Einmal, um genau zu sein, am 12. März 2000, hat nur wenig gefehlt und ich wäre von einer mächtigen Nassschneelawine verschüttet worden“, sagt er und hält dabei kurz inne. Sein Schutzengel hatte aufgepasst, er zog seine Lehre daraus und zog mit Elisabeth weiter. Zunächst für ein Jahr auf die Stadelalm und schließlich nach Matrei in Osttirol, um dort für 2 Jahre die Naviser Hütte zu pachten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1077357_image" /></div> <BR /><BR />Es folgten 10 Jahre als Fernfahrer, ehe 2013 die Pension winkte – speziell für Hermann sollte es der oft zitierte „Unruhestand“ sein. Einer wie er braucht immer Bewegung, einer wie er will sich immer wieder neu beweisen. Und so kamen eben weitere 7 Saisonen als Hüttenwirt auf der Magdeburger Hütte dazu. In jener Zeit wurde er als langjähriges AVS-Mitglied auch treibende Kraft der im Jahr 2016 ins Leben gerufenen Technischen Wegegruppe (TWG). <BR />Im Kern ging es um die bestmögliche Instandhaltung und Pflege von 400 Kilometern Wanderwegen im Gemeindegebiet von Ratschings. Die Wege erstrecken sich bis hinauf zum Wilden Freiger und Pfaff, 2 imposanten Dreitausendern am Alpenhauptkamm. Dabei galt es, völlig unterschiedliche Akteure wie Alpenverein, CAI, Forst, Tourismusvertreter und Gemeindeverwalter für das gemeinsame Anliegen zu gewinnen. Seitdem wurden Jahr für Jahr maßgebliche Instandhaltungsarbeiten durchgeführt, Brücken erneuert, Hinweistafeln angebracht, Stahlseile verlegt und manche Wege wie etwa der Ridnauner Almenweg und der „Pfeifer-Huisele-Weg“ sogar neu angelegt. Eine große Freude hat Hermann über die gelungenen Arbeiten am Wegstück bei Pardaun, das zur Gilfenklamm führt. Dort haben Hermann und Elisabeth auch ein Haus und ihren tatsächlichen Wohnsitz. <BR /><BR /><b>Als Samer zurück zum Ursprung</b><BR /><BR />Oft und gerne zieht es ihn mit seinen Tragtieren zum Schneeberg zwischen dem Ridnaun- und Passeiertal. Dort, auf der Almsiedlung Öss auf fast 2000 Meter Höhe, wurde er vor 74 Jahren als Sohn eines Knappen geboren. „Vermutlich hat er deswegen eine so zähe Natur“, meint Elisabeth. Vermutlich hat er auch deshalb eine Liebe zu den strapazierfähigen Lasttieren, den Mulis und Maultieren, entwickelt. Um dieses uralte Gewerbe weiterhin zu pflegen, hat er vor nunmehr 10 Jahren mit einer Gruppe von Gleichgesinnten die Samerfreunde Südtirol gegründet. Wenn es sich am besten ausgeht, vorwiegend im September, legen sie mit ihren Lasttieren weite Strecken zurück. In mehreren Etappen kann es dann schon mal bis nach Ulten, zu den Drei Zinnen oder an den Gardasee gehen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1077360_image" /></div> <BR />Auf der Alm am Penser Joch hingegen ist plötzlich der Winter eingezogen – Zeit, um die Zelte abzubrechen. „Wir freuen uns aber schon jetzt auf die nächste Almsaison, denn es gefällt uns hier und wir schätzen den Zusammenhalt der Sarner Bauernschaft“, meinen sie. Sie gehören nun mal in die karge Bergwelt, dort, wo man seine Seelenruhe hat. Dort, wo die Natur noch rau und unverfälscht ist. Dort, wo man dem Paradies ein Stückweit näher ist.