Die Symptome kamen schleichend. Es waren Kleinigkeiten, die die Angehörigen stutzig machten: eine Laufmasche in der Strumpfhose, die die sonst stets modebewusste Frau nicht mehr störte, ein Kurzzeitgedächtnis, das nicht mehr richtig funktionierte. <h3> „Badanti“ gab es damals noch nicht</h3>„Die Diagnose Demenz war ein Schock. Damals war die Erkrankung kaum bekannt“, erinnert sich Helga Bauer Koler aus Bozen. In den 1990er-Jahren hatte man zunächst gedacht, es handle sich um Alterserscheinungen, immerhin hatte die Mutter die 70 Jahre überschritten. „Am Anfang war sie verzweifelt und sehr traurig. <BR /><BR />Sie hat selbst bemerkt, dass etwas nicht stimmt“, erzählt Bauer Koler. Ihre Mutter lehnte sich dagegen auf und wollte es nicht wahrhaben. Erst mit dem Fortschreiten der Demenz erkannte die Patientin die Veränderungen der Krankheit nicht mehr. <BR /><BR />Die Familie kümmerte sich um die Betreuung; sogenannte „badanti“ gab es damals noch nicht. „Wir hatten das große Glück, dass uns die Ärzte im Krankenhaus Bozen sehr unterstützten. Aber das war es auch schon“, blickt Bauer Koler zurück. Sozio-sanitäre Dienstleistungen wie das Pflegegeld habe es damals nicht gegeben. <h3> Hochrechnung: 14 Millionen Demenzfälle im Jahr 2050</h3>In den vergangenen 25 Jahren hat sich in dieser Hinsicht doch so einiges getan. Einiges, aber nicht genug. Der Verein Alzheimer Südtirol (ASAA), für den sich Bauer Koler viele Jahre engagierte, fordert etwa die Anerkennung der Leistungen in der Pflege daheim für Rentenzwecke (siehe eigenen Bericht). <BR /><BR />Die Zahl der Erkrankten hat in den vergangenen Jahren zugenommen und wird weiter steigen. Wie der Biostatistiker Markus Falk berichtet, wird in Westeuropa für das Jahr 2050 mit 14 Mio. Demenzfällen gerechnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 waren es acht Millionen. <h3> Austausch mit anderen Betroffenen ermutigt</h3>Helga Bauer Koler weiß, was es bedeutet, wenn das Schicksal auf diese Art zuschlägt. „Wenn man merkt, dass die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt sind, sollte man sich so rasch wie möglich an einen Arzt wenden und es nicht lange aufschieben“, sagt sie. Heutzutage finde man zwar viele Infos im Internet, aber die Fachärzte seien die besten Ansprechpartner. „Wenn man sich an die richtigen Informationsquellen wendet, bekommt man gute Ratschläge.“ <BR /><BR />Auch der Austausch mit anderen Betroffenen, z. B. in einer Selbsthilfegruppe, kann ermutigen. „Wichtig ist, dass man die Diagnose akzeptiert und Hilfe annimmt.“ Bauer Kolers Mutter kochte beispielsweise Gerichte, die alles andere als essbar waren. Dass dies keine Absicht war, dass sie sie nicht zurechtwies, musste Bauer Koler lernen. „Denn das Tadeln macht die Erkrankten nervös und unsicher.“ <h3> „Offen mit der Erkrankung umgehen“</h3>Außerdem rät sie, offen mit dem Thema umzugehen. „Demenz ist eine Krankheit wie jede andere“, sagt sie und zitiert einen Arzt, der die Familie damals unterstützte: „Ein Leben mit Alzheimer kann ein gutes Leben bleiben. Nur muss man sich bewusst sein, dass es anders verläuft.“ <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Verein Alzheimer Südtirol (ASAA): „Pflege ist kaum noch leistbar“</b><BR /><BR />Der gestrige Welt-Alzheimertag stand unter dem Motto „Demenz – Mensch sein und bleiben“, um deutlich zu machen, dass Menschen mit Demenz nicht durch ihre Krankheit definiert werden, sondern weiterhin Teil der Gesellschaft sind – mit all ihren Stärken. <BR /><BR />„Die Krankheit verändert die Menschen und nimmt ihnen nach und nach viele Dinge, die sie früher konnten und wussten. Doch die Fähigkeit, Gefühle wie Freude, Angst und Schmerz zu empfinden, bleibt erhalten – bis zuletzt“, schreibt der Verein Alzheimer Südtirol (ASAA) in einer Aussendung. Je mehr Wissen, Verständnis, Mitgefühl und Unterstützung es im Umfeld des Menschen mit Demenz und seiner An- und Zugehörigen gebe, desto mehr könne die Erkrankung in den Hintergrund treten. Kompetenzen können sichtbar werden und den Betroffenen im Alltag Halt geboten werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1215612_image" /></div> ASAA macht darauf aufmerksam, dass sich viele Menschen im Land Pflege nicht mehr leisten können. Lange Wartezeiten und komplizierte Verfahren bei der Pflegeeinstufung hätten in den letzten Jahren große Belastungen für die Menschen mit sich gebracht. Rund 10.800 Menschen pflegen durchschnittlich weit länger als fünf Jahre einen Angehörigen daheim. Biostatistiker Markus Falk weist darauf hin, dass die Zahl der Demenzfälle steigt. In Südtirol werden jährlich mehr als 1.200 Neuerkrankungen diagnostiziert. Die Patienten werden zudem immer jünger. Um Patienten und ihre Angehörigen besser zu unterstützen fordert ASAA-Präsident Ulrich Seitz u.a.: <BR /><BR /><Aufzählung_Pfeil>Umsetzung der von Landesrätin Rosmarie Pamer angekündigten dringenden Neu-Ausrichtung der Pflegeeinstufung für Demenzkranke</Aufzählung_Pfeil><BR /><BR /><Aufzählung_Pfeil>Besseren Zugang zu sozio-sanitären Leistungen und effiziente Entlastungsangebote<BR /></Aufzählung_Pfeil><BR /><Aufzählung_Pfeil>Echte Vereinbarkeit von Beruf und Pflege<BR /></Aufzählung_Pfeil><BR /><Aufzählung_Pfeil>Anerkennung der Leistungen in der Pflege daheim für Rentenzwecke<BR /></Aufzählung_Pfeil><BR /><Aufzählung_Pfeil>Task-Force für junge Demenzkranke</Aufzählung_Pfeil><BR /><BR /><Aufzählung_Pfeil>Investitionen in die Forschung und praktische Studien<BR /></Aufzählung_Pfeil><BR /><Aufzählung_Pfeil>Eine Beobachtungsstelle des Landes mit verlässlichen Daten</Aufzählung_Pfeil><BR /><BR /><Aufzählung_Pfeil>Implementierung der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft für die Aktivierung von sogenannten Pflegelotsen in den Betrieben</Aufzählung_Pfeil>