Samstag, 21. Mai 2016

„Die Guten müssen belohnt werden“

Bernhard Oberrauch, Architekt aus Bozen, ist Vizepräsident der Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung in Italien. Im Stol-Interview spricht er über nachhaltiges Wirtschaften und warum endlich gehandelt werden muss, damit das Überleben kommender Generationen gesichert wird.

Foto: © STOL

Wenn Topmanager nur mehr ihre Boni im Kopf haben, wenn multinationale Großkonzerne die Steuereintreiber ganz legal gewissermaßen mit einem Apfel und einem Ei abspeisen, und wenn die 62 reichsten Leute weltweit gleich viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, dann schwindet das Vertrauen in das System.

In der Politik, der Gesellschaft und selbstverständlich in der Finanzbranche gibt es freilich unterschiedliche Denkansätze, wie den Gefahren eines ungezügelten Kapitalismus begegnet werden soll und kann. Vom Credo der sich selbst regulierenden Märkte bis hin zur Forderung von restriktiven,  staatlichen Interventionen ist die Bandbreite immens. In einer Zeit, in der die Benotung von privaten Ratingunternehmen ganze Staaten an den Rande des Ruins treiben können oder das Statement eines gewichtigen Politikers einen Sturm an der Börse zu entfachen vermag, wirkt die Weltwirtschaft fragiler denn je. Alles ist mit allem verknüpft, jede Transaktion ist mit ungeahnten Folgen verknüpft.

„Der Mensch, die Sicherstellung von Lebensqualität und die Schonung der Umwelt müssen wieder in den Vordergrund wirtschaftlichen Handelns gerückt werden“, besagt mit der sogenannten Gemeinwohl-Ökonomie ein nicht mehr ganz so neuer Ansatz, der gerade auch in Südtirol an Strahlkraft gewinnt. Selbstverständlich wird auch die  Gemeinwohl-Ökonomie laufend weiter entwickelt, um die Erkenntnisse der gemachten Erfahrungen und neue Anliegen einzubinden. Die  Gemeinwohl-Ökonomie ist keine Ideologie, sondern ein heute schon konkret umsetzbarer alternativer Ansatz einer nach Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaft, vom dem Unternehmen und Gemeinden profitieren können.

Auch hier in Südtirol. Ein Interview mit Bernhard Oberrauch, seines Zeichens Architekt aus Bozen und Vizepräsident der Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung in Italien, die hierzulande vor drei Jahren gegründet wurde.

Südtirol Online: Welche Weichenstellungen wären Ihrer Auffassung zufolge im heutigen Wirtschaftssystem angebracht?
Bernhard Oberrauch: Kürzlich haben bei der Klimakonferenz in Paris alle Akteure die Wichtigkeit des Handelns betont, wobei das aber nur Lippenbekenntnisse bleiben, wenn die Rahmenbedingungen in der Wirtschaft nicht geändert werden.
STOL: Wie können Rahmenbedingungen geändert werden?
Oberrauch: Es ist klar, dass alle Geschäftsleute betriebswirtschaftlich denken und Gewinn machen wollen. Das ist ein sinnvolles und notwendiges Grundprinzip für das Überleben jedes Betriebes. Aber es läuft etwas falsch, wenn jene Unternehmer die größten Gewinne absahnen, welche die Umwelt ausbeuten und das Überleben kommender Generationen gefährden. Die Gemeinwohl-Bilanz will dieser Entwicklung entgegenwirken, indem es die Auswirkungen auf das Gemeinwohl messbar macht. Damit kann nun die Gesellschaft – Politik und Verwaltung- jene Akteure belohnen, die tatsächlich für die Umwelt und Gemeinschaft Gutes bewirken.
STOL: In der Gesellschaft dürfte dieser Denkansatz durchaus auf Wohlwollen stoßen, wie sieht es jedoch mit der Politik aus?
Oberrauch: Ganz allgemein steht die Politik dahinter, in den Verfassungen ist ohnehin festgehalten, dass das Wirtschaften dem Gemeinwohl untergeordnet ist. Wegweisende Impulse gibt es in Südtirol von Seiten der öffentlichen Hand – beim Land und in den Gemeinden – da in den neuen Vergabekriterien der Ausschreibungen der Gemeinwohl-Gedanke durchaus mit einfließt. Auch auf Unternehmerseite tut sich einiges, wie die rund 80 Unternehmen mit erstellter Gemeinwohlbilanz zeigen.
STOL: Diese Ansätze werden neuerdings also durchaus von Unternehmern beherzigt?
Oberrauch: Die Gemeinwohl-Ökonomie ist keine neue Erfindung, im Grunde hat es sie schon immer gegeben. Neu ist nur, dass fortschrittliche Unternehmer ein Instrument zur Analyse entwickelt haben, um fehlgeleitetes Verhalten zu ändern. Nur eine Zahl dazu: Von den 100 Prozent der Ressourcen, die wir heute nutzen, nehmen wir 40 Prozent den kommenden Generationen weg. Jeder Wirtschaftsprüfer würde sagen: Wir kommen unweigerlich in die Verlustzone. 

STOL: Um demzufolge eine Kurskorrektur in der Ökonomie zu erzwingen, müssten fragwürdige unternehmerische Aktivitäten, welche beispielsweise die Lebenswelt beeinträchtigen oder die Leute ausbeuten, als reelle Kosten aufscheinen?
Oberrauch: Genauso ist es. Zu viele positive Initiativen scheitern an den Rahmenbedingungen. Es kann nicht sein, dass umweltbewusstes und nachhaltiges Wirtschaften einem Wettbewerbsnachteil gleichkommt, weil sich andere Unternehmen eben nicht darum scheren. Doch ich bin optimistisch gestimmt…

STOL: Weil die Hoffnung zuletzt stirbt?
Oberrauch: Nein.  Gewisse Ideen mögen zwar Zukunftsmusik sein, doch so mancher Vorteil zeigt sich bereits heute. So sind beispielsweise die Mitarbeiter jener Unternehmen, welche die Gemeinwohl-Ökonomie verfolgen, motivierter, weil sie sich mit den Unternehmenszielen identifizieren. Das Unternehmen arbeitet zudem effizienter, das Image in der Bevölkerung wird ebenso gestärkt. Konkretes Handeln ist also sehr wohl schon heute möglich. Und wenn ich das Leuchten in den Augen der Zuhörer bei Vorträgen sehe, merke ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

STOL: In Südtirol fallen die Gemeinwohl-Thesen also durchaus auf fruchtbaren Boden?
Oberrauch: Ja. Wir nehmen diesbezüglich ähnlich wie beim Klimahaus eine Brückenfunktion zwischen Deutschland, Österreich und Italien ein – für Italien also eine Vorreiterrolle. Wir möchten dabei ähnliche Initiativen einschließen und so die Kräfte bündeln.

stol