„Hallo, welche Überraschung!“, sagt Martin Prader, als eine Mittelmeermöwe über uns hinweg segelt, während wir auf der Sankt-Andreas-Brücke in Klausen stehen. Die gelben Beine voraus, wie ein Skispringer beim Landeanflug, setzt der Vogel elegant im ruhigen Kehrwasser hinter einem großen Flussstein auf. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="723290_image" /></div> <BR />„Das ist ein Glück“, sagt Prader. In Meran und Bozen seien Möwen ein mittlerweile häufiger Anblick. „Nicht aber hier. Sie kommen entlang der Etsch vom Gardasee herauf.“ Insekten, Fische, Schnecken, auch Mäuse oder Obst bilden die Nahrung von Möwen, sagt Prader. <BR /><BR />In Klausen aufgewachsen, hat Martin Prader in Innsbruck Biologie studiert, seit 15 Jahren unterrichtet er das Fach an der Oberschule. Der 42Jährige ist Vorsitzender der Umweltgruppe Eisacktal, saß 5 Jahre als Umweltverantwortlicher der Baukommission im Gemeinderat. „Das Bisschen Natur, das uns noch umgibt, zu erhalten“, sei sein Ziel, erklärt Prader. <BR /><BR />Ein „Klassiker, gerade hier in Klausen“, sei die Verkehrs- und Lärmreduzierung. „Ich wohne 13 Meter von der Autobahn entfernt“, sagt der Biologe, und schaut hinauf zu den LKW-Kolonnen, die auf monströsen Betonstelzen über der Stadt vorbei donnern: In den 1960er Jahren, als die Brennerautobahn gebaut wurde, sei man stolz darauf gewesen. „Sie stand für den Fortschritt, man wollte, dass sie gesehen wird.“<BR /><BR /><b>Die Jahrhundert-Überschwemmung</b><BR /><BR />Der Biologe setzt sich dafür ein, das nahe Tinnetal und den Eisack für die Bürger attraktiver zu machen. „Mir schwebt eine Art Talferwiese hier am Eisackufer vor“, sagt Prader. Wobei der Eisack und der Tinnebach natürlich „Segen und Fluch zugleich“ seien: Was ersteres betreffe, verweist Prader auf die Stromerzeugung. Die kopfsteingepflasterte Gerbergasse in Klausens Altstadt erzählt von Gerbern, Schmieden und Müllern, die über Jahrhunderte das abgezapfte Wasser des Tinnebaches nutzten. <BR /><BR />Martin Prader zeigt eine Tafel an der Fassade der Stadtpfarrkirche St. Andreas, deren gotischer Turm über den Eisackfluten in den Himmel spitzt. „9. 8. 1921“, heißt es da: Eine Erinnerung an die Flutkatastrophe vor 100 Jahren, als der Tinnebach mit Bäumen, Schlamm und Geröll den Eisack aufstaute und Klausen wochenlang unter Wasser setzte. Prader wendet sich nun nach Süden, flussabwärts, wo verwitterte Betonwände den Eisack in ein enges Korsett zwängen. <BR /><BR />Man könnte den Radweg direkt an den Fluss verlegen, erklärt mein Begleiter. Einfach sei es allerdings nicht. Das Gelände gehöre der Bahn. „Erfahrungsgemäß ziehen sich Verhandlungen über eine öffentliche Nutzung in die Länge.“ Richtung Norden sieht es besser aus, hier säumt den Eisack ein halbwegs breiter Uferstreifen. <BR /><BR />Wir stapfen jetzt durch den Schnee flussaufwärts. Weiß bemützte Zyklopensteine ragen aus dem Wasser. Am sichelförmigen Schotterufer stochern Stockenten herum. Ein Graureiher taucht seinen Kopf ins dunkle Nass. Man muss genau hinsehen, um die Wasseramseln zu entdecken: dunkelbraune, kugelige Vögel mit kurzem Schwanz und weißer Brust. Regungslos hocken sie auf umspülten Steinen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="723293_image" /></div> <BR />Plötzlich ein Kopfsprung ins Wasser, 10 Meter weiter taucht die Wasseramsel empor und flattert bis zum nächsten Stein. „Wasserlugen“ nenne man die Technik des Vogels, den Kopf unter Wasser zu tauchen und dabei nach Beute Ausschau zu halten, erfahre ich von Prader: Larven der Köcherfliege, Steinfliege, Eintagsfliege und Kriebelmücke. Wasserkäfer, Wasserschnecken und Würmer schmecken dem unscheinbaren Vogel ebenfalls. Sein Gefieder fettet er mit dem Sekret aus der Bürzeldrüse ein, so wird es wasserabstoßend. „Beim Tauchen werden automatisch Nasen und Ohren geschlossen – unter Wasser und außerhalb sieht die Wasseramsel gleichermaßen gut.“ Sie lebt an schnellfließenden, sauberen Bächen. „Ein gutes Zeichen also, dass sie hier stark vertreten ist“, sagt Prader. <BR /><BR />Martin Prader war dabei, neben Fischern und Technikern der Wildbachverbauung, als hier Bagger Zyklopensteine im Fluss verteilten. An Uferausbuchtungen und im Kehrwasser hinter Felsblöcken kreist das Wasser herum. Das Kehrwasser, sagt Prader, sei für die Fische wichtig zum Ausruhen. Mit der Umweltgruppe Eisacktal setzt er sich für die Erhaltung und Ausweitung der Millander Au ein. Ausweitung, weil es zu einem Kompromiss mit der Firma Progress Holding AG kam. Die Umweltgruppe stimmte einem Tausch zu: Als Ausgleich für den Auwald-Rest in der Brixner Industriezone, wo die Firma ein Industriegebäude errichten will, soll die Millander Au größer werden. <BR /><BR /><b>Biotop Säbener Berg</b>?<BR /><BR />Für diese Lösung werden Prader und seine Mitstreiter angegriffen. „Man hat uns sogar vorgeworfen, wir ließen uns kaufen!“, sagt er kopfschüttelnd. Prader zeigt jetzt hinauf zum Säbener Berg, wie eine Festung klebt das Kloster Säben über einer senkrechten Felswand, im Osten Norden und Westen dichter Wald. Prader möchte, dass das Gebiet zum Biotop erklärt wird: „Wir müssten dabei keinem auf die Füße treten, da darf ohnehin nicht mehr gebaut werden.“ <BR /><BR />Ich erzähle dem Biologen von meiner Beobachtung, dass die Fluten der Passer und Etsch – wo ich mich herumtreibe – je nach Jahreszeit eine andere Färbung aufweisen: „Es ist wie beim Herbstlicht – plötzlich leuchten die Grashalme bernsteinfarben.“ Mein Begleiter spricht daraufhin von Chemie und Physik, von Wasserstoffbrückenverbindungen und elektrischen Dipolkräften. Dabei blickt Martin Prader wie ein Geologe einen Laien anblicken mag, wenn ihm dieser einen hübsch geformten Stein unter die Nase hält: die Oberfläche glatt wie eine Baby-Haut, von feinen Äderchen überzogen. Bleibt trotzdem simpler, massenhaft vorkommender Feldspat. <BR /><BR /><b>Nachschub für das innere Feuer</b><BR /><BR />Martin Prader empfahl mir noch, um den Säbener Berg herum zu wandern. So marschiere ich anschließend die schmale Teerstraße bergauf, die sich den Tinnebach entlang schlängelt. Metallgrau plätschert er um mannsgroße Steine. An manchen Stellen wirkt das Gewässer schwarz, mit einem Stich ins Bläuliche. Oder ist es betongrau, schiefergrau, aschgrau, regengrau – wie viele Farben des Wassers gibt es? <BR /><BR />Rehspuren im Schnee, die zum Bach führen, künden von regem Betrieb. Nur Menschen lassen sich momentan keine blicken. Hinter einer Brücke zweigt ein Waldsteig ab, im Zickzack geht es hinauf nach Pardell. Der Säbener Berg gehöre zu den nördlichsten Verbreitungsgebieten des Zürgelbaumes, hat vorhin Martin Prader gesagt. Er erzählte von einem Tag der Artenvielfalt, als hier der Bestand von Pilzen, Moosen, Farnen und Blütenpflanzen, von wirbellosen Flusssohlenbewohnern, Käfern, Schmetterlingen, Ameisen, Heuschrecken, Amphibien und Reptilien erhoben wurde.<BR /><BR />Jetzt ist von dieser Vielfalt nichts zu sehen. Schneebeladene Erlen biegen sich wie Angelruten, an denen ein Fisch zappelt. In der Stille knirscht der Schnee unter meinen Schritten. Als ich unter der Burgmauer von Kloster Säben vorbeikomme, färbt sich der Himmel über dem Tinnetal zuerst gelb, dann orange, rot und violett. Im Kloster schaltet jemand das Licht ein – schade, dass die letzten Benediktinerinnen Tirols heiligen Berg verlassen haben! <BR /><BR />An vereisten Stellen kracht es unter den Schuhsohlen, auf den Boden gefallenes Laub, vom Schnee aufgeweicht und dann gefroren, raschelt. Es klingt anders als trockenes Laub. Dass ich damals in Chemie, Mathematik und Physik versetzt wurde, verdankte ich der Nachsicht meiner Lehrer. „Glühen ist mehr als Wissen“, soll der Heilige Bernhard gesagt haben. Das fällt mir ein, zurück in Klausen, wo ich mich beschwingter als beim Start fühle. Nichts gegen die Naturwissenschaft, sie bringt großen Nutzen. Nach Ausflügen trage ich jedoch stets Gerüche, Töne und bunte Bilder im Rucksack. Nachschub für das innere Feuer. <BR /><BR /><BR /><b>* Helmut Luther, Jahrgang 1961,hat in Innsbruck Philosophie und Geschichte studiert, unterrichtet seit über 30 Jahren an einer Oberschule in Meran. Zum Schreiben fand er über den Umweg der Landwirtschaft. Nachdem er mehrere Weinberge gepflanzt hatte, reifte in ihm die Erkenntnis, lieber zu beobachten, was dort kreucht und fleucht, als - damit die Rechnung aufgeht - mit viel Technik dagegen anzukämpfen. Im Oktober erscheint bei Athesia sein Buch Mary de Rachewiltz, meinem Vater Ezra Pound verpflichtet.</b><BR />