Im Interview mit s+ spricht Lukas Schwingshackl über seine Arbeit, über den Zusammenhang zwischen Ernährung und verschiedenen Erkrankungen und gibt Ernährungstipps für die kalte Jahreszeit.<BR /><BR /><BR /><b>Sie sind in der „Metaforschung“ aktiv, wie genau kann sich ein Laie Ihre Arbeit vorstellen?</b><BR /><b>Lukas Schwingshackl:</b> Den Großteil meiner Zeit verbringe ich vor dem PC. Bei der Metaforschung handelt es sich um ein recht junges Forschungsfeld, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die evidenzbasierte Verbesserung in der Forschung zu erreichen. Es geht dabei viel um Forschungsmethoden. Wir schauen, wie zuverlässig Forschung eigentlich ist und welche Verbesserungen es geben könnte. Dabei werden grundsätzlich alle Felder der Wissenschaft abgedeckt. Ein Schwerpunkt liegt aber auf dem medizinischen Bereich.<BR /><BR /><b>Und wenn jemand fragt, was Sie den ganzen Tag lang machen?</b><BR /> Naja, wenn es die Zeit erlaubt, hauptsächlich mal nachdenken. (lacht) Vor allem schreibe ich Publikationen, Forschungsanträge usw. Zudem analysieren wir Daten, es gibt viele Telefonkonferenzen und Meetings mit Kollegen. Ich betreue zudem medizinische Doktorarbeiten, unterrichte an der Universität, halte Vorträge auf Konferenzen und berate Gesellschaften. So bin ich etwa Experte bei der „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ und in Gremien tätig, die sich damit auseinandersetzen, wie künftige Ernährungsformen aussehen könnten.<BR /><BR /><BR /><b>Und welche Tipps geben Sie beispielsweise für die kalte Jahreszeit?</b><BR />Man weiß mittlerweile, dass Ernährung ein wichtiger Faktor in der Prävention ist. Das gilt etwa für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder verschiedene Krebs-Arten. Hier kann überall mit einer optimalen Ernährung vorgebeugt werden. Es wird auch vermehrt ersichtlich, dass Ernährung einen großen Einfluss bei der Prävention von Parkinson- und Alzheimer-Erkrankungen hat. Meine speziellen Tipps für den Winter fangen also damit an, dass man generell am besten saisonal einkaufen und essen sollte. Wir haben im Winter viele tolle pflanzliche Lebensmittel. Kohlgemüse ist reich an Vitamin C und Kalium. Dazu gehören Kraut in allen Variationen, Brokkoli oder Kohlrabi. Dann auch Rohnen, die einen hohen Eisengehalt haben, und Rüben, die viel Vitamin C, Kalium und Magnesium enthalten. Aber auch tiefgekühlte Lebensmittel wie Erbsen oder Spinat bieten sich an. Hier bleiben trotz Einfrieren viele Inhaltsstoffe erhalten. Dann auch noch rote Paprika, Karotten und Weizenkeime. Orangen und Zitronen haben auch Vitamin C, allerdings nicht so viel, wie oft vermutet wird. Wenn man es hinbekommt, beispielsweise zwei Portionen Obst am Tag zu essen und mittags bzw. abends etwas Gemüse und Salat, hat man schon mehr Obst und Gemüse zu sich genommen als der Durchschnitt.<BR /><BR /><b>Welche Rolle kann die richtige Ernährung zum Schutz vor einer (schweren) Corona-Erkrankung einnehmen?</b><BR />Das ist so ein bisschen die Gretchen-Frage. Kurz und knapp: Wir wissen es nicht. Es gibt allerdings viele Risikofaktoren, die stark mit der Ernährungsweise und dem Lebensstil ganz allgemein zusammenhängen – Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes usw. Diese Risikofaktoren haben einen Einfluss auf den Verlauf einer Corona-Erkrankung. Die WHO empfiehlt, dass in Bezug auf Corona die allgemeinen Ernährungsempfehlungen gelten. Covid-19 verändert das Immunsystem. Wenn wir das Immunsystem aber stärken, kann man dem entgegenwirken. Das Fazit lautet also: Einen indirekten Einfluss hat Ernährung auf jeden Fall, einen direkten aber leider nicht.<BR /><BR /><b>Ernährung und Nachhaltigkeit sind zwei zentrale Themen dieser Zeit, die Sie gerne verbinden würden. Wie kann das gelingen?</b><BR />Da kann ich vor allem auf eine Studie von der renommierten Universität Oxford verweisen. Dort hat man sich mit internationalen Ernährungsempfehlungen auseinandergesetzt und wie sich diese auf die Umwelt auswirken. Das Ergebnis war, dass eine Reduktion von tierischen Lebensmitteln, den Ausstoß von Treibhausgasen erheblich verringern würde. Aber auch der Land- und Wasserverbrauch sowie der Ausstoß von Stickstoff und Phosphor könnte dadurch reduziert werden. Aus meiner Tätigkeit bei der „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ kann ich zudem sagen, dass Nachhaltigkeit mittlerweile ein wichtiger Faktor für Ernährungsempfehlungen ist. Dadurch wird vor allem bei Milchprodukten etwas nachjustiert werden. Als weitere Komponenten werden in Zukunft auch das Tierwohl und der Bereich Soziales eine gewichtigere Rolle spielen. Man merkt ja gerade, dass durch die Inflation die Preise für bestimmte Produkte stärker steigen. Es darf aber nicht sein, dass Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status sich wichtige Lebensmittel wie Obst und Gemüse nicht mehr leisten können.<BR /><b><BR />Wie würde Ihre Empfehlung für eine möglichst gesunde und nachhaltige Ernährung aussehen?</b><BR />Hier würde ich gerne auf die EAT-Lancet-Initiative verweisen. Expert/innen der Bereiche Gesundheit, Landwirtschaft, Politikwissenschaft und Umweltverträglichkeit aus 16 Ländern haben evidenzbasierte, globale Ziele für eine gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion entwickelt. Die EAT-Lancet-Kommission hat so einen Speiseplan erstellt, der die Gesundheit des Menschen und der Erde gleichermaßen schützen soll. Man sollte demnach pro Tag etwa 200 g Vollkornprodukte, 50 g Kartoffeln, 300 g Gemüse, 200 g Obst, 75 g Hülsenfrüchte, 50 g Nüsse und nicht mehr als 250 g Milchprodukte, 14 g rotes Fleisch, 30 g Geflügel, 13 g Eier sowie 28 g Fisch zu sich nehmen. <BR /><b><BR />Sie wurden in den vergangenen beiden Jahren in die Liste der meistzitierten Wissenschaftler aufgenommen. Eine besondere Ehre oder eher eine Randnotiz im Forscher-Alltag?</b><BR />Natürlich war die Freude darüber groß. Es ist eine Ehre. Auch, dass ich es im Jahr 2021 nochmal auf diese Liste geschafft habe, ist eine wirklich schöne Anerkennung für den wissenschaftlichen Beitrag, den man geleistet hat. Man darf es aber nicht überinterpretieren.<BR /><BR /><b>Wie geht es bei Ihnen nun weiter? Wo und woran werden Sie in nächster Zukunft arbeiten?</b><BR />Ich leite seit Sommer 2021 eine eigene Arbeitsgruppe mit Schwerpunkt „Evidenzbasierte Ernährungswissenschaften“. Und in diesem Jahr starten gleich mehrere neue Projekte: In einem Projekt beschäftigten wir uns mit Ernährungsinterventionen zur Therapie von Mangelernährung im Krankenhaus. Wobei wir mit einer neuen statistischen Methodik (Anm.: der Netzwerkmetaanalyse) versuchen herauszufinden, welche Ernährungsintervention am besten geeignet ist, um die Sterblichkeit zu reduzieren oder auch Lebensqualität zu verbessern. In einem weiteren Forschungsprojekt beschäftigen wir uns mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Milch- und Milchprodukten. So untersuchen wir beispielsweise, ob fettarme oder fettreiche Milchprodukte verschiedene Erkrankungen unterschiedlich beeinflussen. Ein drittes aktuelles Forschungsfeld ist die Leitlinie der „Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ hinsichtlich der Proteinzufuhr. Hier unterstütze ich als Methodiker die Arbeit, und es geht um die Auswirkungen einer erhöhten Proteinzufuhr auf chronische Erkrankungen wie etwa Diabetes, Tumore, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenfunktion, Blutdruck und Körpergewicht.<BR /><BR /><b>Wie oft kommen Sie noch nach Südtirol und möchten Sie eines Tages zurückkehren?</b><BR />Leider viel zu selten. Zwei, drei Mal im Jahr kommen meine Frau – auch aus Südtirol – und ich nach Hause. Wenn sich aber die Möglichkeit zurückzukommen ergeben sollte, kann ich mir das durchaus vorstellen. Die Lebensqualität hier ist unglaublich hoch.<BR />