David (Name geändert) ist Anfang 60, stammt aus Ungarn und lebt seit gut 20 Jahren ohne festen Wohnsitz in Brixen. Er ist gewissermaßen der treueste Gast in der Übernachtungsstätte für Männer und einer jener 37 Personen, die 2022 in der Struktur der Bezirksgemeinschaft Eisacktal Zuflucht fanden. Die Gründe, warum jemand auf der Straße lebt, sind unterschiedlich: Oft spielen Abhängigkeitserkrankungen mit eine Rolle, Armut, soziale Ausgrenzung, manchmal ist es aber auch eine bewusste Entscheidung.<BR /> Einer, der viel über das Leben obdachloser Menschen weiß, ist Josef Schwarz. Der Pädagoge ist Mitarbeiter der Bezirksgemeinschaft und Koordinator der Übernachtungsstätte. „Josef ist die gute Seele der Übernachtungsstätte“, sagt Thomas Hellrigl, Direktor der Sozialdienste. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860285_image" /></div> Die niederschwellige Einrichtung in der Romstraße feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. „Angefangen hat alles in der Dantestraße, dort wo heute das Parkhaus steht“, erinnert sich Schwarz. Zu Beginn wurde der Dienst für obdachlose Männer von der Gemeinde geführt, im Laufe der Zeit ging er an die Sozialdienste über. Die Übernachtungsstätte zog während der vergangenen 2 Jahrzehnte mehrmals um, seit 2012 hat sie ihren Platz in der Romstraße. <BR />Die Struktur ist für 10 Schlafplätze – mit 2 4-Bettzimmern und einem Doppelzimmer – sowie einem Notbett ausgerichtet. In einer Küchenzeile können die Gäste etwas Warmes trinken, Alkoholkonsum ist untersagt. 2 Bäder bieten die Möglichkeit, sich zu waschen. Zudem gibt es einen kleinen Aufenthaltsraum. Die Übernachtungsstätte hält von 1. September bis zum 30. Juni offen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860288_image" /></div> <BR />Der Alltag ist klar geregelt, 3 Mitarbeiter der Bezirksgemeinschaft decken, teils in Teilzeit, die 3 Dienste ab. Unverzichtbar ist die Hilfe von derzeit 16 Freiwilligen. Von 18 bis 22 Uhr werden die Gäste aufgenommen, deren Daten registriert und, wie vom Gesetz vorgesehen, an die Ordnungskräfte weitergegeben. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Der nächtliche Dienst wird vielfach von Freiwilligen übernommen. Tagsüber ist die Struktur geschlossen. <BR />Aktuell sind alle 10 Plätze belegt. „Bis vor 2,3 Wochen hatten wir noch 2 freie Betten“, sagt Hellrigl, selbst einer der Freiwilligen. Die derzeit im Land geführte Diskussion über fehlende Schlafplätze für Obdachlose betreffe in erster Linie den Raum Bozen. „Wir haben uns von dieser Diskussion nie richtig angesprochen gefühlt – auch weil die 10 Plätze für eine Kleinstadt wie Brixen durchaus ausreichen.“ Brixen ist klein und überschaubar, die relative Größe von Bozen mit der einhergehenden Anonymität sei für Obdachlose vielfach einfach attraktiver. <BR />Wer aus Brixen oder aus dem Einzugsgebiet der Bezirksgemeinschaft kommt, findet die ganze Saison über Unterschlupf. Männer von außerhalb können 4 Wochen bleiben, dann müssen sie für eine Woche ausziehen. „Die Leute sollen durchaus einen gewissen Druck verspüren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“, erklärt Hellrigl. Personen, die negativ in Erscheinung treten, haben keinen Zutritt. <h3> Wenig Chancen bei diesem Wohnungsmarkt</h3> 2022 wurden 37 Personen aufgenommen, im Durschnitt waren sie 44 Jahre alt. 8 Männer stammten aus Südtirol, der Rest verteilt sich auf das restliche Staatsgebiet, EU-Länder wie Rumänien, Polen, Ungarn. 18 Personen kamen von außerhalb Europas. Unter ihnen sind immer etwa auch Afrikaner, die tagsüber nach Verona fahren, um dort als Tagelöhner auf den Feldern arbeiten zu können. <BR />Nicht jeder schafft den Sprung in ein selbstständiges Leben – und doch gibt es auch die Geschichten, die gut ausgehen, erzählt Schwarz: 2022 etwa schaffte es ein Gast, Teil eines Projekts zur sozialen Eingliederung zu werden. Wenig zuversichtlich zeigen sich die Verantwortlichen mit Blick auf die Wohnungssituation.<BR /> Im Tätigkeitsbericht 2022 der Übernachtungsstätte heißt es: „Mit Enttäuschung ist festzuhalten, dass es kaum möglich scheint, für Menschen aus dem Obdachlosenmilieu als Alternative zur Übernachtungsstätte eine angemessene Wohnsituation zu finden.“ Als Gründe nennen die Verfasser des Berichts eine „extrem schwierige Wohnsituation“ und „überzogene Mitpreise auf dem Territorium“. <BR />