Seine Patienten haben oftmals unvorstellbare Fehlstellungen und Leiden, aber die Aufgabe empfindet er als erfüllend und sinnstiftend.<BR /><BR /><b>Herr Dr. Oberhofer, Sie sind erst seit einigen Tagen wieder zurück von ihrem Hilfseinsatz in Uganda. Womit waren Sie dort beschäftigt?</b><BR />Dr. Thomas Oberhofer: In Entebbe, das ist eine Stadt direkt am Victoriasee, habe ich für 2 Wochen in einem Spital operiert. Großteils kamen Patienten mit Knochenbrüchen oder mit schwerwiegenden Fehlstellungen. Für die kompliziertesten Fälle gab es eine Vormerkung, dazu kamen viele Routineeingriffe. Es handelt sich um einen Freiwilligen-Einsatz, der von der international tätigen Hilfsorganisation CBM (Christoffel Blindenmission) koordiniert wird. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830957_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie kann man sich das vorstellen - wird da sozusagen im Akkord operiert?</b><BR />Dr. Oberhofer: Ja, so in etwa trifft es das, denn nach einer 12-stündigen OP-Schicht fällt man am Abend müde, aber dennoch erfüllt und geerdet ins Bett. Denn man wird sich bewusst, dass man vielen notleidenden Menschen geholfen hat, die sich im Normalfall keine Operation hätten leisten können. Dafür sind sie auch entsprechend dankbar. Vielfach geht es dabei nicht bloß um den Patienten selbst, sondern auch um seine große Familie, die von ihm ernährt werden muss. In vielen Teilen Afrikas hat ein Mann mehrere Frauen und Kinder, also in der Regel sind 10 bis 12 Menschen von einem Ernährer abhängig. Wenn jemand wegen eines nicht behandelten Knochenbruchs ausfällt, so ist das für diese Leute eine Tragödie.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830960_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum aber werden Knochenbrüche nicht rechtzeitig behandelt?</b><BR />Dr. Oberhofer: Zumindest auf dem Land ist das vielfach auf die Überzeugung zurückzuführen, dass es der Medizinmann schon richten wird. Dieser gibt in der Regel eine Salbe oder eine sonderbare Kräutermischung auf den Bruch, sodass sich Geschwüre bilden. Oft wächst auch neues Knochengewebe, sodass es zu gravierenden Fehlstellungen kommt. Das kann sich danach ein oder 2 Jahre hinziehen, und wenn diese bemitleidenswerten Menschen zu uns ins Krankenhaus kommen, dann stehen wir aus medizinischer Sicht vor regelrechten Katastrophen. Man ist mit sehr komplizierten Brüchen konfrontiert, die man sonst nur aus Studienbüchern kennt. Diese Brüche stellen für uns Chirurgen eine große Herausforderung dar, weil man einerseits irgendwie die Knochen stabilisieren muss und andererseits auch die Weichteile und das Gewebe drumherum in Mitleidenschaft gezogen sind. Die Knochenbrüche selbst sind übrigens auf die vielen Unfälle im chaotischen Straßenverkehr zurückzuführen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830963_image" /></div> <BR /><BR /><b>Für europäische Verhältnisse unvorstellbar, oder?</b><BR />Dr. Oberhofer: Ganz und gar. Sowas bekommt man in Europa sicher nicht mehr zu Gesicht. So etwa auch die eklatanten Fehlstellungen, beispielweise X- oder O-Beine, die mit der Mangelernährung zusammenhängen. Grundsätzlich ist es in diesen Ländern so, dass bei den Menschen dort viel früher der Alterungsprozess einsetzt, viele sind bereits mit 40 Jahren sozusagen verbraucht, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwas über 50 Jahren. Darüber hinaus ist die mangelnde Sauberkeit bzw. Keimfreiheit in den Spitälern problematisch. Somit treten in der Folge oftmals Infektionen auf, was eine langwierige schwierige Behandlung erfordert. Auch das kommt bei uns in Europa so gut wie gar nicht mehr vor. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830966_image" /></div> <BR /><BR /><b>Müssen die Patienten für die Operationen etwas bezahlen?</b><BR />Dr. Oberhofer: Grundsätzlich werden für die Behandlung 50 Eurocent pro Tag berechnet, das ist für die Patienten in diesen Ländern eine stattliche Summe und oft nicht einfach aufzubringen. Es geht hierbei aber mehr um ein symbolisches Zeichen der Wertschätzung als um die Berechnung einer ärztlichen Leistung. Wenn jemand ganz und gar nicht in der Lage ist, die Behandlung zu bezahlen, dann gibt es auch die Möglichkeit, diese abzuarbeiten – beispielsweise als Tischler, Gärtner oder Elektriker. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830969_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie kamen Sie zu diesem unentgeltlichen Hilfseinsatz?</b><BR />Dr. Oberhofer: Ich bin schon seit mehreren Jahren für einige Wochen in afrikanischen Ländern im Hilfseinsatz. Begonnen hatte alles im Jahr 2010 in Kamerun auf eine Initiative der Tertiarschwestern der Marienklinik und der Hilfsorganisation Südtiroler Ärzte für die Welt, die sich vor allem um die bürokratischen Dinge gekümmert haben. Zusammen mit Dr. Günther Ziernhöld bin ich damals zu einer Missionarsstation in Kamerun geflogen, wir haben dabei auch selbst medizinisches Material wie Platten, Schrauben und Prothesen mitgenommen, um das unten einzubauen. Dasselbe Problem widerfuhr mir später in den Spitälern im bitterarmen Äthiopien. Auch wenn sie dort Ärzte und Chirurgen haben, so fehlt es an elementarer medizinischen Hardware. Und wenn etwas vorrätig ist, so ist es minderwertig und bricht schnell. In Uganda sind sie etwas besser ausgerüstet, dort haben sie auch recht gute Hüftprothesen vorrätig. Die Hilfsorganisation CBM ist ziemlich gut aufgestellt, sie führt auch mehrere Spitäler und treibt Projekte voran. <BR /><BR /><b>Was motiviert Sie dazu? Sie könnten stattdessen doch genauso gut 3 Wochen durch die Adria segeln? </b><BR />Dr. Oberhofer: Es ist wohl diese besondere Mischung aus Herausforderung, Abwechslung und Abenteuer. Die medizinische Herausforderung besteht wie gesagt darin, diese schwerwiegenden Brüche und haarsträubenden Fehlbildungen in den Griff zu bekommen. Das ist gleichermaßen fordernd wie lohnenswert. Denn man kann sich einen ganzen Tag lang auf das Medizinische und die Menschen konzentrieren, weil die Bürokratie auf ein Mindestmaß beschränkt ist. Außerdem sind die Leute ungeheuer dankbar für die Hilfe. Auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, für den Betroffenen selbst ist es eine große Hilfe. Zum Schlafen hat man zwar nur eine Pritsche mit Moskitonetz, aber mehr braucht es auch gar nicht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="830972_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das heißt: Im Gegensatz dazu wird hierzulande bzw. in Europa immer stärker ein bürokratischer Apparat aufgebaut, was zu Lasten der Medizin geht?</b><BR />Dr. Oberhofer: Nicht falsch verstehen, bitte. In Europa ist die Bürokratie für Ärzte erdrückend, man muss jeden Schritt penibel dokumentieren und sich in alle Richtungen absichern, vor allem vor etwaigen rechtlichen Folgen. In den afrikanischen Ländern fällt das zum Großteil weg, wobei man natürlich auch dort versichert ist und in die Ärztekammer eingetragen sein muss. Dabei ist es doch so, dass man als Arzt immer im Interesse des Patienten handelt, also das Bestmögliche für ihn erreichen will – egal ob man nun in Südtirol oder in irgendeinem afrikanischen Land operiert. Diese direkte Art der Medizin, diese Nähe zum Patienten ist für einen Arzt eine bereichernde Erfahrung. Man entdeckt dabei durchaus neue Möglichkeiten, aber auch Grenzen.<BR /><BR /><b>Für Abwechslung dürfte auch das turbulente Treiben in einem Land wie Uganda sorgen, oder?</b><BR />Dr. Oberhofer: Natürlich. Man kann das Leben dort als riesiges Chaos beschreiben, aber irgendwie funktioniert doch das Allermeiste. Die Menschen stecken einen mit ihrer unbändigen Lebensfreude und mit ihrer positiven Energie an, damit rückt die Armut vielfach in den Hintergrund. Allerdings muss man auch sagen, dass sie sich so gut wie gar keine Gedanken über die Zukunft machen. Sie bauen gerade das an, was sie zum Leben brauchen und leben in den Tag hinein. An Planungen oder Vorsorge denken sie überhaupt nicht. Aber der gesamte Kontinent hätte ein riesiges Potenzial.<BR /><BR /><b>Bleibt Zeit, die Umgebung außerhalb des Spitals zu erkunden?</b><BR />Dr. Oberhofer: Ja, diese Zeit habe ich mir auch genommen, denn diese Gegend hat landschaftlich sehr viel zu bieten, außerdem kommt es immer wieder zu interessanten Begegnungen und Gesprächen. <BR /><BR /><b>Auch mit Medizinmännern?</b><BR />Dr. Oberhofer: Ja, auch mit Medizinmännern bin ich schon mehrere Male ins Gespräch gekommen. In ihren Hütten behandeln sie alles: Tumore, Knochenbrüche, Schwangerschaften. Sie sind von ihren Methoden und Vodoo-Zauber total überzeugt. Und davon überzeugt ist auch der Großteil der ländlichen Bevölkerung, die sehr stark in den Stammesriten und Traditionen verwurzelt ist.<BR />