Samstag, 15. Januar 2022

„Man gab sich nirgends mehr die Hand, Arbeiten wurden nicht verrichtet“

Schauspieler, Theater- und Fernseh-Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Gastwirt: Luis Walter ist ein vielfältiger Mensch. Der mittlerweile 84-jährige Unterlandler ist in vielen Branchen zu Hause. Vielen Südtirolern ist er auch als Gründer der „Freilichtspiele Südtiroler Unterland“ bekannt. Wie geht es einem solch kreativen Menschen in einer Pandemie, in der vor allem „seine“ Kulturbranche arg gebeutelt wurde? Für STOL hat er aufgeschrieben, wie er den Anfang der Corona-Pandemie erlebt hat und was er nun daraus macht. Ein kleines Corona-Tagebuch.

Luis Walter: Schauspieler, Theater- und Fernseh-Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Gastwirt.
Badge Local
Luis Walter: Schauspieler, Theater- und Fernseh-Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Gastwirt. - Foto: © Kloty Pernter-Klosterhof
Seit über 40 Jahren bin ich in der zweiten Februarwoche immer auf Gran Canaria, auch im Februar 2020. Dort konnte ich mich – wie jedes Jahr – absolut ungestört der Vorbereitung der Freilichtspiele im Sommer in Neumarkt und danach meinen Filmarbeiten intensiv widmen. Neben den Freilichtspielen erforderte zu dieser Zeit aber vor allem mein Dokumentarfilm-Projekt „Sie lehrte nur einen Winter“ – das mir sehr am Herzen lag – eine intensive Vorbereitung.

Das Drehbuch des Films hatte ich in groben Zügen fertiggebracht. Die Sonne auf den Kanaren, ausgedehnte lange Märsche und das Meer, glaube ich, hatten mir auch dieses Jahr wieder gutgetan. Die Heimreise konnte ich antreten. Immer wenn ich bei meiner Heimreise am Flughafen von Gran Canaria ins Flugzeug steige, sage ich mir: „Es war schön, werde ich kommendes Jahr wieder kommen...?“





Als ich in Verona landete, war's am Flughafen anders als sonst. Überall Polizei und Militär, alle mit Mundschutz. Ich nahm meine Reisetasche vom Förderband, auch hier alle mit Mundschutz. Ich sagte mir: „Ja bin ich denn am Flughafen von Gran Canaria ins falsche Flugzeug gestiegen?“

Erst als ich den Flughafen von Verona verließ, sah ich die Titelseiten der Zeitungen: „Pandemia in Italia!“

Ich kam nach Hause und auch hier veränderte sich bald alles. „Rauscher“, unser Gasthaus war geschlossen. Auch mein Büro in Bozen. Man konnte nirgends essen, da auch hier alle Gastbetriebe geschlossen waren. Man gab sich nirgends mehr die Hand. Viele Arbeiten wurde nicht mehr verrichtet, der Radius, der erlaubt war, um sich bewegen zu können, schrumpfte.

Einem guten Freund begegnete ich am Obstmarkt, er war Kunstmaler, er fragte, so wie halt alle fragten: „Nacher, wie gehts...?“ Ich sagte sehr unbekümmert: „Danke, gut, so gut ist es mir noch nie gegangen!“ Es gab ja keine Hektik mehr, meine Betriebe waren ja durch Corona stillgelegt: Endlich nicht mehr unter „Starkstrom“ des beruflichen Alltags...





Nichts tun, wie soll das gehen...? Mir fiel eine Begebenheit ein: Als ich einst Mitte der 1970er Jahre gerade von den Kanaren zurückkam und zufällig am Waltherplatz in Bozen Sophia Magnago traf, bei der ich manchmal in ihrer Fernsehsendung mitwirkte, fragte sie mich: „Welche Aufführung wird es heuer bei den Freilichtspielen im Sommer in Neumarkt geben?“ Als Frau Magnago erfuhr, was sie wissen wollte, sagte sie sehr eindringlich: „Ach, Luis Walter, schreiben Sie bitte alles auf, was sie machen, denn auch das ist ,Gschichte'.“ Ich sagte zu, hatte damals aber nie daran gedacht, dies auch zu machen.

Erst im Jahr 2020 hat mich diese „verfluchte Corona-Zeit“ daran erinnert, das damals abgegebene Versprechen nun einhalten zu wollen. Ich begann meine Archive zu durchforsten, meine Arbeiten in meiner Werbeagentur in Bozen zu ordnen, meine politischen Aktivitäten in meiner Gemeinde Neumarkt und in der SVP im allgemeinen zu sammeln.

Ich begann, Begebenheiten bei meinen Dreharbeiten bei den Tirolern und Welschtirolern in Brasilien und den Tiroler „Holzarbeitern“ auf Rhodos in Bild und Schrift festzuhalten und Lebenserinnerungen nach bestem Wissen und Gewissen niederzuschreiben. Es war ein bewegtes Leben.

Nun habe ich, nach bald 2 Jahren, das Wesentliche auf rund 300 Seiten niedergeschrieben und mit über 700 Bildern, Zeitungsausschnitten, Rezensionen, Briefen und Dokumenten dokumentiert. Was auch immer daraus wird, ich denke, es ist im Rückblick von doch 84 Jahren eine bewegte, vielschichtige, heimatbezogene (Zeit)Geschichte entstanden. Man wird sehen.

sor