Freitag, 23. Oktober 2015

Ein Job, der unter die Haut geht: Tattoo-Model Mike Harley Waldez

Rebellisch richtet sich sein Blick direkt in die Kamera, die Körperhaltung zeigt: „Ich mache, was ich will“. Dort, wo die Kleidung die Haut nicht verhüllt, kommt Tinte zum Vorschein. Der Kalterer Michael Waldthaler hat seine Leidenschaft zum Beruf und seine Haut zum Markenzeichen gemacht: Er ist Tattoo-Model.

Foto: L.S. Photography
Foto: L.S. Photography

Was dem Maler die Leinwand, ist dem Tätowierer die Haut: Die Kunst am Körper ist nach wie vor kontrovers, auch wenn sie sich mittlerweile in die Gesellschaft eingeschlichen und dort etabliert hat. Sie spaltet die Gemüter und erweckt Neugier, aber vor allem ist sie eines: immer ein Hingucker. Was liegt also näher als sich so zu zeigen, wie der Tätowierer einen geschaffen hat? Tattoo-Models haben in den vergangenen Jahren die Laufstege der Welt erobert. Jean Paul Gaultier, Hugo Boss und andere große Namen greifen immer wieder auf Models zurück, die mehr zu bieten haben als „nur“ Idealmaße.

Quasi zufällig in die ständig wachsende Szene hineingestolpert ist der Kalterer Michael Waldthaler (33). Seit einigen Jahren jobbt er als Tattoo-Model und hat sich mittlerweile unter dem Pseudonym „Mike Harley Waldez“ nicht nur in seiner Wahlheimat Österreich einen Namen gemacht.

Im Interview mit STOL erzählt er, wie er dazu gekommen ist, was es heißt, Tattoo-Model zu sein und wie er zu Tattoos im hohen Alter steht.

Südtirol Online: Bevor Sie hauptberuflich zum Tattoo-Model wurden, arbeiteten Sie als Verkäufer bei Harley Davidson Bozen. Wie kam es zum Berufswechsel?

Michael Waldthaler: Das ist eigentlich total zufällig passiert. Ich war 2011 mit Harley Davidson auf einer Tattoo-Messe in Innsbruck. Dort wurde ich von Christine Zimmer angesprochen, der Betreiberin der Agentur „tattoomodels.at“. Sie meinte, ich würde perfekt den Vorstellungen einiger ihrer Kunden entsprechen. Und so war es auch.

STOL: Ein Sprung ins kalte Wasser also?

Waldthaler: Absolut. Vor meinem ersten richtigen Auftrag hatte ich nur ein einziges Mal vor der Kamera gestanden, damals für den Kalterer Fotografen Florian Andergassen. Und das war eher zum Spaß. Aber nur kurz nachdem Zimmer mich entdeckt hatte, wurde ich auch schon für mein erstes Shooting gebucht, vom österreichischen Kaufhaus Kastner&Öhler.

STOL: Was glauben Sie war der Grund?

Waldthaler: Naja, ich hatte eben das gewisse Auftreten. Trotz meiner mangelnden Erfahrung war ich zielstrebig, konnte gut vor der Kamera posieren. Und auch meine Tattoos haben gepasst.

STOL: Was unterscheidet ein Tattoo-Model von den anderen?

Waldthaler: Der größte Unterschied ist: Jeder, der ein Tattoo hat, kann Tattoo-Model werden. Die Branche ist bei weitem nicht so maßabhängig wie ihre große Schwester. Als Tattoo-Model muss man kein Hungerhaken mit perfekten Maßen sein. Die Palette geht querbeet, von groß bis klein, schlank bis XXL. Die klassischen Vorwürfe der Modebranche kommen hier nicht zum Tragen. Klar ist es von Vorteil, wenn man schlanker ist, da sich auch unsere Kunden an den großen Modelabels orientieren. Aber der Druck ist viel geringer.

STOL: Wie viele Tattoos muss man haben, um als Tattoo-Model zu gelten?

Waldthaler: Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Für unsere Agentur reicht bereits ein Tattoo. Generell ist jeder ein Tattoo-Model, der seine Körperkunst nicht überschminken muss, wie es die professionellen Models machen. Ein Beispiel ist Tattoo- und Bartmodel Ricki Hall. Für seine ersten Shootings musste er die Tattoos auf seinem Arm überschminken lassen, mittlerweile sind sie sein Markenzeichen.

STOL: Sind Models wie Ricki Hall für Sie ein Vorbild?

Waldthaler: Nein, gar nicht. Natürlich schätze ich seine Leistung und verfolge seine Karriere schon seit langem. Aber ich mache mein eigenes Ding. Davon abgesehen hat Hall einen ganz anderen Style. In England werden Tattoo-Models eher klassisch eingesetzt: Sie tragen Anzüge mit Taschenuhren, einen Moustache und repräsentieren den Gentleman-Style. In Mitteleuropa wird eher die BMX-Schiene gefahren: Hier treten Tattoo-Models als Skater auf, der Style liegt mehr im Hardcore.

 

Mike Harley Waldez in Aktion: Einmal im Skaterlook - Foto: Roottattoo

 

Mit Anzug und Pfeife, ganz der Gentleman. - Foto: Bildsymphonie

 

STOL: Wieviel Michael Waldthaler steckt in Mike Harley Waldez?

Waldthaler: Das bin 1:1 ich, ich verstelle mich nicht. Es war auch noch nie nötig: Sowohl die Fotografen, mit denen ich gearbeitet habe, als auch die Kunden waren immer sehr zufrieden mit mir. Bis jetzt habe ich es immer geschafft, das Produkt und die Vorstellungen des Kunden in den Vordergrund zu stellen, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

STOL: Was war Ihr erstes Tattoo?

Waldthaler: Das war, wie bei vielen anderen auch, eine kleine Jugendsünde. Ich war 18 und habe mir ein Tribal auf den rechten Oberarm stechen lassen.

STOL: Und wie viele sind es jetzt?

Waldthaler: Das ist sehr schwer zu sagen, ich habe den Überblick verloren. Mittlerweile ist mein Körper zu rund 65 Prozent mit Tattoos bedeckt. Dabei muss man aber die Stellen wegrechnen, die ich nie tätowieren lassen würde, wie etwa die Fußsohlen oder den Intimbereich. Mein Ziel ist es, 80 bis 90 Prozent meines Körpers zu tätowieren. Als letztes werden die Handflächen gemacht.

STOL: Auch vor dem Gesicht haben Sie nicht Halt gemacht. War das eine Überwindung?

Waldthaler: Nein, gar nicht. Ich wusste immer schon, dass ich diesen Schritt machen werde.

STOL: Hand aufs Herz: Was sagt Ihre Mutter zu den Tattoos?

Waldthaler: Sie war nie wirklich begeistert davon, das gebe ich zu. Vor allem die Tattoos im Gesicht stießen bei ihr auf Unverständnis. Aber so sind Mütter nun mal. Mein Rückentattoo (eine Hannya-Geisha, die den ganzen Rücken bedeckt) gefällt ihr allerdings sehr gut. Und auch von meiner Karriere als Tattoo-Model ist sie nur positiv angetan.

 

Das Hannya-Geisha-Tattoo erstreckt sich über seinen ganzen Rücken - Foto: L.S. Photography

  

STOL: Sie sind seit 2011 als Tattoo-Model „auf dem Markt“. Wie viele Shootings machen Sie?

Waldthaler: Das hat sich mit der Zeit verändert. Am Anfang habe ich jede Gelegenheit genutzt. Ich durfte neben kleineren Labels auch für Hugo Boss und Jaguar modeln, bin viel gereist, nach England, Spanien, Deutschland. Letztens war ich auf der Berliner Fashionweek zu Gast bei Michalsky Style-Nite. Noch vor einem Jahr hatte ich etwa ein Shooting pro Woche, aber es sind weniger geworden. Mittlerweile suche ich mir die Jobs aus, will vorwärts kommen. Manche Angebote wären eher ein Schritt zurück. Nebenbei betreue ich mit Christine Zimmer, die seit einigen Jahren meine Lebensgefährtin ist, die Agentur, und wir arbeiten am „Bunnyskull-Vodka“, einem Premium Vodka im Hochpreis-Segment mit Goldflocken.

STOL: Denken Sie, dass sich die Tattoo-Model-Szene halten wird?

Waldthaler: Auf jeden Fall. Wir sind gerade erst am Anfang. Tattoos werden immer gesellschaftsfähiger und immer mehr Leute haben welche – auch in Südtirol! Ich kenne Ärzte, Anwälte, Manager, die unter ihren edlen Anzügen den ganzen Arm tätowiert haben. Diese Entwicklung finde ich toll.

STOL: Viele Kritiker behaupten, Tattoos würden im fortgeschrittenen Alter nicht gut aussehen. Was sagen Sie dazu?

Waldthaler: Eine weise Person hat mal gesagt: Alte Haut schaut generell nicht schön aus. Da ist sie mit Tinte noch besser. Und das sehe ich auch so. Es gibt Tattoo-Models, die sind 70 Jahre alt und sehen toll aus. So lange will ich diesen Job aber nicht machen. Ich plane und bastle bereits an einer Zukunft nach meinem Leben als Tattoo-Model. Aber bis es soweit ist, genieße ich es in vollen Zügen.

Interview: Elisabeth Turker 

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Passend zum Thema: Am Samstag, 24. und Sonntag, 25. Oktober findet im Bozner Four Points by Sheraton die Passion Art Tattoo Convention statt.

stol