Nun soll vorerst Schluss mit dem Nomadenleben sein. Im Interview spricht das Paar, das sich 2002 in Indien kennengelernt hat, über die große Freiheit, die schönsten und auch die härtesten Erlebnisse und wie sie sich nun die Auszeit vom Reiseleben vorstellen. <BR /><BR /><b>Euer Reisemobil „Fidibus“ hat nun fast eine halbe Million Kilometer auf dem Buckel. Wo habt ihr „Fidibus“ aufgelesen und in welchen Ecken der Welt wart ihr denn damit schon unterwegs?</b><BR /><BR />Anne-Silja und Simon Winkler (fortan A. & S. Winkler): Wir haben uns 2002 in Indien kennengelernt. Anne-Silja arbeitete auf dem Subkontinent als Freiwillige, Simon wollte sie von Südtirol aus mit dem Motorrad abholen, hatte aber einen unverschuldeten Unfall im Vinschgau. Von dem Schmerzensgeld kaufte er sich im Jahre 2006 von einem Fliesenleger ein gebrauchtes Iveco-Transportfahrzeug mit 80.000 Kilometer auf dem Tacho. Mit dem Aus- und Umbau des Reisemobils begann Simon auf dem Apfelfeldern von Staben. Unsere erste Langzeitreise führte uns 2012 für 2 Jahre durch den Balkan, die Ukraine, Russland bis in die Mongolei und wieder zurück. Es folgten kleinere Touren in Europa, dann begann unsere nächste Familienreisezeit 2018: Erst Westeuropa bis Schottland und Portugal, dann ein halbes Jahr Marokko zum Lockdown 2020, weiter ging es über den Balkan, Griechenland, Türkei, Iran, Pakistan bis nach Südindien und Nepal und schließlich wieder zurück über Armenien und Georgien.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1057440_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum soll nun mit dem großen Abenteuer Schluss sein? Genug gesehen von der Welt?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Nie. Aber eine Pause ist jetzt nötig. Tatsächlich sind wir müde vom Abenteuer. Die vielen Eindrücke dürfen sacken. Somit starten wir starten in ein neues Abenteuer: Haus finden. Die Unruhe vom Reisen fordert ihren Ausgleich. Wir wollen tiefer in die Heimat tauchen, mehr Kontakt zur Familie und Dinge ausleben, auf die wir verzichtet haben: Kurse, Vereinsleben, Garten und Tiere, uns auch räumlich ausbreiten. Unser Fidibus ist eng geworden mit den Söhnen, die nun schon 16 und 10 Jahre alt sind. <BR /><BR /><b>Wie stellt ihr euch nun ein sesshaftes Leben vor?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Vermutlich passen wir in ein Reihenhaus einer Wohnsiedlung nicht mehr rein. Ideal wäre wohl ein alleinstehendes Einfamilienhaus am Waldrand und doch etwas in einer zentraleren Lage. Platz zum Werkeln und für Fahrzeuge, viel Grün und Familien in der Nachbarschaft für soziales Leben wären genial. Wir möchten ein neues Weltreisemobil ausbauen. Gerne Südtirol, es muss aber nicht zwingend Südtirol sein, uns sind die Nähe zu den Bergen und eine deutschsprachige Umgebung wichtig. Simon arbeitet wie in all den Jahren ohnehin ortsunabhängig als Technischer Zeichner bzw. Konstrukteur im Maschinenbau. Anne-Silja ist Hebamme und Heilpraktikerin und orientiert sich vor Ort. Noah ist 16 und möchte eine Schreinerlehre starten. Finn kann nun das Schulleben kennenlernen und sein Musikfaible vertiefen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1057443_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie haben euch die vielen Reiseeindrücke der vergangenen Jahre geprägt?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Wir haben gelernt, dass unsere westliche Wahrheit bzw. unsere Sichtweise nur ein kleiner Teil vom großen Kuchen ist. Wir haben die weißen Flecken auf der Landkarte mit Landschaften, Begegnungen und Erlebnissen gefüllt, zugleich haben wir Ängste und Vorurteile abgebaut. Wir haben über die Hilfsbereitschaft und das Interesse der Menschen gestaunt, wo immer wir auch waren. Unser Familienleben veränderte sich zu mehr Beziehung. Gemeinsam haben wir unterwegs Lösungen auf jegliche Schwierigkeiten gefunden, haben Flexibilität und Anpassung trainiert, Verständnis für Andersartigkeit und Dankbarkeit gewonnen. Wir haben gelernt, dass das Jetzt zählt, was wir als „inneren Reichtum“ bezeichnen. Letztlich sind wir freier, offener und unvoreingenommener geworden. <BR /><BR /><b>Was waren besondere Momente in den 3 vergangenen Jahren quer durch Asien und wieder zurück?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Es gab so viele schöne Momente, einmalige Begegnungen mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Überwintern mit vielen anderen Reisefamilien auf der Halbinsel Peleponnes am Strand unter Kiefern. Schwimmen mit Meeresschildkröten, Kappadokiens Tuffsteinlandschaft mit Höhlen und den bunten Heißluftballons zu Sonnenaufgang, die Gastfreundschaft der muslimischen Länder, die Ankunft am Geburtsort von Finn in Goa 10 Jahre später, die lachenden Menschen in Nepal und die abenteuerlichen Fahrten auf den krassen, unbefestigten Straßen auf dem Weg nach Mustang. Neben Kamelherden durch die iranische Wüste Lut fahren, die ländliche Umgebung Pakistans kennenlernen, von einer Polizeieskorte mit AK47-Sturmgewehren in Belutschistan beschützt werden und vieles mehr. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1057446_image" /></div> <BR /><b>Welche waren die schlimmsten und härtesten Erlebnisse?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Das waren oft die banalsten Dinge: einen ruhigen Schlafplatz finden, sauberes Wasser tanken und Müll entsorgen. Unser Fahrzeug haben wir oft ans Limit getrieben, wobei es hin und wieder den Mut brauchte, einfach umzudrehen. Schließlich ist das Reisemobil unser Haus und da ist auch die Verantwortung für die Kinder. Man muss sich auch an das Gefühl für Zeit anderer Kulturen gewöhnen, denn „bitte 5 Minuten warten“ kann schon mal 2 Tage dauern. Die Wechsel der Klimazonen zwischen Wüste, Tropen und Hochgebirge bringt körperlichen Stress mit sich. Dazu kommen politische Unruhen im Iran, ständige Pannen am Fahrzeug und entsprechende Reparaturen am Straßenrand. Ein Schock war der plötzliche Unfalltod unseres geliebten Familienhundes Blue in Pakistan. Im Hochgebirge des Himalayas litt unser 9-jähriger Sohn an der Höhenkrankheit, da mussten wir schnell handeln und die Höhe verlassen. In Lahore in Pakistan schwammen wir durch die Wassermassen des Monsunregens aus der Stadt heraus, danach fuhren wir durch einen halben Meter braune Suppe, wohlwissend, dass die Kanaldeckel fehlen. <BR /><BR /><b>Du meine Güte …</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Kurze Zeit später querten wir im Iran zur heißesten Zeit die weltweit heißeste Wüste im Iran – die Lut. Unser Kühlschrank gab den Geist auf, wir hatten nur Ventilatoren, aber keine Klimaanlage und besorgten uns vorsorglich einen Feuerlöscher. Wir erfrischten uns mit nassen Tüchern. Eine derartige Hitze macht einen völlig platt. In Asien hieß es grundsätzlich aufpassen wegen der Hitze, vor gefährlichen Tieren und dem vielen Müll. In Indien gab es kaum Privatsphäre. Wir fuhren durch viele Gebiete fernab von touristischen Zielen und kamen uns umringt von Menschentrauben oft wie Außerirdische vor. Das Essen dort ist echt scharf, und im Wirrwarr des Verkehrs braucht es kühlen Kopf. Mitten im Chaos, Gehupe und Gestank muss man natürlich auf die heiligen Kühe aufpassen. Trotzdem: Oft sind es gerade die anstrengendsten Momente, aus denen man gestärkt hervorgeht und die einem als „gute Abenteuer“ hängen bleiben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1057449_image" /></div> <BR /><b>Welche Tipps könnt ihr all jenen Leuten geben, die von einem ähnlichen Leben bzw. einer ähnlichen Auszeit träumen?</b><BR /><BR />A. & S. Winkler: Es braucht eigentlich nur den Mut, die Haustüre hinter sich zu schließen. Der Rest ergibt sich. Das Schwierigste ist bekanntlich das Loskommen, das Lösen vom Gewohnten. Man sollte einfach mit Vertrauen und Entdeckungslust den Aufbruch ins Unbekannte wagen. Leben im Reisemobil bzw. Vanlife bedingt Verzicht auf Komfort und tägliche Enge. Je nachdem, wie man das Homeschooling lebt, braucht es eine gute Organisation und Disziplin. Ganz generell empfanden wir es als herausfordernd, in vollständiger Selbstbestimmung zu leben, ohne jegliche vereinfachende Vorgaben von außen. Hilfreich sind ein Alltagsrhythmus, es braucht die nötige Disziplin im Umgang mit dem Internet, das Segen und Fluch zugleich ist. Unterm Strich war es für uns nicht Urlaub oder Auszeit, sondern ein Wechsel des Lebensstils. Es war anstrengend und fordernd, aber es hat sich gelohnt.