Freitag, 06. März 2015

Eklat beim ESC: "Es bleibt dieser unschöne Nachgeschmack"

Musiker Martin Perkmann weiß, was es heißt, bei einer Castingshow auszusteigen. Er kommentiert für STOL den umstrittenen Rückzieher von Rocksänger Andreas Kümmert als Teilnehmer Deutschlands am Eurovision Song Contest (ESC). "Ich kann ihn verstehen, aber auch seine Fans, die sich 'umigheb' fühlen", so Perkmann.

Martin Perkmann weiß, was es heißt, sich bei einem Contest zurückzunehmen. Foto: Siegrid Haller
Martin Perkmann weiß, was es heißt, sich bei einem Contest zurückzunehmen. Foto: Siegrid Haller

Die Fernsehzuschauer hatten den aus der Castingshow „The Voice“ bekannten Rocksänger Andreas Kümmert gewählt, um für Deutschland am ESC teilzunehmen. Doch dieser lehnte am Donnerstagabend live vor 3,2 Millionen ARD-Zuschauern ab (STOL hat berichtet). 

Zu Kümmerts Rückzieher gab es am Freitag in Internet-Foren enttäuschte und wütende Kommentare. Allerdings wurde dem Sänger aus Bayern auch Respekt für seine Entscheidung gezollt.

STOL hat sich gefragt, wie Martin Perkmann die Sache sieht. Immerhin hat der Südtiroler ähnliche Erfahrungen gemacht, als er 2002 als Finalist aus der österreichischen Castingshow "Starmania" ausstieg.

Südtirol Online: Was halten Sie davon, dass Andreas Kümmert ausgestiegen ist, nachdem er es so weit gebracht hat?

Martin Perkmann: Der Fall Andreas Kümmert ist schon ein ganz besonderer. Er wusste meiner Meinung nach einfach, was da abgehen würde. Er war ja bereits Sieger der Castingshow „The Voice of Germany“ und hat sich da schon ein Bild von diesem ganzen Zirkus machen können.

Auch damals hat er nach seinem Sieg schon einen Rückzieher gemacht und auf eine große Siegertour verzichtet. So gesehen wusste er worauf er sich hier zum wiederholten Mal einlässt.

Deshalb kann ich auch total verstehen, dass viele Zuseher und Fans sich jetzt betrogen und „umigheb“ fühlen. Natürlich kann es sein, dass Einem in einer derartigen Situation Alles über den Kopf wächst und die Gefühle die Überhand über das Leben nehmen, aber da Andreas Kümmert hier noch direkt in der Show seinen Rückzug bekannt gegeben hat, hatte er sich sein Vorhaben offensichtlich schon vor der Show überlegt und so gesehen bleibt eben dieser unschöne Nachgeschmack.

STOL: Halten junge Menschen dem Druck im Rampenlicht oft einfach nicht mehr stand?

Perkmann: Es ist sicher eine ganz andere Welt, in der sich dieser ganze Musikzirkus bewegt. Man ist plötzlich wichtig, man wird in den Himmel gehoben, man ist plötzlich mit dem ganzen Land befreundet und jeder will eine Scheibe von einem haben.

So eine Situation kann schon sehr spezielle Gefühle hervorrufen - vor allem, wenn man von einem Tag auf den anderen in diese Welt katapultiert wird. Nach Über zehn Jahren, in denen es Castingshows inzwischen gibt, weiß man aber in der Regel schon, worauf man sich einlässt. Und vor allem auch Andreas Kümmert … der ist erstens nicht mehr ganz so jung und zweitens hat er seine Showbusiness-Erfahrung schon gesammelt.

STOL: Ändert sich in der Einstellung zum eigenen „Projekt“ vielleicht auch etwas, wenn man mal hinter die Kulissen blickt?

Perkmann: Es muss sich sogar einiges ändern. Man muss sich nämlich bewusst sein, dass man sich hier zu 100 Prozent auf sein „Projekt“ einlassen muss. Oft wird behauptet, dass ein echter Musiker in dieser Glitzerwelt verloren sei. das ist nicht unbedingt ganz richtig …

Ein Musiker muss in dieser Welt eben über seinen eigenen Tellerrand hinausschauen. So gesehen kann es auch durchaus eine Chance sein, dieses „hinter den Kulissen“ kennenzulernen. Man muss dann für sich entdecken, wie man sich selbst da positioniert.

STOL: Muss man schön, gut und begehrt sein, um es bei einem Finale zu schaffen?

Perkmann: Muss man nicht. Man muss interessant sein, denn am Ende ist jedes Fernsehformat eine Unterhaltungsshow, in dem der TV-Sender unterhalten will und das Publikum unterhalten werden will.

Darum geht’s. Nicht mehr und nicht weniger. Ein gewisses Maß an „gut“ ist natürlich Voraussetzung in einer Musikshow, aber man kann zum Beispiel mit „schön“ sicher mangelndes „gut“ ausgleichen. Hauptsache es gibt immer wieder auch mal gute Geschichten, die sich die Leute am Tag nach der Show im Klassenzimmer, im Hörsaal, im Büro und in der Bar gegenseitig erzählen wollen.

stol/ker

stol