<b>16 Jahre standen Sie als Direktorin an der Spitze des Maria-Hueber-Gymnasiums. Ein Abschied mit lachendem und weinendem Auge?</b><BR />Heidi Hintner: Ein Abschied in Würde und mit viel Genugtuung: Schulen sind ein Teil von Gesellschaft. Ich habe in den letzten 16 Jahren das Maria-Hueber-Gymnasium geleitet und gestaltet; nun geht eine Ära zu Ende. Mit viel Einsatz, Verve, Enthusiasmus und hoher Professionalität habe ich aus dem Pädagogischen Gymnasium das unverwechselbare Maria-Hueber-Gymnasium gemacht. Mit einem klaren Profil: Mädchenförderung, Begabungsentwicklung, qualitätvolle Arbeit – projektorientiert, interdisziplinär, inklusiv. Vor mir war Schwester Klara Rieder Direktorin: Wir sind ein starkes Duo, waren im Schulgeschehen am Maria-Hueber-Gymnasium 31 Jahre lang ein verlässlicher Anker.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66329166_quote" /><BR /><BR /><b>Was war die größte Herausforderung in all den Jahren?</b><BR />Hintner: Die Schule gut durch die Pandemie zu leiten sowie die Digitalisierung und Inklusion waren und sind großen Aufgaben. Ich habe sehr gerne am Maria-Hueber-Gymnasium gearbeitet; ein paar komplexe und schwierige personelle Entscheidungen im Kollegium waren auch herausfordernd. Auf übergeordneter Ebene war es entscheidend, dass ich professionell, souverän und klar geführt habe. <BR /><BR /><b> Würden Sie wieder den Beruf der Lehrerin bzw. Direktorin ergreifen? Was hat Ihnen besonders gut gefallen? </b><BR />Hintner: Das Unterrichten und Schule-Leiten hat mir immer viel Freude bereitet und bedeutet mir viel; ich konnte individuell fördern, kreativ und abwechslungsreich gestalten. Besonders befriedigend war es, Schülerinnen und Schüler intensiv in ihrem Lernweg zu begleiten und intellektuelle Neugierde zu wecken. Als Direktorin habe ich die pädagogische Strategie der Schule vorgegeben und mit meinem Kollegium zur Professionalisierung der Schule beigetragen. Gerne habe ich die Schule mit anderen Partnern im In- und Ausland (Schulen, Universitäten, Institutionen, Organisationen) vernetzt; dadurch konnte ich neue und innovative Möglichkeiten für Kooperationen und Projekte schaffen, die den Unterricht bereichern und beleben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66329167_quote" /><BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für die Schule in Südtirol? </b><BR />Hintner: Die Schule der Zukunft wird digitaler, individueller und vernetzter sein; Jugendliche sind auf eine unvorhersehbare, unsichere und komplexe Welt vorzubereiten. Dafür braucht es auch strukturelle Veränderungen im Bildungssystem. Schülerinnen und Schüler müssen gut ausgebildet werden, damit sie in der immer komplexer werdenden Welt zurechtkommen. Vor allem analytische Fähigkeiten, Flexibilität, emotionale Intelligenz, Kreativität und intellektuelle Neugierde sind zu fördern, denke ich. Und dann kommen die praktischen Anwendungskompetenzen im Umgang mit KI-Tools noch dazu wie z.B. die Promptkompetenz. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067406_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie sind auch Feministin. Wie kam es dazu? </b><BR />Hintner: Heute gibt es ein breites Spektrum vielfältiger feministischer Strömungen mit unterschiedlichen Ansätzen und Perspektiven. Durch die Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten und der Rolle von Frauen in gesellschaftlichen, kirchlichen und staatlichen Strukturen wurde meine feministische Perspektive geformt. Feminismus ist eine soziale und politische Bewegung, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte von Frauen einsetzt. Frauen engagieren sich aus verschiedenen Gründen für den Feminismus, die tief in der Geschichte und den sozialen Strukturen verwurzelt sind; für mich sind Gerechtigkeit, Emanzipation, Befreiung und Freiheit, Würde, Gleichheit, gutes Leben für alle wichtig. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66329168_quote" /><BR /><BR /><b>Wie würden Sie Menschen, die antifeministisch eingestellt sind, versuchen, von Ihren Werten zu überzeugen? </b><BR />Hintner: Durch Bildung und Aufklärung. Antifeminismus ist leider weit verbreitet und tritt oft in Verbindung mit anderen Formen der Diskriminierung wie Rassismus und Antisemitismus auf. Antifeministen wollen den Fortschritt bei der Gleichstellung aufhalten, die traditionellen Geschlechterrollen wiederherstellen und Angst schüren. Sie sehen Feminismus als Bedrohung und Ideologie, obwohl es in Wirklichkeit darum geht, Frauen und marginalisierte Gruppen zu stärken und eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Mögliche Strategien: Wissen vermitteln, Fakten, Zahlen, Statistiken kennen und vorstellen (Lohnungleichheit, Gewalt usw.), Ungleichheiten aufzeigen. Informieren, sensibilisieren und klar argumentieren – und das auf verschiedenen Ebenen, immer und immer wieder. Es braucht viel Ausdauer und einen langen Atem. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66329169_quote" /><BR /><BR /><b>Wie steht es aktuell um Gleichberechtigung und Feminismus in Südtirol? </b><BR />Hintner: Es gibt noch viel zu tun, in allen Bereichen. Zentral für mich ist nach wie vor der Kampf gegen Gewalt an Frauen, die Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen und die Bekämpfung der Lohnungleichheit. Die Frauenrechte stehen auf der Kippe; Frausein allein genügt nicht; es braucht Politikerinnen und Politiker, die sich aktiv, mutig und engagiert für Frauenrechte einsetzen. Um positive, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, braucht es kontinuierlichen Einsatz und Initiativen wie den Gleichstellungsaktionsplan Südtirol 2023-2028 „Aequitas“ oder „No Woman No Panel“.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067409_image" /></div> <BR /><BR /><b> Welche Rolle spielt finanzielle Unabhängigkeit? </b><BR />Hintner: Meine Großmütter mütterlicher- und väterlicherseits haben mich bereits auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Finanzielle Unabhängigkeit ist ein erstrebenswertes Ziel, das nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch persönliche Freiheit und Lebensqualität fördert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66329310_quote" /><BR /><BR /><b>Sie engagieren sich auch bei Alchemilla, bei Tanna und beim Frauenkollektiv „Frauenmarsch“ und sind im Landesbeirat für Chancengleichheit vertreten. Wie wichtig sind solche Initiativen? </b><BR />Hintner: Sehr wichtig! Durch die publizistische Kulturarbeit kann ich feministische Perspektiven sichtbar machen und Gedanken zu Themen von hartnäckiger Aktualität formulieren. Im Sommer habe ich am Alchemilla Frauenkalender 2025, der im Herbst erscheint, gearbeitet. Neben meiner intellektuellen Arbeit finde ich auch politische Aktionen wichtig: Am 5. Oktober findet der nächste Frauenmarsch in Bozen statt. Femizide sind keine individuellen Taten; sie sind Ausdruck eines tieferliegenden männlichen Problems von Besitzansprüchen und patriarchaler Kontrolle. Kollektive Aktionen und Solidarität sind entscheidend, um Gewalt zu bekämpfen und die Rechte von Frauen zu stärken.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067412_image" /></div> <BR /><b> Lesen haben Sie in einem Interview als eine Ihrer Leidenschaften bezeichnet. Was ist Ihre liebste Lektüre? </b><BR />Hintner: Ich lese gerne anspruchsvolle Belletristik, Literatur in deutscher, italienischer und englischer Sprache; ich mag Lyrik, Essays, Romane, Biografien, Philosophie und auch Sachbücher. Ich habe viele Lieblingsautorinnen z.B. Sofi Oksanen, Clarice Lispector, Rose Ausländer, Hannah Arendt, Iris Murdoch, Chimamanda Ngozi Adichie, Michela Murgia. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66329311_quote" /><BR /><BR /><b>Was haben Sie jetzt vor?</b><BR />Zeit für Neues, alles offen! Ich lasse mir Zeit, das Richtige zu finden. <BR /><BR /><b> Was würden Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?</b><BR />Hintner: Danke für die Frage. Viele werden sich wundern: Meine Nachfolgerin ist ein Nachfolger. Die Provinzleitung der Tertiarschwestern hat nach einer jahrzehntelangen Phase weiblicher Führung nun erstmals einen Mann an die Spitze eines vorwiegend von Mädchen besuchten Gymnasiums ernannt. Die Reaktionen darauf werden vielfältig sein und sowohl Unterstützung als auch Kritik hervorrufen. Ich wünsche meinem Nachfolger Klugheit, Weisheit, Enthusiasmus für die Schule, echtes Bildungsinteresse für Mädchen und Buben und Gestaltungskraft im Sinne von Maria Hueber.