Im Interview wird deutlich, was den Lebenskünstler antreibt und wie befreiend es sein kann, jegliche Konventionen zu ignorieren.<BR /><BR /><b>Die unzähligen Bände in verschiedenen Zimmern Ihres Hotels lassen gleich den Schluss zu, dass Sie ein Bücherfreak sind. Wie stark ist die Faszination für Bücher tatsächlich ausgeprägt?</b><BR />Florian Gartner: Lesen ist für mich in erster Linie Entspannung. Ich kann dabei in andere Welten abtauchen, und das tut mir unheimlich gut. Es verhält sich so, wie wenn man durch die berühmte Tür geht bzw. in den Schrank steigt und sich dann in einem Fantasiereich wiederfindet. Das gibt mir Ruhe und einen intellektuellen Ausgleich. Dazu kommt die Liebe zur Sprache. Während des Lesens notiere ich Sätze und Wortprägungen, die mich inspirieren.<BR /><BR /><b>Wie umfangreich ist denn diese aus Büchern bestehende Parallelwelt?</b><BR />Gartner: Im Laufe der Jahre hat sich so einiges angesammelt. Hier im Hotel sind es zwischen 3000 bis 4000 Bücher. Dabei handelt es sich vorwiegend um Bildbände aus allen möglichen Themenbereichen, etwa Mode, Reisen, Musik und Kunst. Sie sind in mehreren Zimmern allen Gästen zugänglich, sie sollen darin nach Lust und Laune blättern können. Dazu kommen an die 7000 Romane in unseren privaten Gemäuern. Wir sind eingemietet in einem umgebauten Pferdestall im Schloss Rubein in Obermais, dort gibt es genug Platz für Bücherwände. Geordnet sind sie nach Genres: Klassiker, zeitgenössische Literatur, Thriller & Krimis, aber auch viele Comics. Macht also in Summe mehr als 10.000 Exemplare aus. <BR /><BR /><b>Woher nehmen Sie die Zeit, all das zu lesen?</b><BR />Gartner: In der Zimmerstunde und am Abend. Ohne die allabendliche Lektüre könnte ich nie einschlafen. Und so kommen über den Daumen gepeilt eben 100 Exemplare im Jahr zusammen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1148982_image" /></div> <BR /><b>Wie wäre es mit 3 Tipps unter diesen letzten 100 Büchern? Sozusagen als Empfehlung für unsere interessierten Leser von der Leseratte Florian Gartner …</b><BR />Gartner: Sehr gerne! Erst gestern (Anm. d. Red.: am vergangenen Montag) habe ich mir den neuen Roman „Die Schule der Macht“ von Karl Ove Knausgård besorgt. Mir imponiert seine großartige Sprache und mit welcher Radikalität er die Dinge schildert. Dann finde ich die verschachtelten Kriminalromane des Schweizers Joël Dicker sehr spannend. Und als dritten Tipp nenne ich den Franzosen Édouard Louis. Zugegebenermaßen ist das schwere Kost, es geht um Zerrissenheit und menschliche Abgründe, aber es ist ebenso hervorragende Lektüre. Beim Lesen bin ich Gourmet und Gourmand gleichermaßen. Ich habe auch die Mickey-Mouse-Bücher meiner Kinder gelesen, die damals nur den Kopf geschüttelt haben.<BR /><BR /><b>Wie aber entwickelt ein Hotelier eine derartige Passion für die Literatur?</b><BR />Gartner: Eigentlich war diese Neigung schon immer da, seit Kindesbeinen an. Ich wollte ursprünglich auch Germanistik, Philosophie oder Kunstgeschichte studieren, doch mein Vater, ein Anwalt, war der Ansicht, das sei brotlose Kunst. Meinen Eltern zuliebe habe ich Jus studiert und auch durchgezogen, aber gefreut hat mich dieses trockene Fach nie. Das war einfach nie meine Welt, ich war ja schon immer kreativ, neugierig und ein Lebemensch. <BR /><BR /><b>Somit dürfte sich die Möglichkeit, nach Studienabschluss kurzfristig als Journalist zu arbeiten, als Ausweg erwiesen haben, oder?</b><BR />Gartner: Das ist richtig, in den 1990er-Jahren habe ich für 2 Jahre in der Vinschger Bezirksredaktion der „Dolomiten“ gearbeitet, dann haben wir geheiratet und auf unserer Hochzeitsreise fassten wir den Entschluss, das elterliche Hotel übernehmen zu wollen. Allerdings hatten wir nicht die geringste Ahnung von der Hotellerie. Was macht man dann? Man lernt dieses Gewerbe von der Pike auf. Allerdings waren damals nicht nur unsere Eltern fassungslos und haben entgeistert mit dem Kopf geschüttelt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1148985_image" /></div> <BR /><b>Inwiefern? Was habt ihr gemacht?</b><BR />Gartner: Unser Plan bestand darin, für ein Jahr in einem Hotel unentgeltlich zu arbeiten und auf diese Weise alle Bereiche von Grund auf kennenzulernen. Im Gegenzug wollten wir von den jeweiligen Bereichsleitern detaillierte Auskünfte über alles Wissenswerte bekommen. Hier in Südtirol wollte uns niemand haben, den Hoteliers schien es einfach nicht geheuer zu sein, sich zwei Akademiker ins Haus zu holen, die gratis abspülen, servieren und die Koffer tragen wollen. <BR /><BR /><b>In der Tat ist es eine ungewöhnliche, beinahe suspekte Vorgehensweise, oder?</b><BR />Gartner: Womöglich dachten sich tatsächlich einige, wir wollen Betriebsspionage betreiben. Jedenfalls konnten wir unser Vorhaben in Kitzbühel umsetzen, im 5-Sterne-Haus „Weißes Rössl“. Meine Frau war im Service tätig, ich in der Küche als Abspüler, nach und nach haben wir alle notwendigen Bereiche verinnerlicht. Dass man uns als verrückt bezeichnete, war uns egal. <BR /><BR /><b>Und danach habt ihr das Hotel Gartner übernommen und nach euren Vorstellungen umgestaltet?</b><BR />Gartner: Das war im Jahr 1995, also 30 Jahre her. Von Anfang an war die Idee, daraus eine Begegnungsstätte mit familiärem Flair zu machen. Im Feintuning haben wir unser Haus mit Design, Kunst, Musik, Literatur und natürlich kulinarischen Querverbindungen angereichert, an diesem Konzept bauen wir beständig weiter. Im vorigen Jahr kam die Veranstaltung „Festi-Wahl“ neu dazu. <BR /><BR /><b>Lesungen mit bekannten deutschsprachigen Autoren in einem Hotel, wie kam es dazu?</b><BR />Gartner: Mich hat diese Idee gereizt, also habe ich mich einfach drangemacht. Zunächst sicherlich blauäugig, denn ich habe einfach bei Verlagen angerufen, ohne irgendeine Ahnung von irgendwas zu haben. So etwa auch in Hamburg bei der Agentur von Daniel Kehlmann, der normalerweise Lesungen mit bis zu 5000 Zuhörern hält. Und dann kommt ein völlig unbekannter Hotelier aus Südtirol daher, der einfach nicht locker lässt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1148988_image" /></div> <BR /><b>Hat sich die Hartnäckigkeit ausgezahlt?</b><BR />Gartner: Das kann man so sagen, denn er fand das Vorhaben originell und zählte zu den Autoren der ersten Ausgabe des „Festi-Wahl“ im vergangenen Frühling. Unterm Strich war ich überrascht, wie groß das Interesse vonseiten der Südtiroler für die Autorenlesungen war, denn es waren alle ausverkauft. <BR /><BR /><b>Und mit den Erlösen aus den Eintrittsgeldern wird das Obdachlosen-Quartier „Dormizil“ in Bozen unterstützt. Warum?</b><BR />Gartner: Es war nie meine Absicht, mit dem „Festi-Wahl“ ein Geschäft zu machen. Seit mehreren Jahren mache ich Frühstücksdienste für das „Dormizil“, mich beeindrucken die Schicksale der dort betreuten Menschen und so spenden wir den Großteil der Eintrittsgelder. Mir geht es beim „Festi-Wahl“ um eine Horizonterweiterung, interessante Begegnungen und sicherlich auch ums Prestige fürs Haus. <BR /><BR /><b>Ein weiteres Markenzeichen ist Ihre Musikleidenschaft, die Sie hier ebenso recht unverblümt ausleben ...</b><BR />Gartner: Ja, die Musik war immer schon ein fester Bestandteil meiner Lebenseinstellung. Noch heute besuche ich gerne zusammen mit meiner Frau Konzerte aller Art – das Spektrum reicht von Hiphop über Rock und Punk. Für unsere Gäste habe ich Spotify-Listen erstellt, außerdem mache ich vom Büro aus den DJ, indem ich Sound passend zum Frühstück oder zum Abendessen serviere. Automatisch kommt man so mit vielen Gästen ins Gespräch, ähnlich wie bei den Büchern oder durch meinen Satire-Blog „Flötschman“. Das ist weitaus interessanter als bloß übers Wetter zu reden.<BR /><BR /><BR /><b>Wie kamen Sie zum Übernamen Flötsch?</b><BR />Gartner: Das reicht bis zur 1. Klasse Oberschule im Bozner Franziskanergymnasium zurück. Ich kannte niemanden. Ein Bursche kam herein, setzte sich neben mich hin und meinte einfach: Du bist der Flötsch. Es war Dieter Steger.<BR /><BR /><b>Nun ist auch einer eurer beiden Töchter eingestiegen. Wie teilt ihr euch die Aufgaben ein?</b><BR />Gartner: Ja, wir waren angenehm überrascht, dass Greta nach ihrem Tourismus- und Eventmanagementstudiums tatsächlich hier im Hotel mitarbeiten möchte. Ansonsten ist es so, dass meine Frau Barbara sich vor allem um Verwaltung und Organisation kümmert. Sie ist die Vernunft, ich bin halt der kreative Typ, der nicht mit Geld umgehen kann.