<b>von Martina Hofer</b><BR /><BR />Der Weihnachtsbaum, er steht schon feierlich geschmückt im Wohnzimmer von Familie Achammer in Mühlbach. Am Dienstag wird das Christkindl hier seine Geschenke ablegen – ein „Paktl“ aber soll ungeöffnet weiterreisen. Der Karton mit „etwas zum Kuscheln und etwas zum Anschauen“ ist nämlich für ein kleines Mädchen in Afrika bestimmt, ihre künftige Tochter – nicht im Bauch gewachsen, aber im Herzen.<BR /><BR /><b>Frau Uibo, Herr Achammer, es wird heuer das letzte Weihnachten zu dritt sein. Was fühlen Sie, wenn Sie an das neue Jahr 2025 denken?</b> Philipp Achammer: Wir sind aufgeregt und voller Vorfreude. Im Februar dürfen wir als Familie nämlich ein großes Abenteuer antreten und ein Mädchen aus internationaler Adoption adoptieren.<BR /><BR /><b>Sie sind bereits Eltern eines vierjährigen Sohnes. Wann reifte der Entschluss, die Familie auf diese Weise zu vergrößern?</b><BR />Nicole Uibo: Den Gedanken, einem Kind ohne Familie ein Zuhause zu geben, fand ich schon als 18-Jährige schön, doch dann kam das Leben dazwischen. Mit Paul Anton aber holte mich das Thema wieder ein und wir waren uns recht bald einig: Wenn noch ein weiteres Kind, dann adoptieren wir eines. <BR /><BR />Achammer: Bereits vor Paul Anton hatten wir bekanntermaßen ja den Verlust eines Mädchens zu verarbeiten und schon damals stand das Thema Adoption im Raum. Und schon damals fand ich es eine schöne Möglichkeit, der ich offen gegenüber stand.<BR /><BR /><b>Eine Adoption ist eine Lebensaufgabe. Mit welchem Respekt begegnen Sie dieser Herausforderung?</b><BR />Achammer: Man hat auf dem Weg immer Momente des Zweifels, und es braucht Mut, doch jedes Kind hat das Recht auf Eltern und auf eine Chance im Leben. Darum beschlossen wir vor zwei Jahren, es zu versuchen.<BR /><BR /><b>Wie aufwendig ist so ein Prozedere einer Adoption?</b><BR /> Uibo: Man wird schon sehr genau „durchleuchtet“. <i>(lacht)</i> Alles startet mit einem kostenlosen Infokurs über drei Wochenenden, dann nimmt man an einer Paarstudie teil. Dort werden gemeinsam mit einer Psychologin und einer Sozialarbeiterin sehr, sehr viele Gespräche geführt. Doch es war für uns eine wunderschöne Zeit. Wir sind gern hingegangen, da wir viel über uns selbst und über uns als Paar gelernt haben. <BR /><BR />Achammer: Ja, denn wer nimmt sich sonst schon siebenmal drei Stunden Zeit, um über Beziehung und Familie zu reden.<BR /><BR /><b>In Südtirol werden im Jahr circa zwei bis fünf Kinder zur Adoption freigegeben. War ein hiesiges Kind nie eine Option für Sie?</b><BR />Achammer: Sicher, doch für Paare, die bereits leibliche Kinder haben, ist es so gut wie unmöglich, ein Kind von hier zu adoptieren. Überhaupt hat sich die Gesetzgebung in Italien, aber auch weltweit, dahingehend entwickelt, dass der Kontakt zur Ursprungsfamilie so lange als möglich erhalten bleiben soll. In Italien etwa gibt es heute die „offene Adoption“. Adoptiveltern sind dann zwar rechtlich Eltern, aber der Kontakt zur Ursprungsfamilie bleibt aufrecht. In unserem Fall aber gibt es keinen Kontakt zur Ursprungsfamilie. Erst mit der Volljährigkeit hat das Kind die Möglichkeit, die Akten einzusehen. <BR /><BR /><b>Sie haben sich für ein Kind aus Afrika entschieden. Warum?</b><BR />Uibo: Ein Adoptivkind muss laut Gesetz jünger sein als das eigene. Somit blieben für uns nicht mehr so viele Länder übrig für eine internationale Adoption. <BR /><BR />Achammer: Vor 15 Jahren konnte man noch Säuglinge etwa aus Südamerika adoptieren, heute tendieren Staaten dazu, Neugeborene zuerst national freizugeben. Das verknappt die Verfügbarkeiten für internationale Adoptionen und erhöht die Wartezeiten. Wir haben etwa Kontakt zu einer Familie mit einem Adoptivkind aus Indien, die haben drei Jahre gewartet. Für uns hätte das bedeutet, erst in vier bis fünf Jahren zu adoptieren, so lange wollten wir nicht warten.<BR /><BR /><b>Wann kam die Zusage, dass der Traum endlich Hand und Fuß und der Wunsch ein Gesichtchen hat?</b><BR />Uibo: Wir haben uns im Juni auf die Liste dieses Landes – das wir nicht öffentlich nennen möchten – setzen lassen, im Oktober bekamen wir die Information, dass ein Mädchen, zwei Jahre jünger als Paul Anton, adoptiert werden könnte. <BR /><b><BR />Darf man im Vorfeld Präferenzen abgeben, etwa bezüglich Geschlecht?</b><BR />Achammer: Nein, man bekommt dieses Kind vermittelt und kann dann annehmen oder nicht. Bei einer Absage aber wird es wahrscheinlich schwierig, noch einmal auf die Liste des Landes zu kommen, was auch verständlich ist.<BR /><BR /><b>Sie haben im Oktober schließlich zugestimmt. Mit welchem Gefühl?</b><BR />Uibo: Mit ganz viel Freude, aber auch Respekt. <BR /><BR />Achammer:Man spürt die Verpflichtung, andererseits kommt einem jeder Tag zu lange vor, wo das Kind irgendwo anders ist. Man möchte es so schnell wie möglich bei sich haben. <BR /><b><BR />Was wissen Sie über Ihre künftige Tochter?</b><BR />Uibo: Bis auf ein paar Fotos, wissen wir nicht viel. <BR /><BR />Achammer: Je nach Land ist die Informationslage leider recht unterschiedlich. Aus sehr armen Ländern bekommt man oft nicht einmal anagrafische Daten, alle Kinder sind am 1. 1. geboren. Auch unser Mädchen hat nur ein geschätztes Geburtsdatum, über ihre Herkunft oder ihre Eltern gibt es gar keine Auskünfte. <BR /><BR /><b>Wer stand Ihnen bei der Suche nach einem Kind zur Seite?</b><BR />Achammer: In Italien gibt es um die 60 zertifizierte Vermittlungsagenturen, zwei davon haben eine Außenstelle in Bozen. Wir haben uns für die größere entschieden, einfach weil das Spektrum an Ländern breiter war. Und auch hier mussten wir wiederum viele Kurse besuchen, um bestmöglich vorbereitet zu sein. <BR /><BR /><b>Adoptivkinder haben eine Geschichte vor der Adoption. Sorgt Sie diese Angst vor möglichen Traumata?</b><BR />Uibo: Natürlich wird das eine Herausforderung, das ist uns bewusst. Man weiß nicht, was das Kind schon erlebt hat, wir glauben aber fest daran, mit Liebe und Einfühlungsvermögen wieder vieles gutmachen zu können.<BR /><BR />Achammer: Und wir werden uns auch, wenn notwendig, Unterstützung holen, zudem sind wir im Austausch mit zahlreichen anderen Adoptiveltern, dies hilft sehr.<BR /><BR />Uibo: Wir vertrauen irgendwo auch dem Schicksal, denn wir wissen nicht, was kommt. Wir gehen bald auf ein Kind zu, das aus einem ganz anderen Kulturkreis kommt, das zum ersten Mal in ein Auto oder Flugzeug steigen wird, das den ersten Winter erlebt. Aber wir glauben fest daran, es schaffen zu können, wie es schon viele vor uns geschafft haben. <BR /><BR /><b>Wie geht Ihr Sohn mit der Tatsache um, bald großer Bruder zu sein?</b> Uibo: Paul Anton ist ein sehr emphatischer, sensibler, einfühlsamer und für andere sorgender Junge, und er redet ganz viel von ihr, auch im Kindergarten. Er richtet schon her und überlegt, wie gewisse Situationen funktionieren könnten. <BR /><BR />Achammer: Wir haben immer offen mit ihm gesprochen und zu Beginn auch aktiv gefragt, ob er sich vorstellen könnte, ein Kind, das keine Eltern mehr hat oder uns als neue Eltern kriegt, bei uns zu haben. Er meinte: „Ja, wir haben doch Platz.“ Momentan ist die Situation für uns einfach sehr aufregend, aber klarerweise wird es eine große Umstellung auch für ihn, wir müssen alles neu sortieren.<BR /><BR /><b>Sie werden im Februar mit Paul Anton nach Afrika reisen. Wie lange wird es in etwa dauern, bis Sie das Mädchen mit nach Hause nehmen können?</b><BR />Uibo: Voraussichtlich nur wenige Wochen, das ist vergleichsweise recht kurz, denn in Staaten wie Paraguay oder Kolumbien sind es mehrere Monate, in Kenia beträgt die Kennenlernphase sogar ein Dreivierteljahr.<BR /><BR /><b>Was wissen Sie selbst bisher über das Land Ihrer künftigen Tochter?</b><BR />Uibo: Anfangs mussten wir erst einmal eine Landkarte studieren. <BR /><BR />Achammer: Mittlerweile aber haben wir sehr viel gelesen und gefühlt jede Dokumentation über das Land gesehen, die es online gibt. Die Zustände dort machen schon manchmal sprachlos, trotzdem hat man einfach viel Respekt vor dem Land, das einem ein Kind schenkt. Man wird ein Leben lang damit verbunden bleiben. <BR /><BR />Uibo: Philipp ist zur Hochform aufgelaufen, hat auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mit Menschen vor Ort oder der Mission Kontakte zu knüpfen. <i>(lacht)</i><BR /><BR />Achammer: Ich habe tatsächlich einige gefunden, etwa eine Österreicherin, die dort verheiratet ist. Es werden also ein paar Leute warten, wenn wir ankommen, das ist beruhigend zu wissen. <BR /><BR /><b>Lernen Sie bereits die Sprache des Mädchens?</b><BR />Achammer: Es gibt zwar eine offizielle Amtssprache, aber das ist gewiss nicht jene, die das Kind spricht. Wir werden also schauen, vor Ort die etwa 20 wichtigsten Wörter zu lernen, und vertrauen darauf, mit Händen und Füßen, Gesten und Berührungen zu kommunizieren … Ich muss zugeben: Je mehr man ins Detail geht, umso mulmiger wird einem selbst. <BR /><BR />Uibo: Ich denke aber, dass Paul Anton uns da sehr hilft, denn Kinder untereinander kommunizieren ganz anders und sind oft mehr eine Vertrauensperson als wir Erwachsene. <BR /><BR /><b>Wie groß ist die Angst, ein „fremdes“ Kind nie so lieben zu können wie das eigene?</b><BR />Uibo: Es war für uns nie Thema, ob das jetzt ein biologisches Kind ist oder nicht; aber ich würde lügen, wenn ich sage, ich hätte mir die Frage nie gestellt. Der Prozess, den man aber durchlebt, ist ein bisschen wie eine Schwangerschaft. Man bereitet sich lange vor – und Zweifel weichen der freudigen Erwartung.<BR /><BR />Achammer: Man freut sich über jede gut gegangene Gerichtsverhandlung wie über eine Voruntersuchung, über jeden Zettel wie über ein Ultraschallbild. Und es sind viele Zettel. Man muss Dokumente hundertfach beglaubigen, übersetzen, Paragrafen lesen. Der Aufwand ist enorm, aber das Ziel vor Augen erleichtert das Ganze. <BR /><BR /><b>Geht alles gut, ist das Mädchen im März bei euch. Gibt es dann Elternzeit?</b><BR />Uibo: Ich bin dann in Mutterschaft wie bei einem biologischen Kind auch und finde es gerechtfertigt, denn das Kind muss ankommen können und verstehen, dass es jetzt hierher gehört. <BR /><BR /><b>Ist das Zimmer schon eingerichtet?</b><BR />Uibo: Wir lassen uns damit noch Zeit, weil wir nicht wissen, was das Mädchen braucht, wünscht und wie viel Nähe es zulassen kann.<BR /><BR />Achammer: Aber Mädchenkleidung haben wir schon (<i>lacht</i>). <BR /><BR />Uibo: Ja, Mädchenkleidung zu kaufen, war schon ein besonderer Moment, auf den ich jahrelang „geglustet“ habe. <BR /><BR />Achammer: Auch ein Junge wäre für uns eine große Freude gewesen, aber nach dem Verlust unseres Mädchens ist es jetzt natürlich eine schöne Fügung. <BR /><BR /><b>Welchen Namen hat das Mädchen?</b><BR />Achammer: Das möchten wir nicht verraten, da wir das Mädchen, ähnlich wie Paul Anton, nicht ins eigene Schaufenster stellen wollen – auch weil wir selbst noch nicht wissen, was uns erwartet. Doch es hat einen wunderschönen Namen und wird diesen auch beibehalten. <BR /><BR />W<b>ie hat Ihr Umfeld auf Ihr Wagnis reagiert?</b><BR />Uibo: Am öftesten hörte ich wohl den Satz: „Das passt zu euch.“ <BR /><BR />Achammer: Ja, weil wir beide sehr soziale Menschen sind. In unserem engeren Umfeld, auch am Arbeitsplatz oder im Landtag, weiß man schon länger darüber Bescheid, weil wir ja eine Zeit weg sein werden. Interessant ist: Viele zollen uns Respekt, sagen auch, sie hätten sich selbst eine Adoption vorstellen können, aber sich nicht getraut. <BR /><BR /><b>Worauf freuen Sie sich, wenn Sie an die kommenden Monate denken?</b><BR />Uibo: Auf den Alltag zu viert und die spannenden Erlebnisse, die in Afrika auf uns zukommen, sie werden uns ein Leben lang prägen. <BR /><BR />Achammer: Nicole war Miss Südtirol, und auch ich habe schon viel erlebt, doch es gibt wohl kein größeres menschliches Abenteuer, das man wagen kann – und darauf freuen wir uns.