<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />Eins, zwei, drei. Fast jeden Morgen kann Julia Kofler vom Küchentisch aus die Mufflons im Wald zählen. In Momenten wie diesen fühlt sie ihre Herkunft intensiv, war ihr Großvater doch einst Förster. Aber auch Omas Zirbenholzkommode im Gang erinnert mit ihrem harzigen Geruch an daheim, ebenso der wohlige Kachelofen in der Stube, die Kornblumen im Bauerngarten oder die Herzchengardinen im Schlafzimmer. Dabei wohnt die 46-jährige Kulturmanagerin bereits seit 23 Jahren nicht mehr in Südtirol – jedoch immer noch ihren Tiroler Traum, und zwar im belgischen Ardennen-Gebirge. Beschrieben wird das dünn besiedelte Gebiet im Internet fast wie ein hiesiger Urlaubsort: bewaldete Hänge, Flusstäler und malerische Dörfer. „Nur das Wetter, das ist für Südtiroler Verhältnisse ganz schön nordisch“, erzählt Ju<?TrVer> lia Kofler am Telefon. <BR /><BR />Sie hat es sich auf dem Sofa in ihrem schmucken Heim gemütlich gemacht. Seit 2021 wohnt sie in dem etwa 1,5 Autostunden von Brüssel entfernten Haus und hat es mittlerweile mustergültig in Eigenregie ausgebaut.<BR /><BR />Jedoch nicht zu einem belgischen Landhaus, sondern zu einer fast kitschigen Tiroler Berghütte – inklusive getäfelter Stube mit Eckbank, Jagdtrophäen an der Wand und karierter Bettwäsche. Vor wenigen Jahren hat Kofler sogar Ziehharmonika spielen gelernt, kocht Knödel und „Plentn“ für ihren französischen Mann und spricht mit ihren beiden Kindern Oskar (11) und Romy (9) nur Dialekt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151730_image" /></div> <BR />„Meine Freundinnen aus Brüssel erklären mich regelmäßig für verrückt, und ich verstehe das auch. Hätte ich keine Kinder, wäre ich bestimmt irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Als Mutter aber fühle ich meine Südtiroler Wurzeln gerade hier im Ausland noch viel stärker und möchte meinen Kindern darum die Kultur und Lebensweise weitergeben, mit der ich aufgewachsen bin“, sagt Ju<?TrVer> lia Kofler entschieden. <BR /><BR />Das Besondere daran: Recht heimatverbunden war die Etschtalerin eigentlich nie. Schon mit zwölf Jahren lernte die Tochter einer Lehrerin und des Direktors eines Landesamts Französisch und wollte in die Welt hinaus – was auch gelang. Vom Tourismusstudium in Bruneck ging es zuerst nach Rom, dann weiter zu einem Job ins EU-Parlament und schließlich nach London, wo die Nalserin 2007 den Master in „Culture and Creative Industries“ abschloss. Nach Aufenthalten u. a. in New York zog sie schließlich der Liebe wegen nach Brüssel. Ihr späterer Ehemann arbeitete dort, und so fand auch sie beim British Council, einer Art Goethe-Institut, über zehn Jahre ihre berufliche Erfüllung in der belgischen Hauptstadt. <BR /><BR />Doch mit dem Brexit 2020 stieg sie aus – vom Job und dem Großstadtleben. Sie wollte weg, ihre Kinder in der Natur aufwachsen sehen. Durch Zu<?Uni SchriftWeite="95ru"> fall stieß die Zweifach-Mama<?_Uni> auf ein kleines Ferienhaus in den Ardennen. „Es hätte auch im Sarntal stehen können. Ich war schockverliebt, und so habe ich es kurzerhand gekauft“, erzählt Julia Kofler. Mit der Pandemie kam schließlich der Umzug in die 50-Seelen-Gemeinde, und mit ihm auch Koflers neuer Job. „Ich mache jetzt so das Immobilien-Ding“, lacht sie. Gemeint ist damit der Kauf zweier weiterer Holzhäuschen, die sie ebenso im Tiroler Stil umgebaut hat und nun touristisch vermietet (@waldhaus_leben_). „Seit kurzem biete ich auch ‚Work-away‘ an. Die Gäste helfen etwas in Haus und Garten mit und logieren dafür kostenlos in unseren Häuschen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151733_image" /></div> <BR />Obwohl das Alpenländische sehr untypisch für die Gegend ist, komme es bei den primär deutschen und inländischen Gästen gut an. „Sie finden den Tiroler-Stil sehr gemütlich. Meine Nachbarn sagen immer, es sei wie ein Urlaub in der Schweiz, wenn sie vorbeikommen“, muss Kofler schmunzeln. So richtig etwas anfangen mit Südtirol könne in ihrer neuen Wahlheimat niemand – obschon es Parallelen gebe, nicht nur aufgrund der intakten Natur. „Auch die Dörfer sind klein, viele Menschen arbeiten im Handwerk oder in der Landwirtschaft. Meine Kinder wachsen hier auf wie bei uns in den 1980er-Jahren.“ <BR /><BR />Und das bedeutet: Anstatt vor dem Tablet und Fernseher zu sitzen, geht es nach der Schule mit den französischsprachigen Freunden zum Radfahren, Modellflugzeugfliegen oder Forellenfischen. Kommen Oskar und Romy (benannt nach <?Uni SchriftWeite="92ru"> Großmutters Lieblingsschauspielerin<?_Uni> Romy Schneider) nicht heim, reicht ein Anruf bei einem der vier Nachbarn. „Als Mama ohne Fa<?TrVer> milienangehörige vor Ort ist so eine Dorfgemeinschaft unbezahlbar“, ist sie froh, den Schritt aus der anonymen Stadt aufs Land gewagt zu haben. <BR /><BR />„Im Herbst lade ich meine Nachbarn dafür zum Törggelen ein, u. a. mit gebratenen Kastanien, die hier im Wald wachsen, ebenso wie Unmengen an Steinpilzen. Wenn das die Italiener wüssten“, lacht sie und erzählt von Sammel-Streifzügen, wenn sie mit den zwei Hunden rausgeht. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1151736_image" /></div> <BR />Koflers Ehemann, ein gebürtiger Belgier, der in Paris aufgewachsen ist, arbeitet derweil in Brüssel als Direktor des Dachverbandes für europäische Privatsender. „Auch er mag zwar das Landleben, braucht jedoch den Trubel der Großstadt“, erzählt die Nalserin, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, besonders seit sie ihr Ferienhaus nach hinten mit einem modernen Zubau erweitert hat. Ganz ohne Bauauflagen, wie sie verrät. „Es ist ein bisschen wie in Neapel. Ganz nach dem Motto ‚fai quello che vuoi‘, entscheidet man hier selbst, wie groß das Haus wird, wie es aussehen soll und wie viel Abstand man zum Nachbarn hält, es wird nicht kontrolliert.“ Und auch preislich sei die Gegend baufreundlich. Ein Haus mit Grundstück bekomme man schon ab ungefähr 200.000 Euro, weiß Kofler.<BR /><BR />„Dahingehend hat sich Südtirol schon wahnsinnig verändert“, beobachtet sie von außen und merkt das Gefälle zwischen Arm und Reich und den „Overtourism“ kritisch an. „Andererseits muss man den Südtirolern zugutehalten, dass sie durch Arbeitsfleiß etwas verändern und voranbringen. Die Menschen in Belgien sind eher so eingestellt, dass sie sagen, warum drei Sterne, wenn ein halber auch reicht?“ Dies lasse sie manchmal verzweifeln, lä<?TrVer> chelt Kofler, ebenso wie der schlechte Kaffee. Im Umfeld von 100 Kilometern gebe es demnach nur zwei <?Uni SchriftWeite="91ru"> Bars mit trinkbarem Espresso. <?_Uni> „Extrem besser hingegen ist hier das Gesundheitssystem, man bekommt Termine ohne Wartezeiten, und bei Bedarf kommt sogar die Krankenschwester ins Haus.“<BR /><BR />Bis sie alt und gebrechlich ist, möchte Julia Kofler aber trotzdem nicht in ihrem belgischen „Chaletdorf“ bleiben, blickt sie voraus. „Die Kinder werden groß und meine Eltern älter. Momentan bin ich hier glücklich, doch heute muss man flexibel sein“, so die 46-Jährige. Vier- bis fünfmal im Jahr kehrt sie darum zurück über den Brenner. Und glaubt man ihrem Tagebucheintrag aus dem fernen Jahr 1991, dann könnte es irgendwann auch wieder für immer sein. Denn bereits mit zwölf Jahren notierte die Jüngere von zwei Geschwistern: „Ich weiß, dass ich raus muss aus Südtirol, um besser zurückzukommen.“ Da ist Julia Kofler wohl auf dem besten Weg.