Bei einem kurzen Besuch hat freiheraus erzählt, nach welchen Grundsätzen er lebt, wie er die alte Kochhütte umgerüstet hat und warum er gerade dort, weitab vom Schuss, sein ganz persönliches Glück gefunden hat. <BR /><BR />Es ist ein majestätisches Fleckchen Natur, wo sich Ulrich Senoner (67) niedergelassen hat. Gelegen auf rund 2050 Meter Meereshöhe am Fuße des Plattkofels, entfaltet die Natur all ihre Kraft und Schönheit. Nur wenige Fußminuten entfernt befindet sich die Bergstation eines Sessellifts, aber davon vernimmt man hier keinen Mucks. „Diese Stille ist Lebensqualität“, sagt Ulrich Senoner. Die Ruhe geht über rein akustische Reize hinaus, sie nährt sich auch aus dem Fehlen zivilisationsbedingter Leiden wie Stress, Verpflichtungen und all den Dingen, die man glaubt haben zu müssen. <h3> <b>Die Almhütte</b></h3>„Ich bin kein Einsiedler, der Kontakt zu meinen Mitmenschen ist mir wichtig“, bekräftigt der Grödner, während er erklärt, wie er die Heuschupfe und die alte Kochhütte seiner Großeltern bzw. Eltern Schritt für Schritt für seine Zwecke hergerichtet hat. Die Außenwände der ehemaligen Kochhütte hat der gelernte Architekt mit mehreren Schichten aus Heu gedämmt, im Inneren findet sich ein kleiner Tisch mit Eckbank, ein Ofenherd und eine kleine Arbeitsfläche, im hinteren Teil hat er sich eine Schlafnische eingerichtet. Ganze 16 Quadratmeter misst seine Bleibe, alles Notwendige habe Platz. Dazu zählt auch die an der Wand fixierte alte Brotgrammel und der geschnitzte Herrgott. „Ich versuche mit dem zu leben, was ich hier vorfinde, man kommt mit wenig aus“, gibt er zu bedenken. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1288305_image" /></div> <BR /><BR />Die Hütte verfügt weder über einen Stromanschluss noch über eine Wasserleitung. Stattdessen bezieht er Wasser von einem derzeit vereisten kleinen Bächlein. Somit muss er das Eis auftauen. Über ein Fotovoltaik-Paneel bezieht er Sonnenenergie, diese dient vorwiegend zum Aufladen des Handys. So hält er Verbindung zur Außenwelt, bleibt informiert und erreichbar. Allerlei Wildkräuter verarbeitet er zu Tees, im Sommer hat er Zucchini, Gurken, Mais, Roggen und Weiteres mehr angepflanzt, als Hauptnahrungsquelle dienen ihm Kartoffeln.<BR /><BR /> „Ich habe schon Tomaten geerntet, die Karotten tun sich schwer, der Kürbis wehrt sich“, meint er lächelnd. Zudem sammelt er Waldfrüchte, Wildgemüse und Pilze, hin und wieder bringen ihm wohlgesonnene Mitmenschen ein paar Eier, Milchprodukte und etwas Fleisch mit hoch. Waschen? Derzeit behelfsmäßig mit aufgetautem Eiswasser, im Sommer dagegen gibt es eine passende Stelle mit etwas Gefälle im Bächlein. Und die Notdurft? Hierfür hat er zwei Kompostklos angelegt, eines für sich und eines für Gäste. <h3> <b>Die Vorgeschichte</b></h3> Das Leben von Ulrich Senoner kann man in ein Vorher und ein Seitdem trennen. Das Vorher war gefüllt mit ehrgeizigen Vorhaben und vielen Wohnortwechseln. Er zählt auf: Brixen, Bozen, Innsbruck, viele Jahre in Wien, dann Linz, Berlin, Potsdam und eine Zeit in Hamburg. Als Architekt war er schon immer an ökologischen Lösungen interessiert, ein geplantes Ökodorf für rund 160 Bewohner nördlich von Berlin sollte sein Lebenswerk werden.<BR /><BR /> Er blickt zurück: „Ich war Bauherr und Architekt, hatte sämtliche Pläne entworfen, doch als es an die Realisierung ging, bekam der Bürgermeister wegen der Bedenken von Nachbarn kalte Füße. Das Vorzeigeprojekt wurde zum Albtraum. Dazu kam die Trennung von seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern. <h3><b>Der Schlüsselmoment</b></h3>Ulrich Senoner geht kurz in sich, bevor seinen Schlüsselmoment schildert: „Ich hatte dort nichts mehr verloren und brauchte Abstand. Dann, in einem Traum, kamen Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage hoch. Mir wurde klar, dass ich es an diesem besonderen Platzl mit einem Neuanfang probieren sollte. Eine Art Vorsehung.“ All das ist über sechs Jahre her, seitdem widmet er sich mit all seinen Kräften und seinem Knowhow dem neuen Leben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1288308_image" /></div> <BR /><BR />Die Einheimischen kennen das Gebiet als „Ch’mun“, als Gemeindealpe. „Als Kind war ich oft und gerne hier, habe dem Rauschen der Bäche zugehört und bin barfuß in der Sumpferde herumgestiegen – diese Erfahrungen trage ich seitdem wie einen Schatz mit mir herum“, erzählt er. Es wirkt, als ob er diese selige Zeit unter einer dicken Schicht Erwachsenenleben freischaufelt. Hier oben könne er sich frei entfalten, hier sei das Leben unverfälscht, hier fühle er sich auch mit seinen Eltern und Großeltern verbunden.<BR /><BR /> „Ich brauche nichts als das, hier bin ich glücklich“, lässt er einen vielsagenden Satz fallen. Sechs Hektar umfasst die zugehörige Weiden- und Wiesenfläche, davon mäht er im Sommer etwa zwei Hektar mit der Sense. Das Heu bringt er dann mit der traditionellen Kraxe in die Schupfe. <h3> <b>Die Lebenseinstellung</b></h3>Was gibt es sonst den ganzen schönen Tag zu tun? Eine Frage, wie sie wohl nur unbedarfte Stadtmenschen stellen können, denn nur wer versucht, wie die Bergbauern früherer Generationen zu leben – abgeschieden, im Rhythmus der Jahreszeiten und beinahe autark – kann ermessen, was hier alles so anfällt: Holz sammeln, den Ofenherd anmachen, die Natur beobachten, sich um das Essen sorgen, die Hütte in Schuss halten. <BR /><BR />Wie sonst sollte er hier überleben, etwa an klirrend kalten Winternächten? Durch fachkundiges Dämmen kann er die Temperatur im Inneren stets auf über 10 Grad halten, mit dem Feuer im Herd erhitzt sich das kleine Stübele ohnehin schnell auf über 20 Grad. „Das Schneeschöpfen geht hier zuweilen auch ganz schön an die Substanz, während des Lockdowns musste ich andauernd die Hütte freischaufeln, um Licht zu bekommen“, berichtet er von einem besonders schneereichen Winter. Darüber hinaus ist der zähe Grödner ohnehin einer, der nie so richtig Ruhe geben kann. An Wintertagen liest und schreibt er gerne oder erkundet mit den Tourenskiern die Umgebung. <h3> <b>Die Botschaft</b></h3>Immer wieder und immer öfter bekommt er Besuch – von seinen Verwandten, von Neugierigen oder von seinem Neffen Tobias. Der junge Filmemacher hat eine Doku über seinen Onkel gedreht und möchte es damit auf ein internationales Filmfestival schaffen. Dass der Stoff großes Potenzial hat, erkennt er an der Resonanz in den sozialen Medien: Insgesamt 215.000 Follower bzw. 75 Millionen Abrufungen („Views“) sprechen eine klare Sprache. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1288311_image" /></div> <BR /><BR />Ulrich Senoner schert sich zwar nicht um den Rummel, aber der Zuspruch erfüllt ihn dann doch mit etwas Stolz: „Es wäre schön, wenn ich auch andere ermutigen könnte, sich von den Zwängen unserer Zivilisation zu befreien, von dem Streben nach Besitztümern.“ <BR /><BR />Einige Ideen möchte der Grödner hier noch verwirklichen: Aus entsorgten Weinfässern und mithilfe eines Wärmetauschers möchte er sich eine Art Dampfsauna zusammenbasteln. Vielleicht richtet er sich ein paar Hühner. Mit großer Neugier blickt er dem Sommer entgegen, dann wird sich zeigen, ob die bereits angepflanzten Obstbäume, darunter Kirschen, Äpfel, Marillen, Birnen und Nussbäume, hier oben gedeihen und Früchte tragen. Das ist dann wohl die nächste Geschichte, der nächste Besuch.