Beate Thaler und ihre Familie verbrachten vergangene Woche ein paar Urlaubstage im spanischen Valencia. Nur wenige Kilometer entfernt spielte sich das Unvorstellbare ab: Das Umland der Stadt wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch von einer Flutkatastrophe heimgesucht. Über 200 Menschen starben, viele gelten noch als vermisst.<BR /><BR /> Die Südtiroler Familie bekam von den Überschwemmungen so gut wie nichts mit, erlebte aber am Rande des Geschehens, wie schnell die Welt aus den Fugen geraten kann. <BR /><BR />Wie viele Südtiroler nutzte auch Beate Thaler aus Raas in der Gemeinde Natz-Schabs die Ferienwoche rund um Allerheiligen für einen Kurzurlaub. Mit ihrem Ehemann, ihrer 19-jährigen Tochter und ihrem 15-jährigen Sohn flog sie am Sonntag, 27. Oktober von Bergamo aus nach Valencia. Gerade im Herbst verspricht die an der Mittelmeerküste gelegene Großstadt mit rund 800.000 Einwohnern mildes Wetter mit viel Sonnenschein. <BR /><BR /> Doch diese letzte Oktoberwoche sollte völlig anders verlaufen: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wurde vor allem die Region um Valencia von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht. <BR /><BR />Im Interview schildert Thaler, wie sie und ihre Familie die Situation in der Stadt erlebt haben. <BR /><BR /><b>Wann ging es für Sie nach Spanien und für wie lange?</b><BR />Thaler: Wir flogen am Sonntag in aller früh nach Valencia. Unser Rückflug war für Mittwoch, den 30. Oktober, 9 Uhr geplant. Am Montag selbst war schönes Wetter, für Dienstag waren Gewitter angekündigt. Am Dienstag regnete es dann auch, im Laufe des Tages ließen die Niederschläge in der Stadt nach. Auffallend war der starke Wind, der wie ein Sturm über die Stadt fegte. Beunruhigt waren wir zu diesem Zeitpunkt aber nie. <BR /><BR /><b>Wie erlebten Sie die Unwetternacht?</b><BR />Thaler: Am Dienstagabend gingen wir im Zentrum von Valencia essen, die Luft war warm, es windete – aber wie gesagt: Wir nahmen die Situation nicht als dramatisch wahr. Um kurz nach 20 Uhr erhielten wir – und alle anderen Gäste im Lokal – eine Zivilschutzwarnung auf unserem Handy (es handelte sich um die spanische Version des europäisches Systems EU-Alert, mit dem Behörden die Bevölkerung im Katastrophenfall warnen, Anm. der Red.). Dabei wurde vor Fahrten in der Provinz gewarnt. Das betraf uns ja nicht. Einzig hofften wir an diesem Abend, dass es mit unserem Flug tags darauf klappen würde. Im Nachhinein war das vielleicht ein zu kurz gefasster Gedanke. Auch die Nacht über bekamen wir von den massiven Regenfällen im Umland nichts mit. Nur der Wind, der blies die ganze Nacht. <BR /><BR /><b>Am Mittwochmorgen sollte es wieder heim gehen. Welche Situation trafen Sie an?</b><BR />Thaler: Wir wollten um 6 Uhr mit der U-Bahn zum Flughafen fahren. Der Eingang zur U-Bahn war versperrt, auch die Bussen fuhren nicht. Keiner konnte uns sagen, was los war. Irgendwann gelang es uns schließlich, ein Taxi zu ergattern. Der Flughafen liegt rund 10 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, in 20 Minuten ist er normalerweise mit dem Auto erreichbar. Im Taxi merkten wir schnell, dass etwas nicht stimmt. Auf den Straßen herrschte Chaos, wir kamen nur mehr im Schritttempo weiter. Der Verkehr war völlig zusammengebrochen. Im Umland von Valencia hatte die Flut Straßen unterspült, weggeschwemmt, all das konnten wir zu dem Zeitpunkt gar nicht erahnen. Auf den Verkehrsachsen herrschte Chaos. Der Zivilschutz hatte den Normalverkehr auf eine Fahrspur umgelenkt. <BR /><BR /><b>Schafften Sie es noch rechtzeitig zum Flughafen?</b><BR />Thaler: Wir waren rund 6 Kilometer vom Flughafen entfernt. Für ganze 4 Kilometer brauchten wir knappe 2 Stunden. Dann entschlossen wir uns, zu Fuß weiterzugehen. Rund eineinhalb Kilometer vor dem Flughafen bot uns ein Spanier an einer Kreuzung mit seinem Lieferauto seine Hilfe an. Ein unglaublich netter Mensch, er brachte uns direkt bis zum Flughafen. Er wollte kein Geld annehmen, sondern einfach nur helfen.<BR /><BR /><b>Wie ging es dann weiter?</b><BR />Thaler: Am Flughafen campierten Hunderte von Passagieren, sie saßen vom Vortag fest. Es herrschte eine wirre Stimmung. Unseren Flug hatten wir verpasst. Die Fluggesellschaft selbst kümmerte das wenig, wir mussten uns selbst arrangieren. Auch sonst gab es wenig bis keine Unterstützung vor Ort. Fieberhaft suchten wir am Handy nach Flügen von Valencia nach Bergamo. Zwischendurch überkam mich Panik, dass wir nicht mehr wegkommen – immer auch wissend, dass im Hinterland was Schlimmes passiert sein musste. Recht viel mehr wussten wir ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Meinem Sohn gelang es schließlich, für den selben Tag einen Flug von Valencia über Ibiza nach Bergamo zu finden. Er sollte am Nachmittag abheben. Der Start verschob sich dann nochmals um rund 2 Stunden, wir saßen alle schon im Flieger – und der Pilot noch im Stau. Nach dem Start bekamen wir von der Luft aus mit Blick auf die Schlammmassen einen ersten Eindruck von dem, was geschehen war. Um kurz vor Mitternacht landeten wir schließlich in Bergamo. <BR /><BR /><b>Wie blicken Sie im Nachhinein auf die Erlebnisse?</b><BR />Thaler: Erst als wir zu Hause ankamen, fiel die Anspannung ab. Wir haben von der Katastrophe im eigentlichen Sinne ja nichts mitbekommen, sie spielte sich wenige Kilometer von uns ab. Allein dieser Gedanke sitzt einem in den Knochen. Wir sind tief betroffen von dem, was dort gerade passiert. Und: Einmal mehr wird einem klar, wie schnell plötzlich alles anders sein kann. <h3> Die Folgen der Flut</h3><div class="img-embed"><embed id="1092381_image" /></div> Derzeit geht man in der Region Valencia von 217 bestätigten Todesopfern aus. Eine nicht bekannte Zahl an Menschen wird noch vermisst. In einigen Ortschaften fielen innerhalb eines Tages bis zu 490 Liter Regen pro Quadratmeter, so viel wie sonst in einem Jahr. Besonders betroffen sind eine Reihe von Dörfern und Städten im Umkreis von Valencia. Auch Tage nach der Flut fehlt es vielerorts an Strom und Lebensmitteln. In einigen Gemeinden türmen sich nach wie vor von den Wassermassen ineinandergeschobene Autos. Möbel und sonstiger Hausrat versperren die mit Schlamm überzogenen Straßen.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright>