<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />„Über den Gipfeln ist Ruh“, dichtete Johann Wolfgang von Goethe einst. Er hatte aber Christoph Achmüller noch nicht gekannt. Denn wenn der 38-jährige Bozner in den wenigen Tagen im Jahr eine Bergspitze erreicht, wird erst einmal „gejutzt“. „Ich kann meine ganze Anstrengung rausschreien. Das ist absolut befreiend“, erzählt der Mann, der früher in den Bergen daheim war. <BR /><BR />Seit 2019 aber lebt Achmüller in Hülben im flachen Baden-Württemberg und hat die Berge bis auf den Heimaturlaub hinter sich gelassen – nicht aber das Jodeln. Wann immer ihn der Alltag schlaucht, die Seele vom Heimweh schmerzt oder ihm beim Autofahren ein neuer Vers einfällt, holt er tief Luft und stimmt an. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1005353_image" /></div> <BR /><BR />Mal sind die aneinandergereihten Silben lieblich, mal archaisch. Immer öfter werden sie auch mehrstimmig angestimmt. Denn Christoph Achmüller ist neben seinem Brotberuf als Grundschul- und Musiklehrer für Horn, Blockflöte und Gitarre auch Chorleiter und Jodler. „Berge ins Tal“ nennt er sein Projekt – mit dem er Workshops und Wanderungen rund ums Jodeln anbietet – und die Tradition zum Trend, die archaischen Rufe zum „letzten Schrei“ macht.<h3> Die Großtanten als erste Lehrmeisterinnen</h3>Seine erste Jodelerfahrung sammelte der Städter als Kind im Passeiertal. „Meine Schwester und ich verbrachten unsere Sommerfrische immer in Platt. Gemeinsam mit unseren Großtanten wurde dort viel altes Liedgut gesungen und eben auch gejodelt“, erinnert sich Achmüller gern zurück an seine Kindheit, die geprägt war von Musik und Gesang: als Ministrant im Bozner Dom, als Waldhorn-Bläser bei der Musikkapelle Zwölfmalgreien und später als Sänger im Domchor. Wenig verwunderlich also, dass sein Weg nach dem Sprachenlyzeum zum Theologiestudium nach Wien führte. <BR /><BR />Neben seiner Ausbildung sang er dort in allen großen Chören der Stadt mit und merkte ganz bald, dass ihn an der Theologie eigentlich nur der sakrale Gesang interessierte. Gegen den Willen seiner Eltern – ein Kinderarzt und eine Physiotherapeutin – entschied sich der Sohn schließlich, das Studium abzubrechen und Klassischen Gesang am Bozner Konservatorium zu studieren. Im Nachhinein die beste Entscheidung. „Im Studium habe ich wahnsinnig viel gelernt und meine Stimme trainiert, das kam mir auch beim Jodeln zugute; etwa wenn man schnelle, hohe Sprünge macht“, sagt der Sänger, der nach seinem Abschluss noch eine Zusatzausbildung in Pop-Gesang und Gesangspädagogik in Stuttgart draufpackte. <BR /><BR />„Ich wollte immer auf die Bühne. Darum habe ich anfangs auch gehadert, als ich den Job als Lehrer angenommen habe. Heute aber bin ich Familienvater und froh, dass ich nicht ständig reisen muss und recht viel Freizeit habe“, erzählt Achmüller. Und diese nutzt er früher wie heute am liebsten für zwei Dinge: Bergwandern, mittlerweile in der Schwäbischen Alp – und Jodeln. <h3> Jodeln fürs Gemüt und die Gesellschaft</h3>Jodeln galt lange als primitiv und ewig-gestrig. Auch in Südtirol ist der Gesang bis auf wenige Jodelsänger, etwa Markus Prieth (Opas Dirndl) oder Anneliese Breitenberger, ins Abseits geraten. Dabei, so weiß der Experte, sei Jodeln weit mehr als nur ein „Holladrio“. „Ich pflege Altüberliefertes und erlebe gerade in Deutschland viel Zuspruch für diesen Gesang, der bei fast jedem Schwaben Urlaubsgefühle hervorruft“, verrät Achmüller. <BR /><BR />Und nicht nur: Immer mehr Menschen suchen auch Heilung bei Achmüllers klangvollen Wanderungen. Naturjodler entspringen nämlich direkt dem Herzen, klingen durch die Kehle und führen zum Himmel: „Man singt sich Frust, Kummer und Alltagsballast von der Seele. Außerdem schüttet der Körper beim Singen bekannterweise Oxytocin aus – das Ängste nimmt.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1005356_image" /></div> <BR /><BR />Nebenbei gibt Achmüller seine stimmakrobatischen Kostbarkeiten nicht nur als Alleinunterhalter auf Festen oder an Geburtstagen zum Besten. Er schreibt auch selbst Jodler und möchte irgendwann eine Platte herausbringen. Darauf soll exotischer Jodel-Pop zu hören sein und auch liebliche Duette mit seiner Frau Kathrin Stolte, ebenfalls Musikerin und Musikpädagogin. Die beiden haben sich bei einem Chorleiterseminar in Dietenheim kennengelernt und heute zwei Kinder, Bruno (6) und Merle (3). Die beiden mögen das Jodeln ebenfalls und üben schon fleißig „Hollariti“. <BR /><BR />„Vielleicht machen wir irgendwann gemeinsam Stubenmusik“, sagt Achmüller und lacht. Dafür brauche es aber erst eine musikalische Stimmbildung. Denn nur so sei das Echo – am Berg wie im Tal – auch wirklich „zum Schreien“ gut.<BR />