Von Alexandra Geyr <BR /><BR />Tobias Braunhofer aus Sterzing (28) hat vor 14 Jahren – nach Jahren der Ausgrenzung und des Mobbings – den mutigen Schritt des Coming-out gewagt. Den Rückhalt seiner Familie und einiger weniger Freunde empfindet er rückblickend als großes Glück. Er erzählt er wie schwierig es heute immer noch ist, sich hierzulande zu outen.<BR /><BR /><b>Wenn Sie an die Zeit von vor 14 Jahren zurückdenken, was geht in Ihnen vor?</b><BR />Tobias Braunhofer: Bis ich meinen Weg gefunden hatte, war es eine extreme und schwierige Zeit für mich. Ich wurde ausgegrenzt, von psychischer bis hin zu physischer Gewalt war alles dabei, böse Blicke bis hin zu Drohungen von Jugendlichen und auch von Erwachsenen waren an der Tagesordnung. Ich habe daraufhin rebelliert und bin auch sehr oft angeeckt, indem ich meine weibliche Seite besonders betont hatte. Nur der volle Rückhalt meiner Familie und einiger weniger Freunde haben mich gerettet. <BR /><b><BR />Wann und was hat sich dann geändert, und wie kam es zum Outing?</b><BR />Braunhofer: Ich wollte Friseur werden. Aber ich leide an Neurodermitis, damit ging es leider nicht. Also habe ich eine Lehre zum Verkäufer begonnen und bin nach Brixen gezogen. In Brixen bin ich etwas weniger aufgefallen, das stärkte mein Selbstvertrauen. Und was ganz wichtig war, ich fing an, mit den „Hatern“ (Leute, die über einen längeren Zeitraum vor allem im Internet Hetze betreiben, Anm. der R.) normal zu kommunizieren. Dann kamen Aussagen wie ,ich mag eigentlich keine Schwule, aber Du bist ganz nett'. Ich fühlte mich nicht mehr so ausgegrenzt und verfolgt. Für die breite Masse war ich zwar immer noch Teil einer Randgruppe, aber ich persönlich fühlte mich weniger angegriffen. Und mir half sehr mein familiärer Rückhalt, dadurch wurde ich offener. Auch engstirnigen Menschen gegenüber, wenn man selbst nicht offen ist, kann man das auch nicht von anderen erwarten.<BR /><b><BR />Hatten Ihre Probleme auch mit der Stereotypisierung zu tun?</b><BR />Braunhofer: Ganz sicher: Jemanden einen Stempel aufdrücken, nur weil man ihn nicht kennt, ist typisch für die heutige Zeit. Der Angst vor dem Unbekannten kann man entgegenwirken. Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung hat es immer gegeben. In der Antike hieß es, man sei zweibeseelt. Was jedoch heute sehr gut ist, es gibt unsere Community (Gemeinschaft; Anm. der Red.), die unter der Abkürzung LGBTQIA+ bekannt ist. Sie schafft Platz und Raum für uns alle. Leider ist letzthin alles durch ein paar schwarze Schafe ausgeartet, das ist nicht gut. Unsere Community steht für Offenheit und Diversität. Wir fühlen uns wohl, aber sie sollte nicht für kurze Aufmerksamkeit in den sozialen Medien missbraucht werden. <BR /><BR /><b>W<b>as machen Sie heute</b></b><b>?</b><BR />Braunhofer: Die schwere Zeit hat mich sehr geprägt, aber sie hat auch positive Stärke und Wachstum gebracht. Die ganze Negativität, die mir entgegengebracht wurde, hätte zu einem Trauma führen können, aber ich habe angefangen beide Seiten der Medaille im Blick zu halten. Und neben meiner Familie hat mich die Community gerettet. Ich arbeite seit einiger Zeit in einem großen Familienhotel an der Rezeption, ich fühle mich angenommen und wertgeschätzt. Ich hoffe sehr, dass andere junge Menschen, die sich nicht angenommen fühlen, sich ihrer Selbst bewusst werden, und ihre Stärke und ihren Rückhalt finden – so wie ich. <BR /><BR /><b>Danke für Ihren Mut zu diesem Gespräch und dafür, dass Sie uns Ihre Geschichte erzählt haben.</b><BR />Braunhofer: Es ist nach wie vor nicht leicht für Menschen wie uns. Nur allzu schnell wird man, vor allem wenn man selbstbewusst ist, als überheblich und arrogant abgestempelt – und das tut mir echt in der Seele leid. Und ob ich mutig bin, meine Geschichte zu erzählten, weiß ich nicht. Ich versuche aber eine Art Wegweiser zu sein für Menschen, die Angst haben sich zu zeigen, wie sie sind. Und ich bin nicht nur schwul, sondern ganz einfach der Tobi.