Ein Seil im Rucksack hat sie fast immer dabei. Damit geht Liv Grete Schupp jedoch nicht zum Klettern in die Felswände der Dolomiten, sondern zum Training. Sechsmal in der Woche jagt die 18-jährige Bachelorstudentin aus Deutschland in einem Bozner Fitnessstudio ein 1,1 Millimeter dünnes Stahlseil mit Höchstgeschwindigkeit um ihren Körper. 182-mal passiert es in 30 Sekunden ihre Füße.<BR /><BR />„Rope Skipping“ nennt sich die Sportart, die das einfache Seilspringen auf dem Pausenhof längst hinter sich gelassen hat und Athletinnen und Athleten bis auf internationale Wettkampfbühnen führt. „In Südtirol kenne ich allerdings niemanden, der das professionell macht“, muss Schupp ein wenig schmunzeln. <BR /><BR />Als Exotin fühlt sie sich dennoch nicht. „Wenn ich im Gym trainiere, passiert es immer wieder, dass Leute ein Seil nehmen und mit mir springen. Neulich waren wir irgendwann zu acht“, ist die Regensburgerin dankbar für so viel Zuspruch – und für ihren Trainingsort, den sie dank einer Kooperation der Freien Universität Bozen gefunden hat. „Anfangs habe ich nämlich am Ritten in einem Stadel trainiert“, erzählt die Studentin.<h3> „Schon als Kind saß ich hier im Hörsaal“</h3>Seit September 2025 ist Südtirol der neue Lebensmittelpunkt der Deutschen. „Ich habe mich noch am letzten Tag der Anmeldefrist an der Freien Universität Bozen für ein Bachelorstudium in Ökonomie, Politik und Ethik eingeschrieben“, erzählt sie lachend und verrät, ursprünglich ein Studium in Großbritannien geplant zu haben. Als die Finanzierung aber scheiterte, fiel die Wahl auf Bozen. „Ich mag Sprachen unglaublich gern, wollte aber keine Sprache allein studieren. Hier habe ich diese großartige Verbindung zwischen verschiedenen Disziplinen und der Mehrsprachigkeit vorgefunden. So etwas gibt es bei uns nicht“, so die gebürtige Regensburgerin.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334763_image" /></div> <BR />Ein Sprung ins Ungewisse war die Entscheidung für die unibz trotzdem nicht. „Schon als Kind saß ich hier im Hörsaal“, erzählt sie. Ihr Vater hielt an der Freien Universität Bozen bereits Gastvorlesungen und hat seine Tochter einmal mitgenommen. Heute ist Südtirol für Schupp nicht nur zur Studienheimat geworden, sondern auch zu einem riesigen Bewegungsraum.<h3> „Die Vielseitigkeit macht den Sport besonders“</h3>„Die Lebensqualität macht es sehr einfach, sich hier wohlzufühlen“, schätzt sie die Umgebung, in der sie leben darf. Während andere Studierende ihre Freizeit in Cafés verbringen, zieht es die Deutsche aber auf Rennradstrecken oder Wanderwege. Die Berge sind für Liv Grete Schupp kein Postkartenmotiv, sondern ihr Freiluft-Gym und ihr liebster Ort zwischen Vorlesung und Training, Lernen und Wettkampf. Obwohl die Athletin Teil der deutschen Rope-Skipping- Mannschaft „Sparkling Skippers der Turnerschaft 1863 Germers- heim“ ist, trainiert sie in Bozen allein und nach eigenen Trainingsplänen – und zwar meist frühmorgens ab halb sieben oder spätabends nach den Vorlesungen: „Mal liegt der Schwerpunkt auf Kraft und Schnelligkeit, mal auf Ausdauer oder Koordination. Doch genau diese Vielseitigkeit macht den Sport besonders.“<BR /><BR />„Rope Skipping“ besteht nämlich aus mehreren Disziplinen. Es gibt Sprintdisziplinen, Ausdauerbewerbe und Freestyle-Kategorien, in denen die Athletinnen und Athleten ihre Kür zu Musik präsentieren. Liv Grete hat sich vor allem in den Schnelligkeitsdisziplinen einen Namen gemacht. Gleichzeitig startet sie auch im sogenannten Overall, das mehrere Disziplinen vereint. Neben dem Speedsprint gehören dazu Ausdauerbewerbe über drei Minuten, Freestyle-Küren und die spektakulären „Triple Unders“, bei denen das Seil während eines einzigen Sprungs gleich dreimal unter den Füßen hindurchsaust.<h3> „Studium und Spitzensport ähneln sich“</h3>Wie gut sie all diese Disziplinen beherrscht, hat sie längst auf internationaler Bühne bewiesen. Bereits dreimal nahm sie an Weltmeisterschaften teil. Zu ih<?TrVer> ren größten sportlichen Erfolgen zählen Rang fünf im Freestyle bei den Jugend-Europameisterschaften 2022 in Bratislava sowie Platz zehn über drei Minuten bei den Junioren-Weltmeisterschaften ein Jahr zuvor. Auf nationaler Ebene erreichte sie zuletzt beim „Triple Under“-Cup im Rahmen der Deutschen Meisterschaften eine Spitzenplatzierung. In dieser Saison konnte sie zudem mehrere persönliche Bestleistungen aufstellen und sich so für die Europameisterschaften in Oslo qualifizieren, die im August stattfinden.<BR /><BR />Der Weg zu internationalen Wettkämpfen ist allerdings mit hohen Kosten verbunden. Neue Sponsoren könnten ihr helfen, das „Seilspringen“ auch weiterhin auf höchstem Niveau auszuüben – wenngleich die Sportart eine absolute Nische ist. Selbst von Schupps Mitstudierenden wissen die wenigsten von ihrem Leistungssport – außer sie muss mal wieder die körperlichen Spuren erklären. Das dünne Stahlseil verzeiht nämlich keine Fehler. Wer hängen bleibt, trägt schon mal rote Striemen an den Beinen davon. „Eine Sportlehrerin an der Oberschule fragte mich sogar, ob bei mir zu Hause alles in Ordnung sei“, erzählt die Studentin lachend: „Da hatte ich einfach am Tag davor Speed trainiert.“<BR /><BR />Tempo ist aktuell auch in ihrem Leben gefragt. Denn neben der Vorbereitung auf die Europameisterschaften stehen zahlreiche Abschlussprüfungen an der Uni an. Liv Grete Schupp wirkt trotzdem erstaunlich gelassen und kann auch den Grund dafür ausmachen. „Studium und Spitzensport ähneln sich stärker als man zunächst vermuten würde“, wie sie weiß: „Für beides trainiert oder studiert man monatelang, um die Leistung dann auf den Punkt abzurufen.“