Sie sind kleiner und flexibler als herkömmliche Kernkraftwerke und heißen „Advanced Modular Reactors“ (AMR) oder „Small Modular Reactors“ (SMR): Bis zum Jahr 2030 sollen innovative Mini-Reaktoren wie diese laut Umweltminister Gilberto Pichetto Fratin betriebsbereit sein. <BR /><BR />Auch in Südtirol? „Wenn ich mir die Diskussionen um Pumpspeicherwerke oder Windkraft in Südtirol anschaue, dann schließe ich es eigentlich völlig aus, dass wir hierzulande Atomkraftwerke haben werden“, ist Energieexperte Thomas Egger vom Klimaclub Südtirol überzeugt. „Aber wir haben einen hohen Energieverbrauch. Deshalb wird das Thema in Italien bestimmt sehr kontrovers diskutiert werden.“ Energielandesrat Peter Brunner bezweifelt, dass hierzulande Kraftwerke in den üblichen Größenordnungen entstehen werden (siehe Kurz-Interview). <h3> Gefahr von Abhängigkeit steigt</h3>Die Mini-Reaktoren, auf die die Regierung setzen will, werden in Fachkreisen auch als „Power-Point-Kraftwerke“ bezeichnet. Die Anlagen befinden sich noch in der Entwicklungsphase. „Man geht davon aus, dass es in Russland bereits einen ersten kommerziellen Reaktor gibt, der rund 35 Megawatt produziert. Auch in China laufen Versuche“, weiß Egger. <BR /><BR />Für die Produktion benötige man Uranbrennstäbe, die derzeit zu 20 Prozent aus Russland und zu 20 Prozent aus Kasachstan importiert werden. „Dadurch bringt man sich wieder in eine Abhängigkeit“, sagt er. <BR /><BR />Die italienische Regierung wirbt zudem damit, dass so eine „sichere, saubere und billige Energie“ produziert werden kann. Ziel der Regierung ist es, bis 2050 11 bis 22 Prozent des Strombedarfs in Italien mit Nuklearenergie abzudecken. Thomas Egger geht davon aus, dass es mindestens 50 Kernkraftwerke im ganzen Land braucht, um diesen Anteil zu erreichen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68925000_quote" /><BR /><BR /> Der Experte sieht die Pläne kritisch: „Die Reaktoren sind kleiner, aber deshalb sind sie bestimmt nicht sauberer. Auch das Gefahrenpotenzial ist deshalb nicht automatisch geringer“, erklärt er. <BR /><BR />Im Gegenteil: Immer wieder kommt es in Atomkraftwerken zu Unfällen. „Große Atomkraftwerke sind viel besser geschützt als die kleinen Anlagen, die die italienische Regierung bauen will“, berichtet Egger. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68925004_quote" /><BR /><BR />Die Kernkraft soll die italienische Energiewende billiger machen. „Die Atomkraft ist aber die teuerste Form der Energieproduktion überhaupt“, hält der Experte dagegen. <BR /><BR />Die Fraunhofer-Gesellschaft hat 2024 die Stromgestehungskosten verschiedener Erzeugnistechnologien berechnet: Die Stromerzeugung mit einer herkömmlichen Photovoltaik- oder Windkraftanlage kostet demnach durchschnittlich 4 bis 9 Cent pro Kilowattstunde. Bei Agro-Photovoltaik sind es 5 bis 12 Cent und bei einem Atomkraftwerk 13 bis 50 Cent. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68925008_quote" /><BR /><BR />Befürworter argumentieren damit, dass die Atomkraft ein Weg sei, um die Klimaziele zu erreichen. „Weltweit liegt der Anteil der Kernenergie am Primärenergieverbrauch derzeit bei rund 3 Prozent“, weiß Egger. Dafür sorgen etwa 430 Atomkraftwerke. Um einen tatsächlichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, bräuchte es aber deutlich mehr. Egger spricht von „mehreren Tausend“ und sagt: „Das ist völlig unrealistisch. <h3> Klimafreundlichere Alternative, aber...</h3>Im Gegensatz zu fossilen Energieträgern ist die Kernenergie zweifelsohne klimafreundlicher. Es findet keine Verbrennung statt, sondern eine physikalische Reaktion. Laut Egger überwiegen jedoch die Nachteile, zum Beispiel die Entsorgungsproblematik. „Man muss sich Hunderte Jahre mit dem Atommüll herumschlagen. Das ist unverantwortlich gegenüber den nächsten Generationen“, sagt er. <BR /><BR />Die italienische Regierung hat noch nicht bekannt gegeben, wo sie den zukünftigen Atommüll lagern will. Das letzte Atomkraftwerk des Landes ging 1990 vom Netz, der Rückbau der alten Atomkraftwerke ist noch im Gange. Die radioaktiven Abfälle, die in den vergangenen Jahrzehnte erzeugt wurden, werden in Zwischenlagern aufbewahrt. Ein Endlager gibt es nicht. <h3><div class="img-embed"><embed id="1138752_image" /></div> Nicht mit Erneuerbaren Energien kombinierbar </h3>„Außerdem lässt sich Atomkraft nicht gut mit erneuerbaren Energien kombinieren“, berichtet Egger. Bei Erneuerbaren Energien gebe es Schwankungen, diese Fluktuation sei eine der größten Herausforderungen, so der Experte. Windkraft und Solarenergie sind von den Wetterbedingungen abhängig. Zeiten hoher Energieproduktion wechseln sich ab mit Phasen geringer Erzeugung. <BR /><BR />„Pumpspeicherwerke oder Batteriekraftwerke eignen sich gut als Ergänzung, weil sie die Schwankungen ausgleichen können. Atomkraftwerke hingegen kann man nur bis zu einem bestimmten Punkt zurückfahren“, so der Energieexperte. <BR /><BR />Südtirols großes Potenzial liegt vor allem in der Photovoltaik. „Das ist in ganz Italien noch enorm ausbaufähig. Auch für Windkraft an der Küste wären die Voraussetzungen gut“, so Egger abschließend.<h3> 3 Fragen an Energielandesrat Peter Brunner</h3><div class="img-embed"><embed id="1138755_image" /></div> <b>Die Regierung hat einen Gesetzentwurf genehmigt, der Italien den Wiedereinstieg in die Kernenergie ermöglicht. Was bedeutet das für Südtirol?</b><BR />Peter Brunner: Die Regierung steht tatsächlich vor der großen Herausforderung, dass in Italien besonders in den Wintermonaten immer noch der meiste Strom aus fossilen Energieträgern stammt. Deshalb hat man Atomstrom als Alternative ins Auge gefasst. Ob Atomenergie tatsächlich eine sinnvolle Strategie im Kampf gegen den Klimawandel ist, wage ich zu bezweifeln. Zumal wir dafür Lösungen brauchen, lange bevor das angekündigte Programm Früchte trägt oder gar Anlagen gebaut werden. Außerdem gibt es einige fachliche und rechtliche Gutachten, die erklären, dass Kernenergie keine grüne Energieform darstellt.<BR /><BR /><b>Wäre es möglich, dass die geplanten modernen Kernkraftwerke auch in Südtirol in Betrieb gehen?</b><BR />Brunner: Ich bezweifle, dass Kraftwerke in den üblichen Größenordnungen in Südtirol entstehen. Es braucht beachtliche Flächen von etwa 100 Hektar. Das wird man bei uns schwer finden. Zudem ist die politische Haltung bei uns hierzu äußerst kritisch. <BR /><BR /><b>In welche Energiequellen sollte hierzulande verstärkt investiert werden?</b><BR />Brunner: Wir werden weiterhin auf den eingeschlagenen Weg setzen. <BR />Neben der Wasserkraft, die für Südtirol sehr bedeutend ist, forcieren wie den Ausbau der Solarstromproduktion und anderer erneuerbarer Energieformen. <h3> Der Gesetzesentwurf: Was Italiens Regierung vorhat</h3><div class="img-embed"><embed id="1138758_image" /></div> In mehreren Referenden, zuletzt 2011, hat sich Italiens Bevölkerung gegen eine Rückkehr zur Atomkraft ausgesprochen. Jetzt die Wende: Am 28. Februar 2025 hat der Ministerrat einen Gesetzentwurf genehmigt, der die Grundlage für den Bau neuer Atomanlagen schaffen soll. Im nächsten Schritt muss das Parlament abstimmen. Bis 2027 soll der rechtliche Rahmen für die Wiedereinführung der Kernenergie stehen. Die Regierung setzt auf innovative Atomkraftwerke und möchte so die Energieversorgung absichern und unabhängiger von Importen werden.