Freitag, 29. Mai 2015

Juli: „Wir denken nicht an die Hörer“

Mit rund 1,5 Millionen verkauften Tonträgern ist „Juli“ eine der erfolgreichsten deutschen Bands der vergangenen zehn Jahre. „Perfekte Welle“ und „Geile Zeit“ waren Megahits und Meilensteine der deutschen Pop- und Rockgeschichte. Danach ist es still geworden um die fünf Musiker aus Gießen. Nun aber sind sie nicht nur mit ihrem neuen Album „Insel“ zurück im Geschehen sondern am Sonntag auch zu Gast in Bozen.

Copyright: Juli
Copyright: Juli

Dort spielen sie als Headliner beim „Full Tension Festival“. STOL hat vorab mit Sängerin Eva Briegel über geile Zeiten, Demokratie und die Weltherrschaft gesprochen.

Südtirol Online: Die Pausen zwischen euren Alben werden immer länger. Zwischen der Veröffentlichung der vergangenen zwei Alben lagen jeweils vier Jahre. Läuft man da in dieser schnelllebigen Zeit nicht Gefahr, in Vergessenheit zu geraten – von den Fans und der Öffentlichkeit?

Eva Briegel: Das kann schon sein. Klüger wäre es auf jeden Fall, immer schnell „nachzulegen“, aber uns ist es wichtig, dass wir unsere Freiheit nicht verlieren, auch mal andere Sachen machen zu können. Nach den ersten stressigen Jahren haben wir gemerkt, wie wichtig es für uns ist, auch ein Leben außerhalb der Band zu haben. Manche von uns machen nebenher noch viel Musik, und wir verbringen viel Zeit mit unseren Freunden. Und wir reisen alle sehr gern um die Welt.

STOL: Mit eurem jüngsten Album „Insel“ kehrt ihr musikalisch wieder zu euren Wurzeln zurück. Und trotzdem ist es ein wenig melancholischer gehalten als die Vorgänger. Gab’s zuletzt keine geilen Zeiten?

Briegel: Ich finde generell, dass das Leben trauriger wird, je älter man ist. Aber man kommt  besser damit klar. „Geile Zeit“ war immer ein trauriges Lied über Abschied und Wehmut, aber viele Leute haben es positiv aufgenommen.

STOL: Eure Songs „Geile Zeit“ und vor allem „Perfekte Welle“ waren Megahits. Denkt man beim Song-Schreiben jedes Mal, das muss auch so ein Erfolg werden bzw. denkt man „das könnte dem Hörer gefallen“?

Briegel: Wenn wir schreiben, denken wir nicht an die Hörer. Aber wir haben in der Band schon auch zwei Richtungen, die miteinander kämpfen: Die einen wollen es komplizierter und länger, die anderen kurz und knackig, vor allem Simon sagt manchmal: „Das läuft so niemals im Radio.“ Am Ende gibt es ja auch gar nicht „den Hörer“, und Mega-Hits sind zum großen Teil Zufall und nicht planbar. Schade eigentlich.

STOL: Auf dem Album „Insel“ soll es bei Juli so demokratisch zugegangen sein, wie nie zuvor. Wie macht man demokratisch Musik?

Briegel: Demokratisch ist vielleicht das falsche Wort, aber bei uns darf sich jeder in alles reinhängen. Ich habe eine Meinung zu den Drums, Jonas hat Chöre eingesungen, Marcel hat erstmalig komponiert. Wenn jeder über seinem Kompetenzbereich hockt wie ein Vogel über seinen Eiern, passiert musikalisch wenig, außer man hat so ein omnipotentes Genie in der Band. Das haben wir nicht – also sind wir auf Teamwork angewiesen, das heißt aber auch: Wir machen viele Fehler, denn wir sind immer wieder Anfänger.

STOL: Begonnen hat „Juli“ als „Sunnyglade“ mit englischen Texten. Warum habt ihr dann beschlossen deutsch zu singen?

Briegel: Wir wollten auf Anhieb verstanden werden, ohne dass man erst mal das Booklet übersetzen muss. Damals gab es auch nicht viele deutsche Bands und es war mal was anderes und hat Spaß gemacht. Mittlerweile kennen wir natürlich auch die Nachteile: Es gibt einige deutsche Bands, die mir auf Englisch wahrscheinlich ganz gut gefallen würden, aber die Texte mag ich gar nicht. Und umgekehrt: Übersetzt man manchmal die Grütze, die englischsprachige Bands da singen, zieht es einem die Schuhe aus. Man kann schwer was verstecken, und die Musik kann spitze sein – wenn der Text dich nicht anspricht, war´s das.

STOL: Die Musikszene ist seit euren Anfängen um ein Vielfaches schnelllebiger und unpersönlicher geworden. Macht es so immer noch Spaß, Musik zu machen?

Briegel: Musik-Machen ist das Beste. Das Drumherum ist manchmal anstrengend und wird auch nicht einfacher. Zum Beispiel bin ich kein großer Facebook- und Instagram-Poster. Ich habe Besseres zu tun. Aber ich finde das Geschäft gar nicht so schnell, Bands kommen und gehen eben, das ist normal und auch okay. Die wenigsten Bands sind kontinuierlich gut. Das ist das Problem – es macht eben wirklich einen riesigen Spaß, egal ob man eine gute oder eine schlechte Band ist.

STOL: Ihr kommt nun für ein Festival nach Bozen. Zum ersten Mal in Südtirol?

Briegel: Nein, wir sind schon ganz oft hier gewesen und haben schon hier gespielt. Ich hab sogar noch ein Foto von mir als Kind mit meiner Familie am Reschensee.

STOL: Wo sehen sich „Juli“ in fünf Jahren?

Briegel: Hoffentlich nicht genauso wie jetzt. Wir lieben es, wenn sich was bewegt. Vielleicht ein neues Album? Die Weltherrschaft? Man wird sehen.

Interview: Arnold Sorg

stol