Um in die kleine Werkstätte von Kevin Wenin zu gelangen, muss man über eine enge Wendeltreppe in ein Untergeschoss hinabsteigen. Hier ist alles Notwendige an Arbeitsflächen und Werkzeugen vorhanden, hier kann sich Südtirols jüngster ausgebildeter Uhrmacher seinem seltenen Handwerk widmen. Er repariert und restauriert Uhren aller Art. <BR /><BR />Natürlich sind hier, im Zentrum von Lana, auch verschiedenartigste Uhrentypen zu sehen: Elegante Vintage-Uhren, wuchtige Pendeluhren oder sogar eine mit zwei Alabastersäulen dotierte Portaluhr. Letztere sind in der Regel kunstvoll ausgearbeitete Tischpendeluhren mit Gehäuse, Sockel und Dach, von stattlicher Größe und in ihrer Funktionsweise doch wieder filigran, somit von entsprechendem Wert. Allerdings handelt es sich um Ausnahmen, wenn nicht gar Raritäten. Alles Objekte, die Kevin faszinieren, wenngleich er mit seiner lebhaften, quirligen und kommunikativen Art so gar nicht dem Klischeebild des stillen, bedächtigen Uhrmachers entspricht.<BR /><BR /><b>Nicht der klassische Uhrmachertyp</b><BR /><BR />Und das hat allemal seinen Grund. Kevin hat erst über Umwege zu seiner wahren Berufung gefunden, ausschlaggebend war ein gesundheitlicher Rückschlag. Kevin blickt auf diese Lebensphase zurück: „Ein Arbeitsunfall im Herbst 2019 verdammte mich zur Untätigkeit, ich war für einige Monate außer Gefecht. Dann kam auch noch der Corona-Lockdown dazu. Somit begann ich mich etwas näher für die Funktionsweise der Uhren im Geschäft meiner Partnerin Sandra zu interessieren, half beim Batteriewechel und einfacheren Diensten. Nach und nach besorgte ich mir Fachliteratur und kniete mich in die Materie hinein. Und irgendwann beschloss ich, die Ausbildung zum Uhrmacher zu machen, um das Handwerk auch von Grund auf zu erlernen. Allerdings war das mit meinen damals 30 Jahren weit schwieriger als gedacht.“ <BR /><BR /><b>Zunächst Tischler und Dachdecker</b><BR /><BR />Bis dahin war der gelernte Tischler zunächst in der Fertighausbranche tätig gewesen, anschließend für den Dachdeckerbetrieb Gamperdach in Lana. In jenen Jahren hieß es für den unerschrockenen Burschen unter anderem auch Kirchendächer sanieren, folglich wie ein gesicherter Kletterer im Balanceakt die Dachziegel fixieren. So war er einst auch Teil des Teams, welches das großflächige Rautenmuster-Dach des Bozner Doms in Rekordzeit neu eindeckte. Dann aber, mit 30 Jahren, wollte er eben ein neues Kapitel aufschlagen, ein völlig anderes Metier vom Grund auf erlernen. „Wenn man die Altersgrenze von 26 Jahren überschritten hat, ist so eine Ausbildung gar nicht mehr vorgesehen und wird auch nicht mehr mit Beihilfen finanziell unterstützt“, sagt er. Kevin ließ sich aber nicht von seinem Wunsch abbringen und wurde schließlich fündig, und zwar in Würzburg in Niederbayern. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1217991_image" /></div> <BR />Mehr als 550 Kilometer von Lana entfernt, gibt es die Bayerische Uhrmachermeisterschule. Dort erlernte der aufgeschlossene Burggräfler das Uhrmacherhandwerk von der Pike auf. „Natürlich war es für mich nicht einfach, nochmals ganz von vorne anzufangen“, räumt er ein. In seinen vorherigen Berufen verrichtete er körperliche Tätigkeiten, nun waren Fingerfertigkeit und das Verinnerlichen theoretischer Inhalte gefragt. <BR /><BR />Als ausgebildeter Uhrmacher muss man in der Lage sein, eine komplette Uhr selbst herzustellen sowie unterschiedlichste Modelle zu reparieren und zu warten. Gefragt sind neben der ruhigen Hand vor allem Geduld und präzises Arbeiten mit allerkleinsten Komponenten. Das erfordert die Gabe der Konzentration. Kevin nimmt sein Lehr-Uhrwerk aus einem Regal, erläutert die filigranen Komponenten und Federn und sagt: „Ich kann nicht sagen, wie oft ich dieses Teil in seine Einzelteile zerlegt und anschließend wieder zusammengeschraubt habe.“ <BR /><BR />Das Uhrwerk einer gewöhnlichen Armbanduhr ist aus etwa 60 Teilen zusammengesetzt, dies ist sozusagen die Heimat eines jeden Uhrmachers. All diese Komponenten müssen tadellos ineinandergreifen, wobei der wichtigste Teil die sogenannte Unruh ist. Dabei handelt es sich um das feine Feder-Schwingsystem, das für den richtigen Takt in vielen mechanischen Uhrwerken sorgt, sozusagen ist es das Herz der Uhren. Gerade von diesem kleinen Wunder der Mechanik war und ist Kevin Wenin nach wie vor fasziniert. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1217994_image" /></div> Maßgeblich zu seinem Werdegang als Uhrmacher hat auch ein Fachlehrer beigetragen, so wie eben in jeder Schule und bei jeder Ausbildung die Lehrkräfte zum Erfolg ihrer Schützlinge mitverantwortlich sind. Beim jungen Burggräfler war es Michael Eberlein. „Er hat mich großartig unterstützt und war für mich sicherlich auch eine Art Mentor“, erklärt Kevin. Von Vorteil war zudem, die 3-jährige Ausbildung in Blöcken machen zu können, sodass er zwischen Würzburg und Lana hin- und herpendeln und somit auch im Geschäft helfen konnte. <BR /><BR /><b>Südtirols Uhrmacher auf dem Rückzug</b><BR /><BR />Vor zwei Jahren hat Kevin seine Ausbildung erfolgreich mit der Gesellenprüfung an der Uhrmachermeisterschule in Würzburg abgeschlossen, als junger Uhrmacher ist er eine absolute Rarität. „Soweit mir bekannt ist, bin ich nun tatsächlich der jüngste Uhrmacher Südtirols, und das sogar deutlich“, überlegt er. Mit dem Siegeszug der Quarzuhren ist das Gewerbe auf dem Rückzug, in ganz Südtirol gibt es nur mehr an die 30 Uhrmacher-Betriebe, die allermeisten werden von alteingesessenen Meistern geführt. Und diese Meister stehen vielfach kurz vor der Pensionierung, sodass das Uhrmacherhandwerk in Südtirol tatsächlich vom Aussterben bedroht ist. Nachkommende Fachleute sind somit eine absolute Rarität, kaum noch irgendwer beginnt eine Ausbildung. Allerdings wäre der Bedarf da, weil es Spezialisten auch für die neuen Modelle braucht. <BR /><BR />Vor allem im Uhrenmekka Schweiz wird um junge Fachkräfte gebuhlt. Bei einer Lehrfahrt im Zuge der Ausbildung zum Uhrenfabrikanten IWC in Schaffhausen, dem führenden Hersteller von Fliegeruhren, wurde den Uhrmacherschülern der rote Teppich ausgerollt. „In der Schweiz werden Absolventen vor allem von den großen namhaften Herstellern händeringend gesucht, sie dürfen mit besten Arbeitsbedingungen rechnen“, weiß er zu berichten. Dann erinnert sich Kevin doch noch an eine Südtiroler Uhrenmacherin, die ein Jahr jünger ist als er, allerdings lebt und arbeitet sie in der Schweiz. <BR /><BR /><b>Tradition reicht bis zum Urgroßvater Franz</b><BR /><BR />Auch die Augen von Kevin Wenin beginnen zu leuchten, wenn er die namhaftesten Schweizer Uhrmacher-Dynastien aufzählt, so etwa Audemars Piquet, Patek Philipp, aber vor allem den in Sachsen ansässigen Vorzeigebetrieb A. Lange & Söhne. Für Kevin war aber stets klar, dass er in Lana bleiben wird und die lange Uhrmachertradition im Geschäft seiner Frau Sandra, dem Juwelier Plunger, fortsetzen wird. <BR />Diese reicht bis zum Jahr 1907 zurück, als der gelernte Uhrmacher Franz Plunger Sandras Urgroßmutter Karolina Pichler heiratete und mit der Eröffnung des Geschäfts den Grundstein für die Uhrmachertradition legte. Die Kriegszeiten waren von Entbehrungen gekennzeichnet, Franz fiel im Ersten Weltkrieg im Jahre 1914. Zwangsläufig musste Karolina die Geschicke des Betriebes weiterführen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1217997_image" /></div> <BR />Schließlich übernahm Sandras Großvater Rudolf, ebenfalls ausgebildeter Uhrmacher, danach war ihr Vater Günther an der Reihe. Seit über 60 Jahren ist er als Uhrmacher tätig und für sein Knowhow weitum bekannt. Und nun schickt sich also Kevin an, diese Familientradition fortzuführen, indem er überliefertes Wissen mit neuen Ansätzen verbindet.