Natürlich gäbe es viele sportliche Themen, denen ich mich widmen könnte. Unzählige vielleicht sogar. Doch mich treibt etwas anderes um. Ein nun wirklich unwiderrufliches Ende, das mit dem Ableben von Claudia Cardinale einherging. Denn sie war der Kosmos, um den die Geschichte des Eisenbahnbaus in Amerika kreiste mit dem Epos: „Spiel mir das Lied vom Tod“. <BR /><BR />Es war eine geniale Übersetzung, die plakativ genug war, um die Menschen anzulocken. „Once Upon a Time in the West“ hieß das Original des von Sergio Leone 1968 inszenierten Italo-Western. Der Film zählt zu den größten Erfolgen seines Genres sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern. <BR /><BR />Ein Klassiker, der sogar den Weg ins „National Film Registry“ fand. Es war eine epische Geschichte aus Rache, Gier und Mord und es war vor allem natürlich die Musik von Ennio Morricone, die dieser Geschichte eine in jeder Sekunde perfekte Klammer gab. Ich war 15 Jahre alt, als ich mir die Single mit der Titelmelodie von meinem wenigen Taschengeld kaufte, weil ich über den Schleichweg meiner Oma erfahren hatte, dass ich Weihnachten einen Plattenspieler bekommen sollte. <BR /><BR />Es war meine erste Schallplatte. Viele sollten folgen. Als es soweit war, habe ich den Song rauf und runter gespielt und Charles Bronson immer vor mir gesehen, wie er mit seiner Mundharmonika Rätsel aufgab. Auch für „Cheyenne“ gespielt von Jason Robards, der im Reigen der Stars eher unterging und für mich dennoch eine Hauptrolle innehatte.<BR /><BR /> Genauso wie Henry Fonda, der Bösewicht, der Killer und zwischendurch kurz mal Liebhaber unserer Claudia, respektive Jill McBain. Ihren Ehemann und dessen drei Kinder hatte er noch zu Beginn des Films erschossen und als Frau McBain an den Toten vorbei ging, sagte sie beim Blick auf den Jüngsten: „Auch Jimmy“. Mehr nicht. Dazu die Klänge von Morricone und es schien, als würde Claudia Cardinale gar nicht schauspielern. Als wäre es das wirkliche Leben. Sie wirkte gefasst geschockt, wenn es so etwas überhaupt gibt. Und ihr Gesicht und ihre großen Augen: Kaum traute man sich zu atmen im Kinosessel.<BR /><BR /> Jetzt lebt wirklich niemand mehr von der Crew, die an diesem großen Film mitgewirkt hat. Auch nicht Gabriele Ferzetti, der so grandios den von einer Knochentuberkulose im Endstadion geplagten Millionär spielte, der seinen Lebenstraum noch verwirklichen wollte: Die Verlegung des Eisenbahngleises bis hin zum Pazifik. Dazu brauchte er Wasserstellen zur Betankung von Dampflokomotiven. McBain fand eine solche Wasserstelle und wollte Kapital daraus schlagen. <BR /><BR />Aber statt zu verhandeln, ließ sein Mann fürs Grobe, Frank, die Pistolen sprechen. Das war so ziemlich am Anfang des Films, der so großartig startet mit Detailaufnahmen die man auch nicht vergisst, ebenso wie die ersten Worte von Charles Bronson am Bahnhof. Drei Killer warteten auf ihn. <BR /><BR />Als einer von ihnen sagte, sie hätten wohl vergessen, ein zusätzliches Pferd mitzunehmen, sagte „Mundharmonika“ trocken: „Sie hätten nicht ein Pferd zu wenig mitgebracht, sondern zwei zu viel.“ Das Ende ist bekannt. Die Melodie gewann und der Film begann. Und dann musste unsere Claudia alleine mit all den vielen Männern den Bahnhof aufbauen mit dem unfassbar tollen Namen „Sweetwater.“ Was soll man da noch sagen. <h3> Ein Walzer mit Burt Lancaster</h3>Claudia Cardinale hat mit Alain Delon gespielt, mit Jean-Paul Belmondo und sie hat mit Burt Lancaster in „Der Leopard“ getanzt. Es war ein Walzer und es sah so aus, als wären sie eins. Das konnte Claudia Cardinale, ohne groß eine Schauspielschule absolviert zu haben. Sie hat sogar Klaus Kinski in „Fitzcarraldo“ gezähmt, was schon einer Lebensleistung an sich gleichkam. <BR /><BR />Aber für mich war sie die Lady von „Sweetwater“, die das Vermächtnis ihres Ehemannes weiterführte, obwohl sie nie ein Leben mit ihm hatte. Im Staub trug sie das Wasser in Karaffen auf ihren Schultern zu den Arbeitern, die sie bewunderten. Allein die Liebe kam nicht zu ihr. Nicht im Film. <BR /><BR />Ich glaube, sie hatte gehofft, dass „Mundharmonika“ bei ihr bleibt. Mit ihrer rauchigen Stimme sagte sie und wir alle bekamen Gänsehaut: „Sweetwater wartet auf Dich“. Doch Charles Bronson packte seinen Sattel und sagt nur trocken: „Irgendwer wartet immer.“ Ich fand das nicht gut. Er hätte bleiben sollen. Aber so war nun mal das Drehbuch.<h3> Die einzige Frau im Film</h3>Jenes für das Leben hatte für „CC“ wie man sie dann kurzerhand nannte in Italien, auch viele Facetten bereit. Sie kämpfte zum Schluss für die Rechte der Frauen und tat das nicht mit Geschrei, sondern mit Würde. Vor drei Jahren war sie in ihrer letzten Rolle im Drama „The Island of Forgiveness“ zu sehen. „Die Insel der Vergebung“. <BR /><BR />Ein italienisch-tunesisches Drama. Sie hätte es nicht besser treffen können, denn Claudia Cardinale kam ja in Tunis auf die Welt. Ihr Vater war Sizilianer, die Mutter Nachfahrin sizilianischer Auswanderer. Ihre Muttersprache war Sizilianisch. Hochitalienisch lernte sie erst, als sie der Film entdeckte. Die Regisseure Fellini und Visconti waren vernarrt in sie. Claudia Cardinale musste einfach nur anwesend sein. <BR /><BR />Das reichte, um die Kinoleinwand zu füllen. Sie gehörte zu den Menschen, die ohne viel Worte sofort präsent sind. In „Spiel mir das Lied vom Tod“ war sie die einzige Frau auf der Leinwand. Nur Männer um sie herum. Pistoleros, Barbesitzer, Abenteurer und einfache Arbeiter. Aber mehr als Claudia Cardinale musste nicht sein. Jede andere Frau wäre eine zu viel gewesen. Jetzt rauschen in „Sweetwater“ keine Dampflokomotiven mehr vorbei. Aber „Sweetwater“ lebt weiter. <BR /><BR />Ein Ort der Träume und Sehnsüchte, ein Ort, an dem das Gute gesiegt hat, auch wenn schmerzhafte Verluste dafür notwendig waren. Und vielleicht liegt „Sweetwater“ ja dort, wo sie jetzt ist. Mit Charles Bronson, Henry Fonda, Jason Robards, Gabrielle Ferzetti und den vielen, die wir vermissen. Die meisten spielten allerdings nicht in Filmen, sondern in unserem richtigen Leben eine große Rolle. <h3> Zum Autor: Sigi Heinrich</h3><div class="img-embed"><embed id="1218171_image" /></div> <BR /><BR />Der vielfach prämierte Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis), Buchautor, ausgebildeter Sportlehrer, langjähriger Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung und seit 1989 Kommentator bei Eurosport, widmet sich in seiner wöchentlichen Kolumne der gesamten Bandbreite des Sports und gerne auch Themen außerhalb seines beruflichen Umfelds. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.