Es hat klick gemacht und dem Apparat entwich eine kleine Rauchwolke. Die Menschen davor zwickten die Augen zusammen, so als wäre die Aktion gefährlich. Dabei war es nur eine Photographie, die gemacht wurde. Eines meiner ersten Pressephotos. Es war der Gemeinderat einer wirklich kleinen Ortschaft in der Nähe von Bad Tölz, der meinen journalistischen Anfängen beiwohnen durfte. Oder musste, je nach dem. <BR /><BR />Mein Redaktionsleiter hatte mich, den freien Mitarbeiter, dorthin entsandt, um der Weltöffentlichkeit dann mitteilen zu können, wie die neue Besetzung an der Spitze der Dorfregierung aussehen würde. Es waren alles stämmige Kerle (die Frauenquote gab es damals noch nicht) und sie waren trotzdem unsicher ob meiner Bitte um ein Gruppenbild. Ich kann es verstehen. Ich knipste tatsächlich noch mit einer Glühbirne, die vor einen kleinen Trichter geschraubt wurde. Beim Abschrauben nach dem ersten Bild („zur Sicherheit, bitte, noch einmal aufstellen für ein zweites Bild“) konnte man sich die Finger verbrennen (was auch passierte). Da muss man durch als Reporter. Das war klar. Der Apparat wurde dann zum Photogeschäft gebracht, der Film ordentlich in der Dunkelkammer entwickelt („bitte, des eilt, es ist a wichtige G`schicht“) und die Herren in den Lodenjacken landeten tatsächlich in der Zeitung. Natürlich erwarb ich später ein ordentliches Blitzgerät, auch einen neuen Photoapparat. Mit Weitwinkel und Zoom. Ich habe dann die Bilder selbst entwickelt und wenn bei einem Fußballspiel kein Ball drauf war, habe ich einen in der passenden Größe auf das Bild geklebt. Und so sah das dann richtig professionell aus. Das war die einzige Schummelei in meinem neuen Berufsleben, von dem ich damals nicht wusste, wie sich das alles mal entwickeln würde. Es wurde gut. Ich bin zufrieden, glücklich. Leider habe ich mich nicht weiter der Photographie gewidmet, was ich ein wenig bedaure, denn mit der Zeit hätte mit zunehmender Routine vielleicht auch mal ein gutes Bild den Weg ins Licht gefunden. <h3> Selfies sind der Hit</h3>Jetzt ist alles anders geworden. Niemand verbrennt sich mehr die Finger bei Nachtaufnahmen. Der Photoapparat ist im Handy verschwunden. Er ist digital geworden wie die ganze Welt. Und wenn man dieses Telephon, das ja längst ein zweites Herz für die Menschen geworden ist, umdreht, also verkehrt herum hält, kann man sich selber photographieren. Und den Hintergrund dazu. Und das genau ist die eigentliche Revolution, die mehr ist als eine Folgeerscheinung immer weiter verbesserter Technik. Die Objekte sind nämlich nicht mehr der Mittelpunkt, sondern der Mensch mit dem Handy. Selfie heißt das wohl. Man könnte meinen, es sei eine neue Kunstgattung. Dabei ist es längst eine nicht mehr tragbare gesellschaftliche Entwicklung geworden, die vieles, zu vieles verändert. Man geht also nicht mehr in den Louvre, um die „Mona Lisa“ abzulichten (falls man das überhaupt darf), sondern man stellt sich vor das Bild von Leonardo da Vinci. Dabei rempelt man andere Museumsbesucher an, verdeckt die Sicht für die Selbstinszenierung. Das Bild, die Geschichte dahinter, interessiert nicht mal mehr am Rande. Mona Lisa ist bloß noch Zaungast. Das ist nur eine Episode. Es geht nämlich weiter. <BR /><BR />In Südtirol gibt es Berge, wie auch in der Schweiz oder in Österreich. Und zu den sogenannten „Hotspots“ reisen Menschen aus der ganzen Welt. Mit Liftanlagen werden sie bis in Gletscherregionen befördert und machen dann dort in ihren Sandalen und kurzen Hosen und dünnen Hemden ihre „Selfies“. Auch das Essen danach wird abgelichtet (Auf dem Jungfraujoch gibt es Shushi für die japanischen Touristen). Es geht nicht mehr darum, den Berg zu dokumentieren, zu photographieren. Er ist nur noch Attrappe und könnte auch aus Pappe sein. Die neuen Photographen mit ihren Handys würden das nicht merken. Leider ist auf diese Idee noch niemand gekommen, so dass die Touristen halt doch noch „vor Ort“ kommen müssen. In Heerscharen tun sie das. Aber eben nicht, um die atemberaubenden Gipfel und schön präparierten Almwiesen zu bewundern oder gar einzutauchen in diese wunderbare Landschaft, sondern um sich selbst zu feiern. Narzisstisch pflügen sie Hannibal gleich durch die Gegend. Die Natur ist zur Kulisse verkommen, ihr Erhalt schert die Selfie-Jünger nicht die Bohne. <h3> Gletscherschmelze als Rettung</h3>Es herrscht Krieg in den Bergen. Ein anderer, als wir ihn kennen. Das ist noch ein Glück. Aber es ist durch die neue Art, die Welt zu sehen durch das Guckloch des Handys mit dem eigenen Gesicht im Vordergrund, zu einer Konfrontation gekommen zwischen Touristen und jenen, die an diesen Orten leben. Unter diesen neuen Begebenheiten leiden auch die Bergwanderer, jene, die das Naturerlebnis suchen und nur noch Chaos vorfinden. Klar, könnte man einwerfen, dass es noch genug Routen abseits der Busspuren gibt, die man sich aussuchen könnte. Das hieße indes auch, dass man sich geschlagen gäbe und die Geister, die man rief, letztendlich einen triumphalen Sieg davontragen würden. Das alles hat auch mit einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung zu tun. Rücksichtslosigkeit ist angesagt. Vorfahrt für mich, den zahlenden Touristen. <BR /><BR />Ein paar Profiteure der neuen Völkerwanderung reiben sich die Hände, doch auch die werden sich noch wundern, denn viele kommen tatsächlich nur noch, um sich vor einem monumentalen Hintergrund abzulichten. Die Verköstigung und Übernachtung findet andernorts statt. Derweil schaut die einheimische Bevölkerung mit dem berühmten Ofenrohr ins Gebirge und stellt fest, nachdem sie wieder einmal von einem Konvoi an Bussen überrollt worden ist: Wohlstand hat auch mit Lebensqualität zu tun. Doch die schmilzt schneller als die Gletscher, die als markanten Hintergrund bald nur noch ein Rinnsal zu bieten haben. Vielleicht kehrt dann wieder mehr Ruhe ein. Momentan gibt es wohl kein Rezept und schon gar kein Allheilmittel gegen die Massenbelagerung aus der Fremde und um an die Vernunft zu appellieren, ist es wohl schon zu spät. Drehkreuze, Mautgebühren und Eintrittskarten nach vorheriger Anmeldung sind nur Ausdruck der Hilflosigkeit gegenüber einem aus der Kontrolle geratenen Tourismus. Nicht nur in Südtirol. Aber das ist auch kein Trost. <BR /><h3> Zum Autor: Sigi Heinrich</h3><i>Der vielfach prämierte Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreise, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis) Sportlehrer, Buchautor, langjähriger Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung und seit 1989 Kommentator bei Eurosport, widmet sich in seiner wöchentlichen Kolumne nicht nur sportlichen Aspekten, sondern vieles, was ihn bewegt. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.</i>